Stolpersteine Gelsenkirchen

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Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen am 1. August 2011

Redebeiträge von Heike Jordan

Stolpersteine Familie Hirschhorn

Heike Jordan bei der Verlegung von Stolpersteinen 2011

- Es gilt das gesprochene Wort -

Hermann Hirschhorn wurde am 3. März 1894 in Skole geboren. Er war von Beruf Kaufmann. Hermann Hirschhorn war mit Martha Karpf, geboren am 10.10.1905 in Wenkheim/Kreis Mosbach, verheiratet. Das Ehepaar hatte drei in Gelsenkirchen geborene Kinder, den am 21. Mai 1921 geborenen Heinrich, die am 4. Juli 1929 geborene Käthe und die am 15. September 1932 geborene Ruth. Die Familie Hirschhorn wohnte bereits seit 1930 an der damaligen Bismarkstrasse 158. Hermann Hirschhorn wurde im Sommer 1940 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Von dort wurde er am 3. September 1940 in das KZ Dachau überstellt. Am 23. Januar 1941 wurde er von Dachau weiter in das KZ Neuengamme verschleppt. Hermann Hirschhorn starb am 18. Juni 1942 im KZ Neuengamme, angeblich an "Lungenentzündung".

Martha Hirschhorn wurde zusammen mit ihren drei Kindern Heinrich, Käthe und Ruth am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Heinrich wurde von der Familie getrennt. Am 9. August 1944 wurde er in das KZ Stutthof verschleppt. Von dort wurde er weiter in das KZ Buchenwald überstellt. Am 8. September 1944 befand er sich im Außenkommando "Wille" bei Tröglitz/Rehmsdorf. Dort waren die Häftlinge zunächst in einem Zeltlager untergebracht und wurden zur Enttrümmerung und Aufräumarbeiten nach Bombenschäden durch alliierte Luftangriffe auf das dortige Hydrierwerk der BRABAG eingesetzt. Eine Zeitlang wurden die Häftlinge auch zum Bau von Luftschutzstollen in unmittelbarer Nähe des KZ-Zeltlagers herangezogen. Die Stollen sollten den Angestellten des Hydrierwerks Schutz bei Bombenangriffen bieten. Den Häftlingen jedoch war der Zutritt zum Stollen bei Fliegeralarm verboten, sie waren dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert. Heinrich Hirschhorn wurde bei einem der Bombenangriffe Ende November 1944 tödlich verletzt.

Martha und ihre Töchter sind von der Sicherheitspolizei Kauen am 4. August 1944 in einem Transport von insgesamt 1.321 Menschen von Riga in das KZ Stutthof eingeliefert worden. Die Spuren der drei weiblichen Familienmitglieder der Familie Hirschhorn verlieren sich im KZ Stutthof bei Danzig.

Das Verfolgungsschicksal der Familie Hirschhorn ließ sich nur anhand der wenigen erhaltenen Akten der NS-Verfolgungsbehörden rekonstruieren. Diese Aufzeichnungen über die Familie Hirschhorn beschränken sich auf die Orte der Inhaftierung, auf die Zuteilungen von Häftlingsnummern und auf die Angaben zum Zwangsarbeitseinsatz.

Vom zunehmenden Verfolgungsdruck, von den Ängsten, Sorgen und Nöten der verfolgten, entrechteten und gedemütigten Menschen berichten diese Akten jedoch nicht. Sie erzählen uns nichts über dass unermessliche Leid, dass Hermann, Martha, Heinrich, Käthe und Ruth Hirschhorn ertragen mussten, bis sie schließlich von den Nazi-Schergen ermordet wurden.

Stolperstein Isidor Kahn

Mit dem ersten Deportationszug aus Gelsenkirchen, der die Stadt am 27. Januar 1942 verließ, wurden 355 Gelsenkirchener Juden - wie die Nazis es in ihrer Tarnsprache nannten - "nach dem Osten evakuiert". Tatsächlich aber bedeutete Evakuierung nichts anderes als späterer Massenmord. Unter den Deportierten befand sich auch der am 22. Februar 1872 in Freudenberg geborene Isidor Kahn. Der verwitwete Kaufmann Isidor Kahn lebte bis zu diesem Tag hier im Lörenkamp 2.

Die zur Deportation vorgesehenen jüdischen Menschen wurden im Januar 1942 zunächst über mehrere Tage in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz gesammelt, bevor sie am 27. Januar gezwungen wurden, am Güterbahnhof den Deportationszug zu besteigen. Der Zug fuhr von Gelsenkirchen über Dortmund, Bielefeld und Hannover, unterwegs mussten weitere Menschen jüdischer Herkunft zusteigen. Der Zug mit schließlich 1000 Menschen wurde dann weiter Richtung Riga geleitet. Einer der wenigen Überlebenden erzählte später: „Im Zug war es tagsüber sehr heiß, nachts gefror das Wasser an den Scheiben. Glück für uns: so konnten wir das gefrorene Wasser von den Fenstern ablecken, damit wir nicht ganz verdursten"

