STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort MARKUS JECKEL

JG. 1880
'POLENAKTION' 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
SCHICKSAL UNBEKANNT


Verlegeort CILLA JECKEL

GEB. GILLER
JG. 1889
'POLENAKTION' 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
SCHICKSAL UNBEKANNT


Verlegeort ISIDOR JECKEL

JG. 1922
'POLENAKTION' 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
SCHICKSAL UNBEKANNT

Verlegeort: Hauptstraße 63


Verlegeort ELSE JECKEL

JG. 1907
FLUCHT 1938
ENGLAND


Verlegeort ROSA JECKEL

JG. 1914
FLUCHT 1938
ENGLAND



Verlegeort FEIGA PHILIPP

GEB. JECKEL
JG. 1917
FLUCHT 1939
ENGLAND

In Absprache mit der Tochter von Feiga Jeckel werden diese drei Stolpersteine an der Hauptstraße 63 nach- verlegt, um so die Familie im Gedenken symbolisch wieder zusammenzuführen. Für diese Stolpersteine können Patenschaften übernommen werden. (Stand: 22.1.2017)

Cilla Jeckel

Abb.1: Cilla Jeckel

Der Fuhrunternehmer Markus Jeckel, geboren am 29. Juli 1880 in Weldzirz/Galizien war mit der aus Rozniatow/Galizien stammenden, am 18. Dezember 1889 geboren Cilla Jeckel, geborene Giller, verhei-ratet. Das Ehepaar hatte vier Kinder, die am 9. September 1907 geborene Else, die am 15. August 1914 geborene Rosa, die am 25. November 1917 geborene Feiga, Spitznamme "Fanny" und den am 20. Oktober 1922 in Gelsenkirchen geborenen Isidor, Spitzname "Isi" Jeckel. Familie Jeckel lebte bis zum 28. Oktober 1938 an der damaligen Adolf-Hitler-Straße 63, der heutigen Hauptstraße.

Die Töchter lebten in den Dreißiger Jahren zeitweise in der elterlichen Wohnung an der Adolf-Hitler-Straße 63, hier sind die erhaltenen Aufzeichnungen der Einwohnermeldekartei lückenhaft. Rosa Jeckel verzog laut dem Gelsenkirchener Melderegister am 22. September 1937 nach Dortmund. [1] In Dortmund ist sie nach Auskunft des Stadtarchivs Dortmund jedoch nicht verzeichnet. Dennoch ist ihr wie ihrer Schwester Else Ende 1938 die Flucht nach England gelungen. Sie heiratete 1956 Morris Joshua und lebte 1963 unter dem Namen Rosa Joshua in London.[2] Else Jeckel heiratete den aus Wien stammenden Julius Jäckel und lebte 1963 ebenfalls in London.

Feiga Jeckel

Abb.2: Feiga Jeckel

Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938 und der Besetzung des Sudetenlandes im Oktober des gleichen Jahres dachten viele in Deutschland und Österreich lebende polnische Staatsbürger noch an eine Rückkehr in ihre Heimat. Eine solche war jedoch der polnischen Regierung nicht willkommen. Daher verabschiedete das polnische Parlament Anfang Oktober 1938 ein Gesetz, wodurch allen länger als 5 Jahre im Ausland lebenden Polen die Staatsbürgerschaft entzogen werden würde. Damit ihre Dokumente Gültigkeit behielten, brauchten diese Polen einen Kontrollvermerk des zuständigen Konsulats. Einer solchen Regelung kam die nationalsozialistische Regierung zuvor, indem sie im Rahmen einer großangelegten Zwangsausweisung (die so genannte "Polenaktion") Ende Oktober 1938 etwa 18.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit (so genannte "Ostjuden") verhaftete und gegen ihren Willen nach Polen über Nacht aus dem "Dritten Reich" nach Bentschen (Zbąszyń) in Polen abschob.

Die so genannte "Polenaktion" ist bisher kaum im geschichtlichen Bewusstsein Deutschlands verankert. Der Ausweisungsbefehl kam für die Betroffenen völlig überraschend. In Gelsenkirchen wurden vor diesem Hintergrund am 28. Oktober 1938 rund 80 jüdische Menschen jeden Alters mit polnischer Staatsangehörigkeit von der Schutzpolizei verhaftet und mit Zügen der "Reichsbahn" nach Polen abgeschoben. Ein Großteil der Deportierten sammelte sich in dem damaligen Grenzort Bentschen ( Zbąszyń 1938).

Diese gegen jüdischen Menschen gerichtete Maßnahme des NS-Regimes stellte einen ersten physischen Höhepunkt der Verfolgung dar und war der eigentliche Auftakt zur geplanten Vernichtung der europäischen Juden. Auch die Gelsenkirchener Familie Jeckel war von den Abschiebungen nach Polen betroffen.

Fuehrungszeugnis, gültig für Auswanderungszwecke, ausgestellt für Feiga Jeckel am 8. August 1939 in Gelsenkirchen

Abb.3: Führungszeugnis gültig für Auswanderungszwecke, ausgestellt für Feiga Jeckel am 8. August 1939 in Gelsenkirchen

Feiga Jeckel wurde Ende der 1930er Jahre bei der Ableistung von Zwangsarbeit an einem nicht bekannten Ort von einem ihrer Bewacher mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen. Im Glauben, die schwerverletzte Frau sei bereits tot, ließ der Mann die schwerverletzte Frau einfach liegen. Ein evangelischer Geistlicher fand Feiga, versorgte sie und rettete ihr so das Leben. Der Geistliche unterstützte Feigas Flucht Ende 1939 nach England. Dort heiratete Feiga "Fanny" am 5. April 1940 den aus Hamburg geflohenen Richard Philipp.

Heiratsurkunde Feiga (Fanny) Jeckel vom 5. April 1940

Abb.4: Heiratsurkunde von Feiga (Fanny) Jeckel und Richard Philipp vom 5. April 1940, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Die Ehen ihrer Schwestern Rosa und Else blieben kinderlos.

Isidor Jeckel: "Ich glaube, für mich leuchtet ein sehr hoffnungsloser Stern."

Entlassungszeignis der Israelitischen Schule an der Joseftstrsße in Gelsenkirchen

Abb.5: Isidor Jeckels Entlassungszeugnis der Israelitischen Schule an der Gelsenkirchener Josefstraße. Datiert ist das Zeugnis auf den 24. März 1937, unterschrieben von Schuldirektor und Lehrer Abraham Weinstock. Lehrer_innen an der Israelitischen Schule an der Ringstraße waren nach derzeitigem Kenntnisstand Erna Goldbach, Saly Spier und Salomon Katz. Erna Goldbach wurde 1944 in Riga-Kaiserwald, Salomon Katz am 8. Februar 1943 im Ghetto Theresienstadt ermordet. Sally Spier starb 1934.

Seit der Verselbstständigung der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen war diese bemüht, eine eigene Volkschule zu unterhalten. Es gelang, eine Volksschule an der damaligen Neustraße einzurich- ten. Ab 1893 wurde aufgrund der wachsenden Zahl der jüdischen Bevölkerung Gelsenkirchens mit der Errichtung einer Schule an der Ringstraße 44 begonnen. Bereits 1907 mußte das Gebäude mit der weiter wachsenden Schülerzahl erweitert werden. Bis zum Jahr 1936 wurden in dieser Schule in drei Klassen bis zu 155 Kinder unter-richtet. Durch die Flucht zahlreicher Familien aus Nazi-Deutschland sank die Zahl der jüdischen Schülerinnen und Schüler erheblich. Mitte der Dreißiger Jahre wurde die Schule an der Ring- straße auf Druck der braunen Machthaber geschlossen. Auch von den weiterführenden Schulen und den Volksschulen bspw. in Buer wurden die jüdische Kinder vertrieben. In einem alten Schulgebäude an der Josefstraße in der Neustadt wurde dann die Israelitische Volksschule eingerichtet. Hier sammelten sich die jüdischen Kinder und Jugendlichen, dort wurde versucht, für die unterschiedlichen Jahrgänge eine Erfüllung der Schulpflicht möglich zu machen. Ende 1937 besuchten etwa 60% aller noch in Deutschland lebenden jüdischen Kinder jüdische Schulen. Reichsweit wurden jüdische Schülerinnen und Schüler nach der so genannten "Reichskristallnacht" endgültig aus den öffentlichen Schulen ausgeschlossen.

