STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort JOSEF ISSLER

JG. 1886
'SCHUTZHAFT' 9.9.1939
GEFÄNGNIS GELSENKIRCHEN
KZ BUCHENWALD
'VERLEGT' 15.7.1941
PIRNA-SONNENSTEIN
ERMORDET 15.7.1941
'AKTION T4'

HIER WOHNTE

Verlegeort LEA ISSLER

GEB. FRANZBLAU
JG. 1886
DEPORTIERT 1942
GHETTO RIGA
RIGA-JUNGFERNHOF
ERMORDET NOV. 1943

Verlegung geplant Juni 2024, Verlegeort: Hauptstraße 73, 45879 Gelsenkirchen

Hochzeit von Josef Issler und Lea Franzblau

Abb.: Hochzeit von Josef Issler und Lea Franzblau, 1911

Josef Issler, selbständiger Kaufmann und Lea Franzblau lebten seit 1906 in Gelsenkirchen. Beide stammten aus Radomysl Wielki, Polen. Ab 1910 wohnte Josef Issler mit seiner Familie in der Hochstraße 73 (heute Hauptstraße). Im Erdgeschoss des Hauses betrieb Familie Issler ein Geschäft, genauer ein Partiewarenhaus, handelte u.a. mit Damen- und Herrengaderobe, Schuhen, Wäsche und auch Schmuck. (Partiewarenhäuser - so nannte man damals Rest- und Sonderpostenmärkte)

Am 13. Oktober 1909 wurde Sohn Heinrich geboren. Josef und Lea heirateten am 28. Februar 1911 standesamtlich. Kurz vor der Hochzeit, am 19. Februar 1911, kam Sohn Leo zur Welt. Es folgten weitere vier - ebenfalls in Gelsenkirchen geborene Kinder: Klara - geboren am 10. Juli 1912, Adele - geboren am 19. Juni 1915, Markus - geboren am 16. Dezember 1920 und Emanuel - geboren am 5. Februar 1925.

Familie Josef Issler, Gelsenkirchen

Abb.: Familienfoto, um 1926. Das Ehepaar Issler hatte sechs Kinder.

Bereits vor 1933 waren Jüdinnen und Juden mit antijüdischen Ressentiments konfrontiert. Mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 begann ihre systematische Ausgrenzung und Entrechtung. Die antisemitische Propaganda stigmatisierte sie, zunehmend schlug ihnen Misstrauen, Hass und Hetze der nichtjüdischen Bevölkerung, die mehr und mehr zu einer Ausgrenzungsgesellschaft wurde, entgegen. Scheinlegale Gesetze und Erlasse forcierten ihre ökonomische, politische und soziale Ausgrenzung. Berufsverbote, Boykotte und Zwangsverkäufe jüdischer Betriebe und Geschäfte, Zwangsumsiedelungen innerhalb des Wohnortes und zahlreiche weitere diskriminierende Verordnungen hatten eine weitgreifende gesellschaftliche Isolation zur Folge.

Issler Partiewarenhaus, Gelsenkirchen (Anzeige in der Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung vom 3. Mai 1921)

Abb.: Issler Partiewarenhaus, Gelsenkirchen. (Anzeige in der Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung vom 3. Mai 1921)

Gewalt gegen "Ostjuden"

Kurz nach der Machtübergabe an die Nazis überfielen am 28. März 1933 gegen 16.30 Uhr zwei uniformierte SA-Leute den Laden von Josef Issler an der Gelsenkirchener Hochstraße 73 und forderten ihn auf, seinen Laden sofort zu schließen. Eine halbe Stunde später drangen fünfzehn Männer in Isslers Privatwohnung und schlugen ihn und seinen Sohn Leo bis zur Bewusstlosigkeit. Die Nachbarn brachten beide in ein Krankenhaus. Ein ähnliches Schicksal ereilte fast zeitgleich Abraham Tanne und Jakob Neumann in der Wohnung von Josef Nussbaum, Kirchstraße 28, sowie Moses Ehrlich, Bismarckstraße 56.

Leo Issler wurde im Juli 1933 als "auf Reisen" abgemeldet. Dahinter verbarg sich seine erste Flucht aus Nazi-Deutschland. Auf dem Landweg erreichte er Palästina. In Folge einer Erkrankung kam Leo jedoch in Haifa in ein Krankenhaus. Dort wurde er von den Briten verhaftet und auf Zypern in einem britischen Gefangenenlager interniert. Nach kurzer Zeit wurde er nach Deutschland abgeschoben. Im Juli 1934 kehrte er zurück nach Gelsenkirchen in sein Elternhaus. Im Juli 1936 zog er nach Leipzig. Zu einem unbekannten Zeitpunkt floh Leo erneut nach Palästina.

