STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen am 20. August 2011
Redebeiträge von Herbert Thomas

Stolperstein Robert Mäusert

- Es gilt das gesprochene Wort -

Herbert Thomas sprichtHerbert Thomas spricht.

Wir gedenken heute hier an dieser Stelle des Todes von Robert Mäusert! Robert Mäusert wurde vor 119 Jahren am 24. Juli 1892 in Pommern – Darsener Mühle – geboren. Damals hieß er Robert Mischnick. Zur Namensänderung kam es erst später.

1917 – mitten im Ersten Weltkrieg – heiratete er Elfriede Luise Lassig, die ebenfalls aus Pommern stammte. Das junge Ehepaar siedelte sich 1921 in Gelsenkirchen Buer an, wo Robert damals noch Mischnick als Bergmann arbeitete. Das war also vor 90 Jahren hier Im Bahnwinkel 10.In den folgenden Jahren bekamen die Mischnicks dreimal Nachwuchs und es freut mich, heute hier seinen Enkel - Herrn Lothar Jendreny – unter uns zu wissen. 1927 änderte Robert Mischnick den Namen sämtlicher Familienmitglieder auf Mäusert, weil, so sein Enkel, dessen Vater die religiöse Umorientierung seines Sohnes Robert vehement ablehnte.

Robert Mäusert war zwischenzeitlich mit seiner Frau aus der Kirche ausgetreten und hat sich, ebenfalls wie seine Frau, den Bibelforschern, wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden, zugewandt. Sofort nach Hitlers Machtergreifung, gerieten auch die Bibelforscher ins Visier der Gestapo. Zunächst kam es zu etlichen Hausdurchsuchungen, doch Robert Mäusert hatte vorsorglich im Hühnerstall eine doppelte Wand errichtet, hinter der sich die versteckte Wachtturm-Literatur befand und so suchte die Gestapo dort vergeblich. Im April 1936 kam Robert Mäusert jedoch in Haft. Zusammen mit anderen 29 Zeugen Jehovas aus Gelsenkirchen Buer (darunter auch das Ehepaar Gorny aus der Königgrätzer Straße 20, wo wir uns gleich noch hinbegeben).

Das Gericht warf Robert und Frieda vor, nach dem Verbot „an den Wohnungsversammlungen“ teilgenommen zu haben und die „Organisation der EBV (Ernsten Bibelforschervereinigung), nach dem Verbot neu aufgezogen, fortgesetzt und unterhalten zu haben“. Man kann die Eiseskälte nur erahnen, mit der Staatsanwalt und Gericht auf einfache Arbeiter und Hausfrauen verbal einschlugen. Ein „Vorgeschmack“ auf die folgenden körperlichen Misshandlungen. Belegt ist, dass Robert Mäusert dann „auf Anordnung der Gestapo-Leitstelle Münster am 23. Januar 1937 wegen religiöser Betätigung (als Bibelforscher) festgenommen wurde. Er kam für 10 Monate ins Gefängnis nach Hamm und anschließend in so genannte Schutzhaft ins KZ Buchenwald (bei Weimar). Dort musste Robert Mäusert, wie der ebenfalls aus Gelsenkirchen stammende Michael Wnendt, im Steinbruch arbeiten. Nicht genug damit, dass beide sehr unter Hunger zu leiden hatten, überschüttete die SS Wnendt und Mäusert bei Minus-Temperaturen mit Wasser, wie Wnendt später der Familie berichtete.

Der Historiker Detlef Garbe schreibt in seinem Buch „Zwischen Widerstand und Martyrium“: „Von allen christlichen Gemeinschaften wurden die Zeugen Jehovas unter der nationalsozialistischen Herrschaft am weitaus härtesten und unerbittlichsten verfolgt.“

1939 kam Frieda Mäusert für neun Monate ins Gefängnis. In dieser Zeit erlitt die damals 44-Jährige einen Schlaganfall. Die drei Kinder konnten bei der couragierten Großmutter mütterlicherseits bleiben, die zwar andern Glaubens war, aber der Religion ihrer Tochter und Familie gegenüber tolerant war. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass den Kindern die Unterbringung bei musterhaften Nazi-Familien erspart blieb.

Robert Mäusert kam 1940 vom KZ Buchenwald auf die Wewelsburg bei Paderborn, um dann 1943 ins KZ Ravensbrück überführt zu werden. Er erlebte zwar die Befreiung des KZ Ravensbrück am 6. Mai 1945 durch die Amerikaner, doch er war zu diesem Zeitpunkt völlig erschöpft, so dass er mit einer Transportkarre befördert werden musste. Auf dem Weg über die Elbe in Richtung Westen verstarb Robert Mäusert am 08. Mai im Alter von 53 Jahren. Es war der Tag der Kapitulation Hitlerdeutschlands. Seine Glaubensbrüder beerdigten ihn in Wittenberge an der Elbe auf dem Ehrenfriedhof.

Frieda Mäusert heiratete 1947 Michael Wnendt, der mit ihrem verstorbenen Mann Robert im KZ Buchenwald inhaftiert war. Robert Mäuserts Kinder machten sich die religiöse Überzeugung der Eltern zu eigen und ließen sich nach dem Krieg als Zeugen Jehovas taufen. Frieda Wnendt verstarb 1956 mit 60 Jahren. Angesichts der Holocaustleugner, man nennt sie auch „Mörder des Gedächtnisses“*, bleiben uns so glaubensstarke Menschen wie Robert Mäusert umso lebendiger in Erinnerung.

 

Stolperstein – Wilhelm Gorny 

Wir gedenken heute hier an dieser Stelle des Todes von Wilhelm Gorny! Er starb, weil er zur religiösen Minderheit der Zeugen Jehovas gehörte.

