STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort KARL BÖHMER

JG. 1910
INTERNIERT
NIEDERNHAGEN
ERMORDET 9.12.1941


Verlegeort ANNA BÖHMER

GEB. MARX
JG. 1909
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 16.12.1943


Verlegeort SONIA BÖHMER

JG. 1930
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET


Verlegeort ELISABETH BÖHMER

JG. 1931
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 10.7.1943





Verlegeort ROSA BÖHMER

JG. 1933
SORGERECHT ENTZOGEN
1937 KINDERHEIM WARBURG
PFLEGEFAMILIE 1939
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 13.8.1943


Verlegeort WILLY BÖHMER

JG. 1935
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 10.1.1944


Verlegeort KARL BÖHMER

JG. 1937
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 9.7.1943


Verlegeort MARIE BÖHMER

JG. 1938
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 3.8.1943


Verlegeort SOPHIE BÖHMER

JG. 1939
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 3.8.1943


Verlegeort ALBERT BÖHMER

JG. 1940
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 19.4.1943


Verlegeort WERNER BÖHMER

JG. 1942
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ-BIRKENAU
ERMORDET 24.3.1943

Verlegeort: Bergmannstraße 34

Karl Böhmer, um 1938

Abb. 1: Karl Böhmer, um 1938.

Der Musiker Karl Böhmer, am 26. September 1910 in Bochum geboren, war mit der am 10. Oktober 1909 in Rossov geborenen Anna Marx verheiratet. Karl Böhmer und Anna Marx, in Gelsenkirchen ansässige deutsche Sinti, lebte seit 1930 in einer Wohnung an der Bergmannstraße 34. Am 30. Mai 1930 wurde Sonia Böhmer, am 29. August 1931 ihre Schwester Elisabeth geboren. Am 21. November 1931 heirateten Karl und Anna in Gelsenkirchen. Anna Böhmer brachte sieben weitere Kinder zur Welt, am 23. September 1933 werden Rosa, am 27. März 1935 Willy, am 10. April 1937 Karl, am 23. September 1938 Marie, am 18. August 1939 Sophie, 1940 Albert und am 1. September 1942 Werner geboren. Niemand aus der Familie Böhmer hat den Rassenwahn und Vernich-tungswillen der Nazis überlebt.

Lebens- und Verfolgungswirklichkeit der unter dem NS-Regime als "Zigeuner" verfolgten Familie Böhmer lassen sich nur rudimentär abbilden. Biografische Eckdaten und die Dokumente der bürokratisch organisierten Vernichtung der Familie Böhmer aus den Akten der Täter lassen Rückschlüsse auf die indivi- duellen Auswirkungen im Kontext mit den sich ständig verschärfenden reichsweiten Diskriminie-rungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen deutsche Sinti zu.

Die Lebensweisen von deutschen Sinti waren bereits vor 1933 als "asozial" stigmatisiert und kriminalisiert worden. Die als "Zigeuner" verfolgten Menschen waren der polizeilichen Sondererfassung ausgesetzt und wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Nach der Machtübergabe an die Nazis wurden ab Frühjahr 1933 in einigen Teilen Deutschlands bereits bestehende Gesetze und Verordnungen, die sich gegen "Zigeuner" richteten, durch die neuen Machthaber ständig weiter verschärft. [1] Das Zerrbild der vorgeblich "dreckigen, bettelnden und stehlenden Zigeuner" war bereits in der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt, an diese rassistischen Vorstellungen knüpfte die NS-Rassenideologie an.