Vor dem Hintergrund des Überfalls und der beständig zunehmenden - auch wirtschaftlichen - Boykott- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes gegen Juden wurde das Geschäft der Familie Issler 1934 schließlich zwangsversteigert.

Isslers waren verfolgungsbedingt gezwungen, ihren bisherigen Lebensmittelpunkt an der Hauptstraße aufzugeben und zogen im Sommer 1933 in eine Zweizimmerwohnung an der Schalker Straße 42.

Heinrich Issler lebte ab seiner Geburt mit seinen Eltern und Geschwistern in der Hochstraße 73 (heute Hauptstraße). Im März 1933 zog er nach Düsseldorf. Er kam im Oktober 1934 aus Aachen zurück nach Gelsenkirchen zu seiner Familie in die Schalker Straße 42 (heutige Hansemannstraße). Im Oktober 1936 floh er in die USA, dort nannte er sich 'Henry'. Während des Zweiten Weltkriegs diente er ab 1943 als US-Soldat.

Klara Issler zog im April 1934 nach Köln und kehrte im April 1936 zurück in ihr Elternhaus. Klara Issler floh im Juli 1936 nach Jerusalem, Palästina.

Adele Issler besuchte von 1925 - 1929 die israelitische Volksschule und von 1929 - 1934 das städtische Lyzeum Gelsenkirchen. Im September 1934 ging sie nach Köln und kehrte im Juni 1935 in die Schalker Straße 42 zurück. Im November 1935 zog sie um nach Leipzig. 1936 floh Adele Issler nach Palästina.

Markus Issler zog im Januar 1936 nach Frankfurt und kehrte im September 1936 zurück in sein Elternhaus. Markus Issler ging im Mai 1937 nach Steckelsdorf, wahrscheinlich in die dortige Hachschara-Einrichtung. Ein Jahr später kehrte er zurück nach Gelsenkirchen, wohnte kurz in der Schalker Straße 42, dann in der Karl-Lafroce Straße 12 (heute Arminstraße). Er floh zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Großbritannien. 1944 heiratete er Sara Tessler in Leeds, Großbritannien.

Emanuel "Menni" Issler ging im Oktober 1939 nach Hamburg. 1940 gehörte er zu einer Gruppe jüdischer Jugendlicher, die mit Hilfe der Kinder- und Jugend-Alija über Osterreich und Zagreb, Jugoslawien nach Palästina fliehen wollten. Wegen des Einmarschs deutscher Truppen in Jugoslawien war die weitere Fluchtroute jedoch versperrt. Emanuel Issler und etwa 80 weitere Jugendliche wurden daraufhin in der "Villa Emma" in Nonantola, Italien versteckt. 1943 floh die Gruppe in die Schweiz. Dort konnte sich auch Emanuel Issler bis Kriegsende versteckt halten. 1945 emigrierte er nach Palästina.

Karteikarte der Union der Italienischen Israelitischen Gemeinden, Emmanuel Issler

Abb.: Karteikarte der Union der Italienischen Israelitischen Gemeinden, Emmanuel Issler

Karteikarte KZ Buchenwald, Josef Issler. Stempel: Überführt 2. Transport.

Abb.: Karteikarte KZ Buchenwald, Josef Issler. Stempel: Überführt 2. Transport 15. Jul. 1941

In der Pogromnacht 1938 wurde Familienvater Josef Issler von Nazi-Schergen erneut schwer misshandelt. Noch im Februar 1939 befand er sich wegen dem bei den Misshandlungen erlittenen doppelten Schädelbruch im Krankenhaus. Von den Folgen der Misshandlungen hat Josef Issler sich nicht mehr erholt, es ist davon auszugehen, dass er aus diesem Grund in Buchenwald als 'nicht arbeitsfähig' eingestuft wurde.

Josef Issler lebte ab Juli 1939 mit seiner Frau in der Karl-Laforce-Straße 12 (heute Arminstraße). Er wurde am 9. September 1939 verhaftet und in das Polizeigefängnis Gelsenkirchen eingeliefert, am 20. Oktober 1939 wurde er in das KZ Buchenwald deportiert. Aus dem KZ Buchenwald wurde Josef Issler am 15. Juli 1941 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 'verlegt' und dort ermordet.