Wilhelm Gorny wurde am 05. Januar des Jahres 1899 in Gelsenkirchen geboren und lebte mit Ehefrau Ida und Sohn Helmut hier in Buer in der Königgrätzer Straße 20. Ich freue mich, dass sein Sohn, Herr Helmut Gorny, heute anwesend sein kann.

Zur Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas äußerte der ehemalige Ministerpräsident unseres Bundeslandes Johannes Rau: „Öffentliche Erinnerung kann zugefügtes Leid nicht ungeschehen machen. Aber sie gibt den Verfolgten und ihren Angehörigen ein Stück der Anerkennung zurück, die ihnen von den Nationalsozialisten gewaltsam entzogen wurde“.

Das Ehepaar Gorny gehörte seit Ende der 1920er Jahre der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (IBV) an. Seit 1931 ist diese Glaubensgemeinschaft als „Jehovas Zeugen“ bekannt. Trotz eines sofort nach der Machtergreifung der Nazis erlassenen Verbotes religiöser Aktivitäten, fanden in Gornys Wohnung Zusammenkünfte statt. Auch befand sich dort ein Literaturlager mit verbotenen Wachtturm-Schriften. Diese beschlagnahmte die Gestapo bei ihren wiederholten Hausdurchsuchungen. Brachten doch die Schriften der Zeugen Jehovas weltweit „ausführliche und detaillierte Nachrichten über die Zustände in den Lagern, über Misshandlungen, Folterungen, … und die schlechten Lebensbedingungen… über das Schicksal der Zeugen und das der Juden in den Konzentrationslagern…. Vor 1939 wurden solche Materialien auch in Deutschland durch die Untergrundtätigkeit der Zeugen Jehovas relativ gut verbreitet“.

Am 17. April 1936 wurde Wilhelm Gorny von dieser Stelle aus verhaftet und kam in Untersuchungshaft, zusammen mit 30 weiteren Zeugen Jehovas, darunter auch das Ehepaar Mäusert. Am 04. Dezember 1936 verurteilt ein Sondergericht Wilhelm zu 2 ½ Jahren Gefängnishaft und seine Frau Ida zu sechs Monaten auf Bewährung. Begründung,: er habe „unter völliger Missachtung des Verbots durch höchste persönliche Aktivität, die IBV in der Stadt Gelsenkirchen Buer wieder zu neuem straff geordnetem Leben erweckt und laufend unterhalten“. Nach Verbüßung der Haftstrafe in Hamm wurde Wilhelm Gorny der Gestapo übergeben, wo er sich offensichtlich trotz brutaler Verhörmethoden wie fast alle Zeugen Jehovas weigerte, jene Erklärung zu unterschreiben, die man nur dieser Häftlingsgruppe vorlegte, wodurch sie ihren Glauben verleugnen würden, um sofort frei zu kommen.

Die Gestapo überstellte Gorny ins KZ Buchenwald, wo er am 27. Oktober 1938 die Häftlingsnummer 1560 erhielt und einen „lila Winkel“ tragen musste. Nun gehörte er zu jener besonderen Häftlingsgruppe, von der der Historiker Hans Hesse sagt: „ -dass die Zeugen Jehovas geschlossen und unbeugsam dem Nationalsozialismus widerstanden, dass sie unter den wehrmachtgerichtlich abgeurteilten Kriegsdienstverweigerern mit Abstand die größte Zahl stellten.“

Wie die Familie von Wilhelm Gorny später erfuhr, musste er dort im Steinbruch arbeiten und hatte mehrere Unfälle. Wiederholt wurde er von der SS geschlagen. Kurz vor der Befreiung des KZ kam Gorny auf einen Gefangenentransport mit dem Ziel Dachau. Bereits bei Amberg i.d. Oberpfalz befreiten die Amerikaner die Häftlinge. Am 05. Mai 1945 kam er krank und völlig erschöpft ins dortige Lazarett. Nach 11 Tagen verstarb Wilhelm Gorny im Alter von 46 Jahren an den Folgen der in neun Jahren Haft erduldeten Misshandlungen.
Er wurde auf dem Amberger Kriegerfriedhof begraben.

Henry Friedlander, Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme und Ravensbrück, Historiker und Professor für Zeitgeschichte am Brooklyn College der City University of New York, sagte über Jehovas Zeugen: „...sie konnten den Hitlergruß nicht erweisen… Die Gläubigen der deutschen Mehrheitsreligionen, der evangelischen und der katholischen Kirche, sowie die ehemaligen Mitglieder der verbotenen Parteien kämpften in der Wehrmacht für das nationalsozialistische Reich. Die Zeugen Jehovas litten und starben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, weil sie ein derartiges Mitwirken ablehnten.“

Der zum Tode verurteilte Zeuge Jehovas Franz Wohlfahrt verfasste 1944 in einem KZ ein Abschiedsgedicht, welches Wilhelm Gorny sicherlich aus dem Herzen gesprochen hätte:

„ Ich bleibe fest in meinem Glauben,
wenn die Welt auch höhnt und schreit;
ich bleibe fest in meinem Hoffen,
auf eine schöne bessre Zeit.
Ich bleibe fest in meinem Lieben,
wenn auch die Welt mit Hass mir`s lohnt;
ich bleibe fest in meiner Treue,
wenn auch die Welt der Untreu front.
Von Gottes Wort fließt die Kraft der Starken,
die auch aus Schwachen Kämpfer macht;
ich bleibe fest durch Gottes Gnade,
ich bleib es nicht aus eigener Kraft.
Ich bleibe fest, gilt`s auch mein Leben;
und geb ich meines Odems Rest,
Ihr sollt vom letzten Hauch noch hören:
Ich bleibe fest, ich bleibe fest, ich bleibe fest.“


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2011

↑ Seitenanfang