Parallel zur kontinuierlichen Verschärfung der "Zigeuner"-politik wurden in der weitgehend zentral gelenkten Presse Artikel veröffentlicht, die erstens die "Kriminalität" von Sinti beweisen sollten. Sie bedienten meistens traditionelle antiziganistische Ressentiments. Zum zweiten hatten die Artikel die Funktion, auf die "Fremd-rassigkeit" der Sinti hinzuweisen, die Wahrheit spielte dabei keine Rolle. Sinti sollten entsprechend dieser Zerrbilder dargestellt werden. Richtigstellungen, die in der Weimarer Republik noch möglich gewesen wären, wurden untersagt. In den nachfolgenden Jahren unter der NS-Gewaltherrschaft wurden Sinti durch eine Vielzahl von Gesetzen, Erlassen und Sonderbestimmungen schrittweise systematisch entrechtet und aus nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgegrenzt. Im September 1933 wurde die Reichskulturkammer als berufsständische Zwangsorganistion eingeführt. Der "rassisch" begründete Ausschluss aus einer der Kammern, etwa der Reichsmusikkammer oder der Reichsfilmkammer, bedeutete auch für zahlreiche Sinti Berufsverbot. Es ist davon auszugehen, dass auch Karl Böhmer nicht mehr als Musiker arbeiten durfte.[2] Auch eine zunehmend restriktive Fürsorgepolitik der NS-Sozialverwaltung gegenüber den Angehörigen der Minderheit verschlimmerte die Lebenssituation der Menschen in den Dreißiger Jahren beträchtlich. Die Auszahlung der Fürsorgeunter- stützung wurde meist von der Ableistung von Pflichtarbeit abhängig gemacht, wonach Unterstützungszahlungen nur gegen Arbeitsleistung gewährt wurden. Die Heranziehung zur Pflichtarbeit und nicht zuletzt die immer massivere Behinderung selbständiger Berufs-ausübung zwangen immer mehr "Zigeuner", eine Tätigkeit als Hilfsarbeiter aufzunehmen.

So wurden Sinti immer tiefer in materielle Not gestoßen, der sie durch Hausierhandel ohne offizielle Gewerbescheine oder wiederholte Bettelei zu begegnen suchten. Dadurch gerieten sie unweigerlich mit bestehenden Gesetzen in Konflikt und wurden verstärkt Ziel polizeilicher Verfolgung. Die Wohlfahrtsverwaltung leistete damit einer weiteren Kriminalisierung der verfolgten Minderheit Vorschub.[3] Die Verfolgungsmaß-nahmen des NS-Regimes wurden ständig verschärft und ausgeweitet. Die unterschiedlichsten Behörden waren 'arbeitsteilig' an der Verfolgung der Sinti beteiligt – besonders auf kommunaler Ebene. Die Kontrolle lag in den Händen der Verwaltungspolizei, doch auch Ordnungs- und Kriminalpolizei waren Teil der Verfolgungsbehörden. Im September 1935 verkünden die Nazis die so genannten "Nürnberger Rassengesetze". Sinti werden ebenso wie Juden zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herabgestuft, Verbindungen zwischen Sinti und „Deutschblütigen“ verboten. Reichsinnenminister Frick verfügt hierzu am 3. Januar 1936: "Zu den artfremden Rassen gehören [...] in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner." [4]

Rosa Böhmer wird in das Kinderheim Warburg eingewiesen

Abb. 2: Rosa Böhmer wird im November 1937 in das Kinderheim Damianaeum in Warburg eingewiesen. Im April 1939 kommt das Kind zur Pflegefamilie Hunke in Hövelhof

Der "Erlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage" trat am 6. Juni 1936 in Kraft. Dieser Erlass diente der ständige Kontrolle deutscher Sinti und hatte auch die Zwangseinweisung angeblich "verwahrloster Zigeu- nerkinder" in die Einrichtungen der Fürsorgeer- ziehung zur Folge. Von einer solchen Zwangseinwei- sung betroffen war auch die kleine Rosa Böhmer. Das Mädchen wurde von den NS-Behörden aus ihrer Familie und der ihr vertrauten Umgebung an der Bergmannstr. 34 gerissen und im November 1937 zunächst in das Kinderheim Damianaeum in Warburg eingewiesen. Vater Karl Böhmer lebte nach den Angaben auf dem Dokument zu dieser Zeit nicht bei seiner Familie, sondern in einem Wohnwagen auf einem der privaten Gelsenkirchener Stellpätze am Wiehagen 62. Die Hintergründe dafür bleiben im Dunkeln. Als Berufsbezeichnung wird jetzt "Arbeiter" angegeben.