Guthaben aus dem KZ Buchenwald wird an Josef Isslers Witwe überwiesen.

Abb.: Einlieferungsbeleg, Empfänger: Lea Issler, Gelsenkirchen

Sonnenstein diente seit 1940 als eine der berüchtigten NS-Tötungsanstalten der Vernichtung von sogenanntem „lebensunwertem Leben“. Als „Invalidentransport“ getarnt (so genannte Aktion „14f13“) wurden mehr als Tausend vorwiegend jüdische Häftlinge aus Konzentrationslagern nach Sonnenstein gebracht, um sie dort zu ermorden. Josef Issler war unter ihnen, unmittelbar nach Ankunft wurde er in der Gaskammer von Sonnenstein "gestorben". Mit deutscher Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit wurde der noch auf seiner seiner Geldverwaltungskarte ausgewiesene Betrag an seine Witwe nach Gelsenkirchen überwiesen.

Josefs Ehefrau Lea Issler musste im Oktober 1939 zwangsweise in das Ghettohaus Von-der-Recke Straße 4 umziehen. Am 27. Januar 1942 wurde sie in das Ghetto Riga deportiert. Dort wurde Lea Issler im November 1943 ermordet.

Leo Issler gab auf Basis seines damaligen Kenntnisstandes eine Erklärung ab, die uns die Familie Issler freundlicherweise in Kopie zur Verfügung gestellt hat, nachstehend die Abschrift:

Eidesstattliche Erklärung

Ich, der Endunterfertigte, Leo Issler, gebe nachstehende Erklärung an Eides statt ab, wissend, dass diese Erklärung dem Entschädigungsamt in Deutschland vorgelegt werden soll. Ich bin über die Bedeutung einer eidesstattlichen Erklärung belehrt und weiss, dass die Angabe falscher oder auch nur fahrlässig falscher Erklärung strafbar ist.

Zur Person: Ich heiße Leo Issler, bin in Gelsenkirchen/Westfalen am 19.2.1911 geboren und war daselbst bis zu meiner Auswanderung im September 1937 ansässig; meine letzte inländische Adresse war: Schalker Str. 42, Gelsenkirchen. Ich war polnischer Staatsbürger und gehörte der jüdischen Glaubensgemeinschaft seit Geburt an. Ich bin jetzt israelischer Staatsbürger, wohnhaft in Raanana/Israel, Schchunat Neve David. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Meine israelische Identitätskarte hat Nr. 308701, ausgestellt in Herzliah am 30.12.1948.

Zur Sache: Nach Absolvierung der Volks- und einer privaten Handelsschule trat ich im Jahr 1928 (im Alter von 17 Jahren) in das Geschäft meiner Eltern ein, in dem ich bis zur Zwangsversteigerung des Geschäftes im Jahre 1934 tätig war. Meine Eltern waren Inhaber eines grossen Schuh- und Bekleidungsgeschäftes in Gelsenkirchen, Hochstrasse 73 (in demselnen Hause, in dem wir damals auch wohnten). Im elterlichen Geschäft arbeiteten mein Vater Joseph Issler, meine Mutter Lea Issler, ich selbst, meine Schwester Klara Speyer geb. Issler, sowie durchschnittlich 1-2 Angestellte. Soweit ich mich erinnern kann, betrug der Wert des Warenlagers ca. 30.000 bis 40.000 Mark, der monatliche Reingewinn des Geschäftes betrug ca. 1.500 bis 2.000 Mark. Ich selbst war zuletzt als Geschäftsführer tätig und bezog ein monatliches Gehalt von 200 Mark, plus freier Kost und Quartier im elterlichen Heim. Ende 1932 begann der Boykott jüdischer Geschäfte in Gelsenkirchen, durch welches auch unser Geschäft schwer geschädigt wurde.

Ende März 1933 wurde mein Vater Joseph Issler und ich in der Wohnung von SA-Leuten überfallen und schwer verwundet. Mein Vater erlitt schwere Kopfwunden und eine Gehirnerschütterung, während ich selbst einen Nasenbeinbruch und andere Verletzungen davontrug. Wir wurden beide in das katholische Krankenhaus in Gelsenkirchen eingeliefert, wo wir ca. 10 Tage verblieben. Nach unserer Entlassung aus dem Krankenhaus wagten es meine Eltern es nicht mehr, dass Geschäft aufzusuchen und es blieb von diesem Zeitpunkt an gesperrt. Im Jahr 1934 wurde das Geschäft schliesslich zwangsversteigert, wodurch ich meinen Arbeitsplatz verlor.

