Stolpersteine Gelsenkirchen

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

← Aktuelles

Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen am 20. August 2011
Redebeitrag von Heike Jordan

Stolperstein Andreas Schillack junior

- Es gilt das gesprochene Wort -

Heike Jordan sprichtHeike Jordan spricht.

Andreas Schillack junior, geboren am 30. November 1907, wohnte an der Essener Strasse 71 in Gelsenkirchen-Horst und war als Bergmann tätig. Er gehörte in der NS-Zeit der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an, die seit etwa 1943 im Ruhrgebiet und anderen Städten aktiv war.

Ein Genosse aus der gemeinsamen KPD-Zeit in Horst-Emscher war bereits Anfang der 1940er Jahre vor den Nazis aus Gelsenkirchen nach Pelkum geflüchtet. Dort war auch Andreas Schillack senior, der Onkel von Andreas Schillack junior, aktiv im Kommunistischen Widerstand tätig. Ein wichtiges Detail darf im in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Die Informationen der Gestapo, die zur Verhaftung der Widerstandsgruppe Zielasko und in der Folge zu vielen Todesurteilen führte, kamen von dem ehemaligen KPD-Mann Christian Tippmann, der ebenfalls aus Horst stammte. Nach der Machtübergabe an die Nazis wandelte sich Tippmanns politische Gesinnung. So trat er 1933 in die SS und die NSDAP ein. 1939 ging auch Tippmann nach Herringen bei Pelkum, beide Orte gehören heute zu Hamm.

Spätestens im Juli 1943 hatte die Gestapo dann die ersten Informationen über die Tätigkeit Zielaskos in Gladbeck, Gelsenkirchen und weiteren Städten im Ruhrgebiet. In einem Telegramm der Stapoleitstelle Münster vom 22. Juli 1943 hieß es: "Zielasko ist wieder in Erscheinung getreten und versucht eine illegale KPD-Gruppe zu gründen." Der vom so genannten "Volksgerichtshof" ausgestellte Haftbefehl für die Mitglieder der Widerstandsgruppe datiert auf den 26. Mai 1944, Andreas Schillack junior wurde am 12. August 1944 festgenommen.

Mit welcher ungeheuren Brutalität die Gestapo gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe Zielasko vorgingen, macht folgende Aussage eines Gladbecker Verwaltungssekretärs aus dem Jahre 1947 deutlich: "So wurden alle die im Prozeß Zielasko angeschuldigten Personen, wenn sie misshandelt worden sind, von den fremden Gestapobeamten des Reichssicherheitshauptamtes Berlin gefoltert. Ich selbst, der Vernehmungsführer, habe an einem Tage, als der Fall Zielasko hier bei der Gestapo bearbeitet wurde, es war gerade Fliegeralarm, gesehen, wie zwei fremde Gestapobeamte vor der Haupteingangstür des hiesigen Polizeigefängnisses standen und ganz offen Folterwerkzeuge, Daumenschrauben, Handpressen, Beinpressen, Ketten mit Widerhaken usw. in den Händen hielten. Diese Wahrnehmung haben noch viele weitere Beamte und Angestellte der im Polizeiamt befindlichen staatlichen Behörden gemacht."

Andreas Schillack junior wurde in einem so genannten „Gerichtsverfahren“ vor dem "Volksgerichtshof" vorgeworfen, er habe Franz Zielasko mit Brotmarken für 600 g, einer Dose Schuhcreme und einer Tube Zahnpasta unterstützt. Aufgrund dieses "Verbrechens" wird Schillack junior zum Tode verurteilt und am 20. Oktober 1944 in München-Stadelheim von dem Scharfrichter enthauptet, unter dessen Guillotine auch Hans und Sophie Scholl und weitere Mitglieder der "Weißen Rose" starben.

Akribisch hielten die Nazis in einem Bericht an den "Reichsminister der Justiz" den Verlauf der Hinrichtung von Andreas Schillack junior und den anderen zum Tode Verurteilten, darunter auch sein Onkel Andreas Schillack senior fest: "(...) Der Hinrichtungsvorgang dauerte vom verlassen der Zelle an gerechnet 51 Sekunden bis 1 Minute 4 Sekunden, von der Übergabe an den Scharfrichter bis zum Fallen des Beiles 7-10 Sekunden. Zwischenfälle oder sonstige Vorkommnisse von Bedeutung sind nicht zu berichten." Vom 27. November 1944 datiert die lapidare Benachrichtigung der NS-Justizbehörde an Maria Schillack: "Das Urteil des "Volksgerichtshof" vom 18. Juli 1944 gegen Ihren Ehemann ist am 20. Oktober 1944 vollstreckt worden. Die Veröffentlichung einer Todesanzeige ist unzulässig."


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2011

↑ Seitenanfang