Am 24. August 1938 wird der Sinto Karl Böhmer als Wehrpflichtiger erfasst und gemustert. Er wird als "beschränkt tauglich" eingestuft. Sinti wurden, anders als die deutschen Juden, in den ersten Kriegsjahren noch zur Wehrmacht eingezogen, auch Karl Böhmer wird zum Militärdienst eingezogen. Am 19. Oktober 1939 tritt er beim Bau-Ersatzbatallion 6 in Waldbröl den Dienst an. Am 21. Oktober 1939 wurde er zur Luftwaffen-Baukompanie (mot.) 22/VI versetzt. Bis zum 11. April 1940 war Karl Böhmer mit dem Dienstgrad "Flieger" im Operationsgebiet der Westfront eingesetzt, am 3. Juli 1940 wurde er aus der Wehrmacht entlassen, ein Grund ist in den Unterlagen nicht verzeichnet.

Ausweis, ausgestellt für den Wehrpflichtigen Karl Böhmer

Ariererklärung

Abb. 3 (li.) und 4, oben: § 10 der Verordnung über das Erfassungs- wesen v. 15. Februar 1937: Jeder Dienstpflichtige hat eine Erklärung darüber abzugeben, daß ihm nach sorgfältiger Prüfung keine Umstände bekannt sind, die die Annahme rechtfertigen, er sei Jude. (RGBl I, S. 205-214). Karl Böhmer muss die Erklärung bei seiner Musterung am 24. August 1938 abgeben und unterschreiben: "Mir sind nach sorgfältiger Prüfung keine Umstände bekannt, die die Anahme rechtfertigen könnten, daß ich Jude bin. Über den Begriff des Juden bin ich unterrichtet worden. Mir ist bekannt, daß ich die sofortige Entlassung aus dem Reichsarbeitsdienst und dem aktiven Wehrdienst zu gewärtigen habe, falls diese Erklärung sich als unrichtig erweisen sollte."

Wehrpass Karl Böhmer

Abb. 5: Wehrpass von Karl Böhmer

Am 8. Dezember 1938 erging der grundlegende Erlass Himmlers: Es sei "die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen.“ Mit dem Ziel der „endgültigen Lösung der Zigeuner-frage“ ordnet Himmler an, alle Sinti und Roma im Deutschen Reich zu erfassen. Diese Aufgabe wurde der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" übertragen, die bis Kriegsende über 24.000 "Rassegutachten" von Sinti und Roma anfertigte. Die Gutachten bildeten eine wesentliche Grundlage für die Selektion der Menschen und für ihre spätere Deportation in die Zwangs- und Vernichtungslager. [5] Heinrich Himmlers "Festsetzungserlass“ zur Vorbereitung der geplanten Deportationen folgte am 17. Oktober 1939: Allen Sinti wurde unter Androhung von KZ-Haft verboten, ihre Wohnorte zu verlassen.[6]

Karl Böhmer wurde am 10. Februar 1941 in das zu diesem Zeitpunkt noch organisatorisch als Aussen-kommando des KZ Sachsenhausen geführte "Schutzhaftlager" in Wevelsburg eingeliefert (Am 15. Oktober 1941 wurde die endgültige Bezeichnung "Konzentrationslager Niedernhagen" festgelegt). Karl Böhmer starb am 9. Dezember 1941 im KZ Niedernhagen (Wewelsburg) - angeblich an Lungenentzündung. Nach Tod ihres Mannes musste Anna Böhmer in Gelsenkirchen allein für sich und ihre neun Kinder sorgen, war um so mehr auf die Fürsorgeunterstützung durch die Stadtverwaltung angewiesen. [7]

Häftlingskarteikarte Karl Böhmer

Abb. 6: Karl Böhmer wird auf dieser Häftlingskarteikarte aus dem KZ Niedernhagen (Wewelsburg) mit der Bezeichnung "Aso" (Asozial) nach der sozialrassistischen Ideologie der Nazis stigmatisiert und kategorisiert. Auf der Häftlingskarteikarte ist unter "Verschiedenes" auch festgehalten, daß Karl Böhmer bei Einlieferung in das KZ seinen Wehrpass abgeben musste. Per Unterschrift muss Karl Böhmer das Verzeichnis seiner persönlichen Habe bestätigen, seine Unterschrift auf diesem Täterdokument ist die letzte persönliche Hinterlassenschaft. Auf der Rückseite der Häftlingskarte ist vermerkt, das Karl Böhmers Nachlass am 23. Dezember 1941 an die Verfolgungsbehörden in Gelsenkirchen zur Aushändigung an seine Frau Anna übersandt wurde.