Von Juni 1934 bis Juli 1936 arbeitete ich als Provisionsvertreter bei der Firma JEKEL & NUSSBAUM, Kirchstr. 33, Gelsenkirchen (Versandgeschäft für Teilzahlungen). Mein durchschnittliches Einkommen betrug in diesen Jahren ca. 200 (zweihundert) Mark im Monat. Im Juli 1936 musste ich obige Stellung wegen der rassischen Verfolgungen aufgeben. Nach einer Periode der landwirtschaftlichen Vorbereitung ("Hachschara") wanderte ich im September 1937 nach Palästina aus.

Im ersten Jahre nach meiner Einwanderung konnte ich keinerlei Arbeit finden, da damals grosse Arbeitslosigkeit in Palästina herrschte. Ich bekam nur einzelne Arbeitstage zugewiesen und wurde hauptsächlich von Wohlfahrtsinstitutionen unterstützt. Vom Anfang 1939 an arbeitete ich als landwirtschaftlicher Saisonarbeiter, wobei ich häufig arbeitslos war. Mein durchschnittliches Einkommen in den Jahren 1939-1940 betrug ca. 2-3- Pfund im Monat, in den Jahren 1941-1942 war mein durchschnittliches Einkommen ca. 6-7 Pfund im Monat, in den Jahren 1943-1948 stieg mein Einkommen entsprechend der Teuerung, langsam auf 20-30 Pfund im Monat an. Ich arbeitete in diesen Jahren als landwirtschaftlicher Arbeiter und später als Bauarbeiter. Im Jahre 1948 bekam ich eine Stellung als Chauseearbeiter (im Regierungsdienst), die ich noch heute inne habe.

Meine Eltern, Geschwister und ich bewohnten bis Ende 1933 eine 6-Zimmerwohnung in der Hochstr. in Gelsenkirchen. Da der Boykott jüdischer Geschäfte seit Ende 1932 uns wirtschaftlich schwer schädigte und da das Geschäft seit März 1933 gesperrt war und meine Eltern kein Einkommen mehr hatten, mussten wir diese Wohnung aufgeben, einen Teil der Möbel verschleudern und übersiedelten in eine 2-Zimerwohnung an der Schalker Str. 42 in Gelsenkirchen. In dieser Wohnung wohnte mein Vater bis zu seiner Verhaftung im September 1939 und meine Mutter bis zu ihrer Deportation am 27.1.1942. An diesem Tage musste meine Mutter die Wohnung, und Alles, was sich darin befand, im Stiche lassen und der Plünderung anheim geben. Wir haben seither nichts zurückbekommen und auch keinerlei Entschädigung dafür erhalten. In der Wohnung befanden sich Möbel, Wäsche, Teppiche, Geschirr, Gold- und Silbersachen etc. im Gesamtwerte von zumindest 10.000.- Mark.

Mein Vater Josef Issler, geb. am 26.1.1886 in Radonyal/Polen/ wurde Anfang September 1939 auf der Strasse in Gelsenkirchen verhaftet und in das Polizeipräsidium in Gelsenkirchen verbracht, von wo er nach kurzer Zeit in das KZ-Lager Buchenwald verschickt wurde. Im Juli 1941 wurde mein Vater im KZ Buchenwald ermordet.

Meine Mutter Lea Issler, geb. Franzblau (geb. 17.7.1888 in Radonyal/Polen) wurde am 27.1.1942 nach dem Osten deportiert und wir haben trotz Nachforschungen keinerlei Nachricht mehr von ihr erhalten.

 

Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Gelsenzentrum e.V., März 2024

Quellen:
Gedenkbuch Bundesarchiv
Yad Vashem, Bericht Emanuel Issler(Abruf 2/2024)
Datenbank der in den Jahren 1933 bis 1945 in Gelsenkirchen verfolgten Jüdinnen und Juden (Abruf 4/2024)
https://www.mappingthelives.org/ (Abruf 4/2024)
Listenmaterial d. Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen betr. Deportation 27. Januar 1942 Gelsenkirchen nach Riga

Abbildungen:
Familienfotos aus Privatbesitz der Familie Issler (Isler).


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen, 4/2024

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