STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort JOHANN EICHENAUER

JG. 1889
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 1934
STRAFANSTALT HERFORD
NEUENGAMME
1945 CAP ARCONA
TOT 3.5.1945
NEUSTÄDTER BUCHT

Verlegeort: Schlangenwallstraße 9

Familie Eichenauer

Abb. 1: Familie Eichenhauer

Der am 4. März 1889 in Gelsenkirchen geborene Bergmann Johann Eichenauer war in seinem Wohnort in Horst als Kommunist und Mitglied verschiedener Nebenorganisationen der KPD bekannt. Er hatte sich aus der Erfahrung als Soldat im Ersten Weltkrieg, an dem er von 1914 bis 1918 teilnehmen musste, nach links orientiert und war auch als Betriebsrat aktiv gewesen.[1] Am 23. Dezember 1916 heiratete Johann Eichenauer die am 26. November 1894 geboren Luise Waschu-lewski. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, die in Gelsenkirchen am 21. März 1919 geborenen Zwillinge Marianne und Annemarie.[2]

Bereits kurze Zeit nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933 begann die Verfolgung Johann Eichenauers und dessen Familie. 1934 gelang es der Gestapo, ihm Aktivitäten für die verbotene KPD nachzuweisen. Während der Untersuchungs- haft wurde er schwer misshandelt, die Zähne wurden ihm ausgeschlagen. Vom Oberlandesgericht Hamm am 20. November 1934 zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt [3], verbüßte er die Strafe in der Strafanstalt Herford.[3] Von Folter und Haft gezeichnet wurde Eichenauer entlassen und kehrte nach Horst zurück. Hier fand er Arbeit auf der Zeche Nordstern.

Familie Eichenauer

Abb. 2: Transport von Bockenheim "Klapperhof" nach Amberg

Johann Eichenauer geriet mit der Verhaftung der Zielasko-Widerstandsgruppe 1944 erneut in die Fänge der NS-Verfolgungsbehörden. Am 17. Februar 1944 wird Eichenauer zusammen mit weiteren Gelsenkirchener Mitgliedern der Zielasko-Gruppe vom Frankfurter Polizeigefängnis (Bocken- heim, "Klapperfeld") nach Amberg in Bayern transportiert.[4] In Amberg fand am 20. Juni 1944 vor dem so genannten "Volksgerichtshof" ein abgetrenntes Verfahren gegen Mitglieder der Zielasko-Gruppe statt. Zwar wurde Johann Eichenauer - wie Rudolf Littek - "freigesprochen", aus der Haft entlassen wurde er jedoch nicht. Nach dem Prozess brachte man ihn zunächst in das Gelsenkirchener Gefängnis zurück, danach in das so genannte "Arbeitserziehungslager" (AEL) Lahde [5] in der Nähe von Petershagen. In Lahde gelang es der couragiert auftretenden Tochter, ihren Vater noch einmal zu sehen. Johann Eichenhauer war schwer krank - gezeichnet von Hungerödemen und Verletzungen, die er bei einem Luftangriff auf einen Bahnhof, wo die Häftlinge hatten Zwangsarbeit verrichten müssen, erlitten hatte.[6] Eichenauer wurde dann in das KZ Neuengamme östlich von Hamburg überstellt.[7]

Als britischen Truppen im April 1945 näher rückten, wurde das KZ Neuengamme von der SS “evakuiert”. Um den 19. April 1945 begann der Transport der Häftlinge mit Güterzügen Richtung Lübeck. Ein Großteil der Häftlinge wurde auf in der Lübecker Bucht vor Neustadt liegende Schiffe verladen. Die "Cap Arcona", die praktisch manövrierunfähig vor Neustadt lag, die "Thielbeck", die "Elmenhorst" und die "Athen" fungierten zu dieser Zeit als schwimmende KZ, die weiter entfernt liegende Dampfer "Deutschland" sollte als Lazarettschiff genutzt werden. Die Schiffe waren total überfüllt, es gab weder Trinkwasser noch Lebensmittel für die Häftlinge. Die Leichen wurden an Deck gestapelt. [8] Die SS legte es vermutlich darauf an, dass die KZ-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten.

