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Die Lebens- und Leidenswege der Familie Cahn konnten nur anhand der wenigen erhaltenen Akten der NS-Verfolgungsbehörden skizziert werden. Diese von den Tätern angelegten Aufzeichnungen über die Familie Cahn beschränken sich auf die Fluchtwege und die Orte der Inhaftierung. Im Gegensatz zu den Berichten der überlebenden NS-Verfolgten (wie Tagebüchern oder Erinnerungen) zeichnen sich diese Dokumente durch eine extrem distanzierte, sachliche und verschleiernde Sprache aus.
Von der Ausgrenzung aus ihrer bisherigen Lebenswelt in Gelsenkirchen, vom ständig zunehmenden Verfolgungsdruck, von den Ängsten, Sorgen und Nöten der verfolgten, entrechteten und gedemütigten Menschen berichten diese Akten und Aufzeichnungen jedoch nicht. Sie erzählen uns nichts über dass unermessliche Leid, dass Siegfried, Ella, Güntehr, Margot und Harry Cahn ertragen mussten, bis sie schließlich von den Nazi-Schergen ermordet wurden.
Abb.: Rückerstattungssache Cahn ./. Nyenhuis, LAV NRW, Abteilung Rheinland. (Abbildung unter Lizenz CC BY-SA 4.0)
Siegfried Cahns Mutter Berta Cahn, geborene Eichmann, geboren am 11. März 1859 in Höxter, wohnte seit 1912 an der heutigen Horster Straße 40 (früher: Essener Straße 39). Sie war mit dem Kaufmann Isidor Cahn verheiratet, geb. 11. März 1859 in Friesheim (Kreis Euskirchen). Isidor Cahn war Mitglied der jüdischen Synagogengemeinde Buer, er starb am 28. November 1931. Berta Cahn wurde so Eigentümerin des Hauses Essener Straße 39, die spätere Horster Straße 40. Über Berta Cahns Lebensweg ist wenig bekannt, sie starb gedemütigt und entrechtet am 29. August 1935 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Buer beigesetzt. Ihr Begräbnis war das letzte auf dem jüdischen Friedhof Buer, den die Nazis 1937 verwüsteten. Berta Cahns Name ist somit die zuletzt angebrachte Inschrift auf der 2017 entstandenen Namenstafel auf dem jüdischen Friedhof Buer. Nach ihrem Tod beerbte sie nach ihrem privatschriftlichen Testament vom 28. Juli 1932 ihre Tochter Rosa Behge, geb. Cahn zu (1/2) und ihre zu dem Zeitpunkt noch minderjährigen Enkel Margot, Günther und Harry Cahn je zu (1/6).
Rosa Behge trat als Miterbin mit Vertrag vom 20. Dezember 1935 ihren Erbteil für 1500,- RM an den in Gelsenkirchen lebenden Kaufmann Wilhelm Nyenhuis ab. Siegfried Cahn beantragte als Erziehungsberechtigter beim Vormundschaftsgericht am 5. Juni 1936 die Gestattung der Übertragung der Erbteile seiner Kinder an den 'Arier' Wilhelm Nyenhuis (Vertrag vom 8. Mai 1936 Notar Niewöhner, Gelsenkirchen-Buer). Das Vormundschaftsgericht gab dem statt.
Da die Verträge nach Erlass der so genannten 'Nürnberger Gesetze' (Sammelbegriff für zwei antisemitische Rassegesetze) geschlossen worden sind, war es klar, das Juden Deutschland verlassen würden, bzw. müssen. Vor diesem Hintergrund waren sie zumeist gezwungen, ihre Vermögenswerte zu veräußern - oftmals weit unter Wert. In der Rückerstattungssache Sache Cahn ./. Nyenhuis in Vertretung durch die Jewish Trust Coperation Hamburg/ Mühlheim Ruhr wurde schließlich ein gerichtlicher Vergleichsvorschlag vom 23. Juli 1953 in Höhe von 1500,- DM angenommen.
Abb.: Ehepaar Siegfried und Ella Cahn, geborene Fromm. Untere Reihe: Die Kinder des Ehepaars: Margot, Cünther und Harry Cahn.
Ella Cahn, geborene Fromm, geboren 28. Juni 1895 in Gürzenich, war seit 1922 die Ehefrau von Siegfried Cahn. Die Familie Siegfried Cahn wohnte zunächst Luggendelle 45, dann Lindenstraße 56 in Buer, zog Mitte der 1930er Jahre in die Horster Straße 40. Das Ehepaar Siegfried Cahn hatte drei in Gelsenkirchen geborene Kinder: Margot, geboren 13. August 1923, Günther, geboren 7. Juli 1925 und Harry, geboren 26. Oktober 1927.
Tischlerlehrling Günther Cahn konnte am 16. Januar 1939 mit einem Kindertransport nach Enschede/Holland gebracht werden. Dort lebte er wie seine Geschwister in verschiedenen Waisen- und Kinderhäusern. Gemeinsam mit Bruder Günther gelangten auch Kindergärtnerin Margot und Harry mit dem gleichen Kindertransport nach Holland. Am 6. August 1940 floh Günther gemeinsam mit seinen Geschwistern weiter nach Belgien.
Der Monteur Siegfried Cahn, geboren 19. September 1892 in Köln floh am 1. Februar 1939 von Gelsenkirchen nach Belgien. Seine Frau Ella floh am 25. Februar, ebenfalls nach Belgien. Im Mai 1940 soll Siegfried Cahn dort wieder mit seiner Frau Ella und den Kindern zusammengekommen sein, wurde jedoch kurz danach verhaftet und zunächst im Internierungslager Le Vigeant, dann im Internierungslager Saint Cyprien festgehalten, schließlich in das Sammellager Drancy überstellt und von dort am 31. August 1942 nach Auschwitz deportiert, seither fehlt jede Lebenspur von ihm. Anfang August 1942 wurde die übrige Familie Cahn verhaftet und in das Sammel- und Durchgangslager Mecheles gebracht. Am 15. August 1942 wurden Mutter und die Kinder Cahn in das deutsche Konzentrations-und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im von der Wehrmacht besetzen Polen deportiert und dort direkt nach der Ankunft ermordet. Siegfried Cahn wurde nach dem Krieg für tot erklärt.
Abb.2: Transportliste nach Auschwitz, verzeichnet sind auch Ella Cahn, geborene Fromm und ihre Kinder Margot, Cünther und Harry.
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