Todesbscheinigung_Karl Böhmer

Beisetzung Südfriedhof Gelsenkirchen

Abb. 7+8: Todesbescheinigung und Karteikarte aus dem KZ Niedernhagen. Vermerk links unten: 24.12.41 Südfriedhof Gelsenkirchen. Die Urnenbestattung fand am 7. Januar 1942 statt.(Dokumente zum Vergößern anklicken)

Die Kommandatur des KZ Niedernhagen meldet Karl Böhmers Tod an das Wehrmeldeamt Gelsenkirchen

Abb. 9: Die Kommandatur des KZ Niedernhagen meldet Karl Böhmers Tod an das Wehrmeldeamt Gelsenkirchen

Der auf den 16. Dezember 1942 datierte Befehl Himmlers (der so genannte "Auschwitz-Erlass") bildet die Grundlage für die Ende Februar 1943 beginnende Deportation von 23.000 Sinti und Roma aus fast ganz Europa (darunter etwa 13.000 aus Deutschland und Österreich) in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort richtet die SS im Lagerabschnitt B II e ein so genanntes "Zigeunerfamilienlager" ein.[8]


Der Geschichtslehrer i.R. Hubert Schier aus Paderborn war ein Klassenkamerad von Rosa Böhmer. Er arbeitete ihr grausames Schicksal in mehrjähriger Recherche auf. Ein erster Artikel des Autors über Leben und Sterben Rosa Böhmers erschien unter dem Titel "Vergessenes Schülerschicksal" in "Die Warte", Herbst 2001, Nr. 111. Der nachfolgende Text enstand mit freundlicher Genehmigung von Hubert Schier auf der Basis seiner uns zur Verfügung gestellten Texte, Dokumente, Presseartikel und Fotos.

"Das Kleidchen war schon vorbereitet"

Die Hövelhofer Schülerin Rosa Böhmer war bei Nachbarn und Mitschülern als "Hunken Rosa" bekannt. Rosa wurde am 22. September 1933 in Gelsenkirchen-Buer geboren. Ihre Eltern waren Karl und Anna Böhmer, geb. Marx. Rosas Staatsangehörigkeit war deutsch, ihre Religionszugehörigkeit katholisch.

Das Mädchen lebte ab dem 18. November 1937 im Kinderheim Damianaeum in Warburg. Wie andere Sinti-Kinder, die nach zwangsweiser Auflösung ihrer Familien in zunehmender Zahl in Heime eingewiesen wurden, nachdem man ihre Eltern in kommunale Internierungslager oder in Konzentrationslager deportiert hatte, wurde auch Rosa Böhmer ihrer Familie in Gelsenkirchen entrissen. Im April des Jahres 1939 wurde Rosa von der Familie Johannes Hunke, Hövelhof Nr. 214a, als Pflegekind "angenommen".

Klassenfoto

Abb.10: Rosa Böhmer ist das Mädchen im karierten Mantel

Rosa besuchte die Kirchschule in Hövelhof, als sie im Alter von kaum zehn Jahren aus der Geborgenheit ihrer Familie, aus ihrem Bekanntenkreis in der Nachbarschaft und der Schar ihrer Freund*innen und Mit*schülerinnen gerissen wurde. Während des Unterrichts in der Kirchschule betraten eine Dame und zwei Herren den Klassenraum. Nach einer kurzen, im Flüsterton gehaltenen Mitteilung an die Klassenlehrerin wurde Rosa Böhmer gebeten, ihren Tornister zu packen. Die Dame, bei der es sich mutmaßlich um die "Volkspflegerin" G. der Kreisleitung Paderborn-Büren des Amts für Volkswohlfahrt der NSDAP handelte, die auch später mit dieser Angelegenheit schriftlich befasst war, begab sich zu Rosa, half ihr den Schulranzen zu packen und verließ mit ihr und den beiden fremden Begleitern das Klassenzimmer.

