STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Stolpersteine Gelsenkirchen DR. ERICH CARO

JG. 1883
FLUCHT 1940
HOLLAND
VERSTECKT GELEBT


Stolpersteine Gelsenkirchen ANNA CARO

GEB. LADWIG
JG. 1887
FLUCHT 1940
HOLLAND
VERSTECKT GELEBT

Stolpersteine Gelsenkirchen CLAUS CARO

JG. 1921
FLUCHT 1940
HOLLAND
1940 USA

Stolpersteinpaten gesucht, geplanter Verlegeort: Buer-Gladbecker Straße 12

Ausschnitt Reisepass Dr. Erich Caro, Gelsenkirchen-Buer

Abb.1: Reisepass von Dr. Erich Caro, ausgestellt am 8. Februar 1939 vom Polizeipräsidenten Recklinghausen, