STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen - Redebeiträge von Dr. Michael Krenzer

Reden von Dr. Michael Krenzer anlässlich der Stolpersteinverlegungen für Friederich Poburski und Peter Heinen in Gelsenkirchen, 1. August 2011

Stolperstein – FRIEDRICH POBURSKI

Dr. Michael Krenzer sprichtbei der Verlegung von Stolpersteinen 2011

- Es gilt das gesprochene Wort -

Wir gedenken heute des Todes von Friedrich Poburski.
Friedrich Poburski wurde 1897 geboren und wohnte in Gelsenkirchen in der Vandalenstraße 14. Er verstarb am 16. April 1945 im KZ Bergen-Belsen, nur einen Tag nach der Befreiung des Lagers durch britische Truppen.

Friedrich Poburski stammte aus Westpreußen. 1926 kam er nach Gelsenkirchen. Mit seiner Frau Hedwig und der Tochter Hedwig-Elli fand er in der Vandalenstraße 14 ein neues Zuhause. Der junge Familienvater verletzte sich bei einem Arbeitsunfall so schwer, dass er fortan eine Beinprothese tragen musste. Sein Arbeitgeber beschäftigte ihn jedoch weiterhin als Nachtwächter. Vielleicht war es dieses tragische Ereignis, das sein Interesse an Religion weckte. Vielleicht waren es die langen durchwachten Nächte, die viel Zeit zum Nachdenken ließen. Wir wissen es nicht.

Wir wissen aber, dass sich Friedrich Poburksi 1935 als Zeuge Jehovas taufen ließ. Dies war ein mutiger Schritt, denn zu dieser Zeit war die Religionsgemeinschaft längst verboten und ihre Anhänger wurden gnadenlos verfolgt. Auch Friedrich Poburski geriet schnell ins Visier der Nationalsozialisten, weil er auf Grund seiner christlichen Neutralität nicht zur „Wahl“ ging. Die Gestapo führte mehrfach Haussuchungen in der Vandalenstraße durch. Sie fand aber kein belastendes Material, weil Friedrich Poburski die verbotene Wachtturm-Literatur in einem Geheimfach in der Speisekammer sicher versteckt hatte. Gemeinsam mit dem Gelsenkirchener Zeugen Jehovas Gustav Gunia hatte er die gefährliche Aufgabe übernommen, seine Glaubensbrüder in der Umgebung mit dieser Literatur zu versorgen.

Bereits im Jahr seiner Taufe begann Friedrich Poburskis langer Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager: 1935 verurteilte das Essener Strafgericht ihn zu drei Monaten Gefängnis. 1938 verhängte das Sondergericht „wegen verbotener Bibelforschertätigkeit" ein Jahr und vier Monate. Tochter Hedwig-Elli konnte ihren Vater im September 1939 im Bochumer Gefängnis besuchen. Dort erzählte er ihr, dass ihm eine Erklärung zum Abschwören seines Glaubens vorgelegt worden war. Er hatte sich jedoch geweigert, sie zu unterschreiben, obwohl er wusste, was das bedeutete.

Seit dem Frühjahr 1937 verfügte ein Erlass der Gestapo:

„Sämtliche Anhänger der IBV, die nach Beendigung der Strafhaft aus den Gefängnissen entlassen werden, sind unverzüglich in Schutzhaft zu nehmen; ihre Überführung in ein Konzentrationslager ist ... zu beantragen.“ Friedrich Poburskis kam am 2. November 1939 im KZ Sachsenhausen an. Von nun an war er für seine Peiniger nur noch eine Nummer: 3329. Aber nicht für seine Glaubensbrüder, die Häftlinge mit dem lila Winkel, die er im KZ vorfand.

Der Historiker Christoph Daxelmüller schreibt:

„Zweifelsohne bildeten die Zeugen Jehovas eine der festesten Solidargemeinschaften in der Konfliktzone der nationalsozialistischen Konzentrationslager.“
„Paket- und Geldsendungen wurden … gleichberechtigt verteilt, so daß auch Schwächere und Häftlinge ohne Angehörige unterstützt werden konnten. Bei Krankheiten und Verletzungen pflegten sie sich untereinander. Wurde ein Glaubensbruder mit Essensentzug bestraft, teilten sie ihre Rationen mit ihm.“

Auch ihr Glaubensleben setzten Jehovas Zeugen im Lager fort: Sie hielten gemeinsame Bibelstunden ab. Es wurde illegale Literatur in die Lager geschmuggelt und in manchen Fällen dort sogar vervielfältigt. Auch Friedrich Poburski gelang es auf ungewöhnliche Weise, eine Bibel in das KZ Sachsenhausen mitzunehmen. Noch im Gefängnis führte er mit Absicht eine Entzündung an seinem Knie herbei, um so eine neue Prothese zu bekommen. Darin verborgen konnte er die für ihn so wichtige Bibel ins KZ schmuggeln. Unermüdlich gaben Jehovas Zeugen ihren Mithäftlingen oder sogar dem Wachpersonal „Zeugnis“. Einige Mithäftlinge nahmen tatsächlich ihren Glauben an; so fanden in den KZ sogar heimliche Taufen statt.

Viele Berichte von Überlebenden bewundern die Glaubensfestigkeit und innere Ausgeglichenheit, die Tapferkeit und Sturheit sowie die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Häftlinge mit dem lila Winkel. Auch Friedrich Poburski profitierte von dieser Solidarität: Dass er als Invalide nicht der Vergasung zum Opfer fiel, verdankte er seinem Glaubensbruder Ernst Seliger, der im KZ Sachsenhausen die Aufsicht über die Krankenstation führte. Seliger forderte Friedrich Poburksi als Hilfskraft für die Station an und ermöglichte ihm so das Überleben.

Ende 1944 wurde Friedrich Poburski in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verlegt. Am 15. April 1945 erlebte er noch die Befreiung des Lagers durch die Briten. Doch nur einen Tag später, am 16. April 1945, verstarb Friedrich Poburksi im Alter von 48 Jahren an Hungertyphus.

„... ich gebe lieber mein Leben als meine geistige Freiheit ....“ Dieser Satz aus einem Protestschreiben des Zeugen Jehovas Wilhelm Zimmer hätte auch von Friedrich Poburski stammen können. Eine Unterschrift hätte genügt, ihn vor dem KZ zu bewahren und sein Leben zu retten. Friedrich Poburski war jedoch seine geistige Freiheit wichtiger, auch wenn dies seinen Tod bedeutete.

Stolperstein – PETER HEINEN

Wir gedenken heute des Todes von Peter Heinen! Peter Heinen wurde 1902 geboren und wohnte in Gelsenkirchen in der Neuhüller Straße 27. Am Mittwoch, dem 7. Oktober 1936, wurde er von der Gestapo verhaftet. Zwei Tage später, am 9. Oktober 1936, war Peter Heinen tot. Warum musste Peter Heinen sterben? Er war ein Zeuge Jehovas!

Obwohl diese Religionsgemeinschaft als unpolitische religiöse Minderheit objektiv keine Gefahr für das NS-Regime darstellte, wurde sie brutal verfolgt.

Was war der Grund?

Sie grüßten nicht mit „Heil Hitler!“ Sie weigerten sich, sich gleichschalten zu lassen. Sie lehnten den Kriegsdienst ab. Trotz Verbots setzten sie ihr Gemeindeleben und ihre Missionstätigkeit fort. Die Historikerin Monika Minninger urteilte: „Keine andere religiöse, politische oder weltanschauliche Bewegung war in ihrem Gedankengut dem Nationalsozialismus so diametral entgegengesetzt wie die Zeugen Jehovas.“ Dies kollidierte mit dem Totalitätsanspruch des Regimes und war Grund genug, sie trotz ihrer geringen Anzahl als Bedrohung zu empfinden und unerbittlich zu verfolgen. Von den etwa 25.000 deutschen Zeugen Jehovas war mindestens jeder zweite von Verfolgung direkt betroffen. Etwa 10.000 Gläubige wurden inhaftiert, etwa 4.000 wurden in Konzentrationslager verschleppt. 1.500 starben oder wurden ermordet. Hanns Lilje, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, befand kurz nach dem Krieg, dass „keine christliche Glaubensgemeinschaft […] sich mit der Zahl ihrer Blutzeugen auch nur von ferne messen“ könne.