Isidor Jeckel versuchte nach seiner Entlassung aus der Israelitischen Schule mit Hilfe der Kinder- und Jugend-Alijah nach Palästina auszuwandern. Wie er in einem Brief vom 10. August 1938 an seinen Freund Ernst Alexander schreibt, hielt man ihn aufgrund seiner körperlichen Konstitution für die zu erwartende schwere Arbeit und ungewohnte Arbeit in der Landwirtschaft Palästinas jedoch für ungeeignet.

Brief an Ernst Alexander

Abb.6: Brief von Isidor Jeckel. Wachsende Hoffnungslosigkeit und existentielle Ängste in den Zeilen eines Jugendlichen

Markus Jeckel und sein Sohn Isidor, genannt Isi

Abb.7: Markus Jeckel und sein Sohn Isidor, genannt "Isi"

Von Markus und Cilla Jeckel fehlt ab dem Zeitpunkt der Auswei- sung nach Polen jedes weitere Lebenszeichen. Ein letztes Lebenszeichen von Isidor Jeckel ist ein von ihm geschriebener Brief, gerichtet an seinen ebenfalls aus Gelsenkirchen stammen- den Freund Ernst Alexander. Dieser konnte bereits im Januar 1938 von seiner Mutter Frieda in die USA in Sicherheit gebracht werden. In dem nachstehend abgebildeten Brief aus Zbąszyń, datiert auf den 9. Januar 1939, beschreibt der damals 16jährige Isidor Jeckel auch die Verhaftung in Gelsenkirchen und die unmenschlichen Zustände im Internierungslager Zbąszyń. So schildert er, wie er und sein Vater von der Arbeitstelle in Gelsenkirchen direkt in das Gefängnis gebracht wurden, ohne sich vorher entsprechende Bekleidung aus ihrer Wohnung holen zu dürfen. Weiter schreibt Isidor: "(...) wünsche ich alles Gute, vor allem wünsche ich keinem jüdischen Jungen in eine solche Lage zu kommen, wie ich es bin (...)."

Brief aus Bentschen

Abb.8: Isidor Jeckel schreibt im Januar 1939 aus Bentschen ((Zbaszyn) an seinen Freund Ernst Alexander in der USA.

Die Patenschaften für die Stolpersteine, die an Lebens- und Leidenswege von Markus, Cilla und Isidor Jeckel erinnern, hat Else Asemann übernommen.

Quellen:
Gedenkbuch BA
Yad Vashem, Central Database of Shoa victims Names; db.yadvashem.org; Abruf Mai 2013
Abb.1-5+7: Privatbesitz Familie Jeckel/Buswell
Abb.6: Privatbesitz Familie Alexander
[1] Melderegister, StA Gelsenkirchen
[2] Namensliste des "Wiedergutmachungsamtes" der Stadt Gelsenkirchen v. 15.10.1963, Leo Baeck Institut, New York

Stolpersteine für Markus, Cilla u. Isidor Jeckel, verlegt am 14. August 2015

Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Jeckel Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Jeckel Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Jeckel

Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Jeckel


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen, Mai 2013. Nachträge: Verlegung 2015.
Ergänzung Januar 2017.

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