Am 1. Februar erreichte der Menschentransport schließlich den Bahnhof Riga-Skirotava in Lettland. Unter wüsten Beschimpfungen und Schlägen wurden die Menschen aus den Waggons getrieben. Teuflisches Detail: Die SS bot den Schwachen und nicht mehr Gehfähigen an, auf wartende Lkws zu steigen, um sich so den mehrere Kilometer langen Fußmarsch ins Ghetto zu ersparen. Was diese Menschen nicht wußten: die LKW fuhren nicht in das Ghetto, sondern gradewegs zu bereits ausgehobenen Massengräbern in den nahen Wäldern. Logik der SS: Wer nicht laufen konnte, konnte auch nicht arbeiten und hatte somit kein Recht auf Leben. Am Rand der Massengräber wurden diese Menschen dann erschossen.

Das Ghetto in Riga war am 30. November 1941 kurz vor der Ankunft der ersten Transportzüge mit Menschen jüdischer Herkunft aus dem Reichsgebiet "freigemacht" worden, wie es im SS-Jargon hieß. Am 30. November 1941 und am am 8. und 9. Dezember 1941 wurden bei Mordaktionen mehr als 27.000 Menschen an ausgehobenen Gruben in den nahen Wäldern von Riga erschossen. Die SS und die deutsche Ordnungspolizei hatten die lettischen Juden, die bis dahin im Ghetto Riga untergebracht waren, kurzerhand ermordet, um so Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen.

Bei der Auflösung des Ghettos Riga am 2. November 1943 forderte eine letzte Selektion während der Räumung des Ghettos weitere 2.400 Menschenleben. Die SS wählte bei dieser Aktion - wie die Nazis es nannten - vorwiegend Kinder unter 10 Jahren, Alte, Kranke und Arbeitsunfähige zur Ermordung aus. Auch Isidor Kahn aus Gelsenkirchen ist bei dieser so genannten "Aktionen" ermordet worden.

Stolperstein Paul Kusz

Lange Zeit ist das menschenverachtende und blutige Wirken der deutschen Militärjustiz in der NS-Zeit verdrängt, vergessen und verfälscht worden. Inzwischen weiß man, dass die deutschen Militär- und Feldgerichte im II. Weltkrieg mehr Menschen mit der Todesstrafe belegten und hinrichten ließen, als der so genannte "Volksgerichtshof" und die "Sondergerichte" während der gesamten NS-Zeit zusammen. Auch Paul Kusz, an den wir heute an seinem letzten Wohnort mit der Verlegung eines Stolpersteins erinnern, ist ein Opfer der NS-Militärjustiz.

Paul Kusz wurde am 3. August 1918 in Gelsenkirchen geboren. Er war verheiratet und Vater eines Kindes, von Beruf war er Autoschlosser. Zunächst als "wehrunwürdig" eingestuft, wurde Paul Kusz dennoch im Oktober 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Zwangsläufig ergaben die zu Paul Kusz recherchierten Daten aus den Akten der NS-Justiz und der NS-Verfolgungsbehörden das Bild von einer kriminellen Karriere, die in Wirklichkeit eine Opferkarriere war.

Im Februar 1944 befand sich Paul Kusz zur Beobachtung in einem Reserve-Lazarett in Burgsteinfurt. Von seiner Dienststelle erhielt er vom 2. bis zu 6. Februar 1944 Sonderurlaub, um seine Wohnungseinrichtung von Gelsenkirchen nach Bad Salzuflen zu bringen, wohin seine Frau zwischenzeitlich gezogen war.

Am 12. Februar 1944 erstattete der Chefarzt des Lazaretts Tatbericht wegen des Verdachts der "unerlaubten Entfernung von der Truppe". Am 18. April wurde Paul Kusz festgenommen. Paul Kusz gab in den Vernehmungen zu, aus dem Urlaub nicht zurückgekehrt zu sein, nach eigenen Angaben habe er sich die meiste Zeit in Gelsenkirchen aufgehalten.

Das Gericht der 176. Division verurteilte ihn daraufhin am 12. Mai 1944 in Bielefeld wegen "Fahnenflucht" zum Tode. Für die vorgeworfenen angeblichen Begleitdelikte erhielt er zum Todesurteil zusätzlich eine Zuchthausstrafe von vier Jahren. Auch die Wehrwürdigkeit und die bürgerliche Ehrenrechte wurden ihm aberkannt. Am 7. Juli wurde das Urteil bestätigt und die Vollstreckung angeordnet.

Am Morgen des 21. Juli 1944 wurde Paul Kusz von der Wehrmachtstrafanstalt in Osnabrück nach Dortmund überstellt und dort um 17:55 Uhr im Dortmunder Gerichtsgefängnis enthauptet. Paul Kusz wurde in einem Einzelgrab auf dem Dortmunder Hauptfriedhof bestattet, heute befindet sich sein Grab auf einem Ehrenfeld des Hauptfriedhofs.


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2011

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