Die Meldungen des Schweizer und Schwedischen Roten Kreuzes über die Verladung von KZ-Häftlingen in der Neustädter Bucht erreichte die Piloten der britischen Bomber jedoch nicht mehr rechtzeitig, am 3. Mai 1945 griffen britische Kampfflugzeuge die Schiffe an. Die "Cap Arcona" erhielt mehrere Bombentreffer und geriet in Brand und kenterte. Rettungsboote für die Häftlinge gab es nicht. Auch die mehrfach getroffene "Thielbeck" kenterte, auf Grund der geringen Wassertiefe konnten die Schiffe jedoch nicht sinken. Viele der sowieso ausgezehrten und von der KZ-Haft geschwächten Menschen sprangen in die kalte See, um sich eventuell noch retten zu können. Die SS-Wachmannschaft schoss noch von den sich neigenden Schiffen aus auf die sich im Wasser befindlichen Menschen. Wer es an dennoch Land schaffte, wurde dort von SS-Wachmann-schaften erwartet und ermordet. Von den etwa 7.000 Menschen der "Cap Arcona" und der "Thielbeck" überlebten nur rund 600.[9] Johann Eichenauer gehörte nicht zu den Überlebenden, er starb auf der "Cap Arcona" [10]. Mit Beschluss vom Amtsgericht Hamburg vom 3. Oktober 1947 wurde Johann Eichenauer am 3. Mai 1945 für tot erklärt. [11]

Die Patenschaft für den Stolperstein hat die Kreisvereinigung Gelsenkirchen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e.V.) übernommen.

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer, um 1948

Abb. 3: Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer aus der Zielasko-Gruppe, um 1948 (von rechts nach links): Luise Eichenauer, Anne Littek, Emma Rahkob, Anna Bukowski, ganz links Auguste Frost.


Quellen:
Abb.1: Privat
Abb.2: Auschnitt aus Copy of 1.2.2.1 / 11364231 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Gruppe PP / Polizeigefängnis Frankfurt/Main
Abb.3: Blog "Antifaschistisches Gelsenkirchen", Hartmut Hering und Marlies Mrotzek, "Antifaschismus ist mehr als eine Gegenbewegung", Gelsenkirchen 1988, S. 48.
[1] "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus". Katalog zur Dauerausstellung. Hrsg. ISG, bearb. von Stefan Goch. Essen, Klartext, 2000; S.167-168
[2] Meldeunterlagen, StA Gelsenkirchen, ISG
[3] Urteil v. 20. November 1934, Copy of 1.2.2.1 / 11653701 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Gruppe PP / Strafanstalt Herford
[3] "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus". Katalog zur Dauerausstellung. Hrsg. ISG, bearb. von Stefan Goch. Essen, Klartext, 2000; S.167-168
[4] Copy of 1.2.2.1 / 11364231 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Gruppe PP / Polizeigefängnis Frankfurt/Main
[5] Arbeitserziehungslager und Arbeitskräftepolitik im nationalsozialistischen Deutschland: Das Beispiel Lahde mit dem Zweiglager Steinbergen. Julia Beese-Kubba, Dissertation im Fach Neueste Geschichte im Fachbereich Kultur- und Geowissenschaften der Universität Osnabrück, 2010 https://repositorium.uni-osnabrueck.de/bitstream/urn:nbn:de:gbv:700-201104208073/1/thesis_beese-kubba.pdf ; Abruf Juli 2015
[6] "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus". Katalog zur Dauerausstellung. Hrsg. ISG, bearb. von Stefan Goch. Essen, Klartext, 2000; S.167-168
[7] Copy of 6.3.3.2 / 90127528 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Korrespondenzakte T/D 258 593
[8] Vgl.: Tausende KZ-Häftlinge starben in der Lübecker Bucht https://www.its-arolsen.org/de/forschung-und-bildung/historischer-hintergrund/jahrestage/index.html?expand=3994&cHash=8646f970775e08e291e627b75a1b7c05 ; Abruf Juli 2015
[9] ebd.
[10] Copy of 6.3.3.2 / 90127528 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Korrespondenzakte T/D 258 593
[11] Meldeunterlagen, StA Gelsenkirchen, ISG

Stolperstein für Johann Eichenauer, verlegt am 6. Oktober 2016

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Stolpersteine Gelsenkirchen - Johann Eichenauer


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Juli 2015, Nachtrag Oktober 2016

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