Rosa Böhmers Pflegeeltern Johannes und Theresia HunkeAbb. 11: Abb.: Rosa Böhmers Pflegeeltern Johannes und Theresia Hunke.

Diese beiden Herren waren vermutlich Beamte der Gestapo Gelsenkirchen, Rosas Geburtsort, denn die dortige Staatliche Kriminalpolizei war federführend in dieser Angelegenheit. Nichts Böses ahnend hatte Frau Hunke noch in den Tagen zuvor ihrer Rosa ein hübsches neues Kleid für die Schule genäht, das Rosa ausgerechnet an ihrem unheilvollen Schicksalstag zum ersten Mal trug. An diesen Vorgang während des Unterrichts erinnern sich auch Mitschülerinnen, wie es auf Klassen-treffen deutlich wurde. Eine Nachbarin erinnert sich an Rosa Böhmer als das hübsche Mädchen mit dem dunklen Haar. "Sie war ein sehr fröhliches und lebhaftes Kind und immer guter Dinge. Jeden Tag kam Rosa zu uns nach Haus, um mit unsern Kindern zu spielen. Dazu brauchte sie doch nur durch den Garten zu laufen, und schon war sie bei uns. Man freute sich schon, wenn sie kam, denn mit ihrer Fröhlichkeit steckte sie alle an. Rosa bereitete sich auf ihre Erstkommunion vor. "Kranz und Kleidchen hatte ich doch schon vorbereitet. Es hing alles fertig im Schrank", so Pflegemutter Therese Hunke zu einer Verwandten. Ihre Rosa jedoch brauchte diese Dinge nicht mehr. Sie wurde am 13. August 1943, 10.30 Uhr, nur wenige Wochen vor ihrem 10. Geburtstag im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei (Kriminalinspektion III) GelsenkirchenAbb. 12: Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei, Kriminalinspektion III Gelsenkirchen vom 23. Juni 1943

Familie Hunke hat offensichtlich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, ihre Pflegetochter zurückzuerhalten und den Einweisungsbescheid in das KZ Auschwitz rückgängig machen zu lassen, wobei ihr vielleicht damals nicht einmal bekannt war, was in Auschwitz vor sich ging. Den zuständigen Stellen der NSDAP war vermutlich nicht verborgen geblieben, wie sehr Rosa in ihrer Familie integriert war und wie sehr ihre Familie an ihr hing, so dass die verantwortlichen Behörden-vertreter nicht wagten, das kleine Mädchen aus seiner Familie "abzuholen", sondern es ohne Wissen der Pflegeeltern aus der Schule gleichsam entführten.

Mit Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei (Kriminalinspektion III) Gelsenkirchen vom 23. Juni 1943 an den Bürgermeister in Hövelhof als Ortspolizeibehörde soll dieser Familie Hunke mitteilen, "[...] dass die Einweisung des Zigeuner-kindes Rosa Böhmer in das Konzentrationslager Auschwitz und die damit verbundene Wiederver-einigung mit ihrer Mutter endgültig ist und nicht rückgängig gemacht werden kann".

Frau Hunke wird in diesem Schreiben auch empfohlen: "[...] anstelle des Zigeunerkindes ein arisches Waisenkind in Pflege zu nehmen." Laut Schreiben des Amtes für Volkswohlfahrt der NSDAP Paderborn vom 25. August 1943 an die Amtsverwaltung Neuhaus erklärte sich Familie Hunke dazu jedoch nicht bereit.


Am 16. Dezember 1942 erging Himmlers so genannter "Auschwitz-Erlass", nachdem "Zigeunerische Personen" im Nazi-Jargon "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft" in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert werden sollten. Damit leitete er die Endphase des systematischen, rassistischen Völkermords an den Sinti und Roma ein. Die Ausführungsbe-stimmungen des Deportationsbefehls erreichte die Kriminalpolizeistellen am 29. Januar 1943 per Schnellbrief durch das Reichssicherheitshauptamt.