Einer dieser Blutzeugen war Peter Heinen. Eine Nachbarin hatte Peter Heinen denunziert. Daraufhin durchsuchte die Gelsenkirchener Gestapo am Mittwoch, dem 7. Oktober 1936, die Wohnung der Familie Heinen. Obwohl kein belastendes Material gefunden wurde, verhaftete die Gestapo Peter Heinen und nahm ihn mit in das Polizeigefängnis im Gelsenkirchener Rathaus. Zwei Tage später, am 9. Oktober 1936, war Peter Heinen tot. Seiner Familie wurde mitgeteilt, er habe sich in seiner Zelle erhängt.

Am 14. Oktober 1936 sandten die Gelsenkirchener Zeugen Jehovas einen Brief an Adolf Hitler. Darin hieß es: „Herr Reichskanzler! Am Freitag, dem 9. Oktober 1936, wurde im Rathaus zu Gelsenkirchen i. W. der auf der Neu-Hüllerstraße 27 in Gelsenkirchen-Hüllen wohnhafte Peter Heinen, 34 Jahre alt, von Beamten der Geheimen Staatspolizei erschlagen. Den Angehörigen wurde gesagt, daß sich der P. H. in der Gefängniszelle erhängt hätte. Da aber einwandfrei feststeht, daß dies nicht der Fall ist, sondern an der Rückseite des Toten die Spuren eines gewaltsamen Todes, hervorgerufen durch heftige Schläge mit Gummiknüppeln usw., wahrzunehmen sind, halten wir es für dringend erforderlich, Ihnen, Herr Reichskanzler und Führer des Deutschen Volkes, diesen Vorfall zur Kenntnis zu bringen und darum zu bitten, eine strenge Untersuchung einleiten zu lassen, dafür Sorge zu tragen, dass in Zukunft derartiges verhindert wird, und daß den tiefgebeugten, trauernden Angehörigen, Genugtuung gegeben wird, damit sie und auch wir die Hoffnung haben, dass Unrecht nicht geduldet, sondern beseitigt wird.“

Es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Hoffnung nicht erfüllt wurde! Auch die an Hitler gerichteten Fragen „Wie ist so etwas überhaupt möglich? Warum verfolgt man unschuldige Christen und schlägt sie zu Tode?“ blieben unbeantwortet.

Peter Heinens Beerdigung fand dagegen unter Beobachtung der Gestapo statt. Es war den Trauernden untersagt worden, eine Ansprache zu halten oder auch nur ein Gebet zu sprechen. Doch die Nazis konnten den Mord an Peter Heinen nicht totschweigen. Im Juni 1937 machten Jehovas Zeugen den Fall im In- und Ausland öffentlich. Obwohl zu dieser Zeit bereits viele Zeugen Jehovas inhaftiert waren, gelang eine Großaktion, die die Nationalsozialisten überraschte und stark irritierte. Am 20. Juni 1937 wurde schlagartig reichsweit ein Flugblatt mit dem Titel „Offener Brief“ verteilt. In diesem Brief wurde nicht nur der Mord an Peter Heinen angeprangert, es wurden auch die Namen der Täter genannt. Der Brief brachte aber auch die feste Entschlossenheit der Zeugen Jehovas zum Ausdruck, trotz Verfolgung standhaft zu ihren Überzeugungen zu stehen und auf ihren Gott Jehova zu vertrauen: „Deine Feinde können und mögen dir deinen guten Namen nehmen, dein Besitztum zerstören und dich sogar töten; Gott jedoch besitzt die Macht, dich wieder zum Leben zu erwecken, und seine Verheißung ist, daß er alle auferwecken wird, die ihn lieben und ihm gehorchen.“ Jehovas Zeugen heute sind stolz auf ihren Glaubensbruder Peter Heinen, der dieser Überzeugung treu geblieben und für sie gestorben ist.


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2011

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