In Auschwitz-Birkenau wurde im Februar Anfang 1943 das sogenannte "Zigeunerfamilienlager" errichtet, in das Sinti und Roma aus ganz Europa verschleppt wurden. Am 9./10. März 1943 wurden die Gelsenkirchener Sinti und Roma mit der Reichsbahn nach Auschwitz deportiert, darunter auch Anna Böhmer und ihre Kinder. Augenscheinlich war der Stadtverwaltung bekannt, das Auschwitz für die Gelsenkirchener Sinti ein Ort ohne Wiederkehr sein würde. Die Menschen wurden abtransportiert, ihre Habe verkauft. Die bei der Deportation beschlagnahmten Papiere wurden an die ausstellenden Behörden zurückgesandt.

Gelsenkirchener Zigeuner wurden nach Auschwitz deportiert

Abb. 13: Mitteilung der Kriminal-Inspektion III Gelsenkirchen vom 16. März 1943 an den Oberbürgermeister. Auf Grundlage des so genannten "Auschwitz-Befehls" Himmlers sind sämtliche Gelsenkirchener Zigeuner nach Auschwitz deportiert worden.

In den Lagerbüchern von Auschwitz-Birkenau ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen deportierten Sinti festge-halten - es war der 13. März 1943. In den nach Geschlechtern getrennten Listen finden sich auch die Namen von Anna Böhmer und ihren Kindern. Die ankommenden Menschen wurden namentlich registriert, die Häftlings-nummer - ein "Z" vorangestellt - wurde ihnen auf den linken Unterarm tätowiert, bei kleinen Kindern auf den Oberschenkel. Untergebracht wurden die Menschen in völlig überfüllte Holzbaracken.

Im "Zigeunerfamilienlager" herrschten wie auch in den anderen Teilen des Vernichtungslagers Auschwitz katastrophale Bedingungen. Unter den im "Zigeunerlager" internierten Sinti und Roma befanden sich ungewöhnlich viele Kinder. Der SS-Arzt Josef Mengele führte an Roma- und Sinti-Kindern verschiedene medizinische Experimente durch. Aufgrund der Mangelernährung und der katastrophalen hygienischen Bedingungen kam es im "Zigeunerlager" zum Ausbruch der äußerst seltenen Krankheit Wasserkrebs (Noma), die besonders Kinder und Jugendliche befiel. Mengele ließ zur Erforschung der Krankheit extra eine weitere Krankenbaracke errichten. Die erkrankten Kinder wurden zu Menschenversuchen missbraucht, ein Teil von ihnen wurde medizinisch versorgt und bekam zusätzliche Nahrung, um den Zusammenhang von Krankheits-verlauf, Lebensumständen, Ernährung und ärztlicher Pflege zu dokumentieren. Andere Kinder wurden auf Mengeles Befehl hin umgebracht, um an ihnen pathologische Untersuchungen durchzuführen. [9]

Dokument Häftlings-Krankenbau des Zigeunerlagers Auschwitz Birkenau B.A.II Dokument Häftlings-Krankenbau des Zigeunerlagers Auschwitz Birkenau B.A.II

Abb. 14+15: Dokumente aus dem so genannten Häftlings-Krankenbau (HKB) des "Zigeunerlagers" Auschwitz-Birkenau. Am 3. Juli 1943 veranlasst Dr. Josef Mengele weitere Untersuchungen an Kindern, so auch an Karl Böhmer. Sechs Tage später stirbt Karl Böhmer. Bei seiner Schwester Marie wird am 2. August 1943 Wasserkrebs (Noma) diagnostiziert, einen Tag später starb das Mädchen.

Die grausamen und unfassbaren Vorgänge und Zustände im "Kinderblock" des "Zigeunerlagers" übersteigen die menschliche Vorstellungskraft. Vermutlich begegnet man hier dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte überhaupt. "Der Anblick der blutspeienden, verängstigten, sich in Fieber wälzenden und nach Atem ringenden Kinder war schrecklich [...]", so ein nach Auschwitz deportierter tschechischer Arzt, der ab Juli 1943 ein Jahr lang die Kinder im "Zigeunerlager" betreute. Die Häftlingsärztin Lucie Adelsberger berichtete:

"Die Kinder waren wie die Erwachsenen nur noch Haut und Knochen, ohne Muskeln und Fett, und die dürre pergamentartige Haut scheuert sich über die harten Knochen des Skeletts überall durch und entzündete sich in schwärenden Wunden. Krätze bedeckte den unterernährten Körper von oben bis unten und entzog ihm die letzte Kraft. Viele von ihnen, die so lange des Essens entwöhnt waren, fragten nicht mehr nach Nahrung, aber alle verlangten zu trinken, [...] bettelten immer und immer um Wasser. Durst, unstillbarer Durst war eine der großen Plagen von Birkenau."


Anna Böhmer musste in Auschwitz-Birkenau miterleben, wie ihre Kinder - die jüngsten und schwächsten, Werner und Albert zuerst - eines nach dem anderen innerhalb weniger Monate unter den von Menschen bewusst geschaffenen, grauenhaften Umständen starben. Den Tod ihres Sohnes Willy erlebte sie nicht mehr. Anna Böhmer stirbt am 16. Dezember 1943, Willy am 10. Januar 1944.

Die Stolperstein-Patenschaften für Familie Böhmer haben Knut Maßmann, Peter Liedke, Jesse Krauß, Klaus Brandt, Susanne Becker, Heinrich Szamida, Roman Pilgrim und Renate Brändlein-Wilbertz übernommen.

Quellen:
[1] Vgl. Lotta, antifaschistische Zeitung aus NRW, Johannes Hartwig: "Porajmos. Der NS-Völkermord an den Sinti und Roma" Nr. 39, S. 53-54, 2010
[2] Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, "Chronologie" Heidelberg, Januar 2011
[3] Vgl. Uwe Lohalm: Diskriminierung und Ausgrenzung »zigeunerischer Personen« in Hamburg 1933 bis 1939 (2001) in Landeszentrale für politische Bildung, "Die nationalsozialistische Verfolgung Hamburger Roma und Sinti 33-45", Hamburg 2006
[4] Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, "Chronologie" Heidelberg, Januar 2011
[5] ebda.
[6] ebda.
[7] Vgl. Stefan Goch "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen", S.183, Essen 1999.
[8] Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, "Chronologie" Heidelberg, Januar 2011
[9] Vgl. Lotta, antifaschistische Zeitung aus NRW, Johannes Hartwig: "Porajmos. Der NS-Völkermord an den Sinti und Roma" Nr. 39, S. 53-54, 2010
Abbildungen:
[1] Foto aus dem Wehrpass von Karl Böhmer, Deutsche Dienststelle (WaSt), Berlin
[2] Archiv Hubert Schier
[3, 4] Deutsche Dienststelle (WaSt), Berlin
[5] Deutsche Dienststelle (WaSt), Berlin
[6] Copy of 1.1.31.2 / 3665285, in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Individuelle Unterlagen Niederhagen (Wewelsburg)
[7, 8] Archiv Hubert Schier
[9] Deutsche Dienststelle (WaSt), Berlin
[10] Archiv Hubert Schier
[11] StA Gelsenkirchen
[12] StA Gelsenkirchen
[13] Copy of 1.1.2.1 / 539688 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen
[14] Copy of 1.1.2.1 / 541007 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen

Literaturauswahl:
Stefan Goch "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen" Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des "Dritten Reiches" im Raum Gelsenkirchen, Essen 1999.
Hüser, Karl / Brebeck, Wulff E.: "Wewelsburg 1933-1945, Das Konzentrationslager", Münster, 2002
Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: "Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" Band 7: Wewelsburg, Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora. C.H. Beck, 2008
Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: "Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H. Beck, 2007
Wolfgang Wippermann: "Wie die Zigeuner" - Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin 1997
Romani Rose, Hrsg.: "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen. Der nationalsozialischtische Völkermord an den Sinti und Roma", 1999
Otto Rosenberg: "Das Brennglas" Autobiografie von Ulrich Enzensberger, Berlin 1998
Anja Tuckermann: "Denk nicht, wir bleiben hier!" Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, München 2005

Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen, November 2014.

Stolpersteine für Karl, Anna, Sonia, Elisabeth, Rosa, Willy, Karl jun., Marie, Sophie, Albert und Werner Böhmer verlegt am 12. Dezember 2014

Stolpersteine Gelsenkirchen - Karl, Anna, Sonia, Elisabeth, Rosa, Willy, Karl jun., Marie, Sophie, Albert und Werner Böhmer


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Nachtrag Dezember 2014

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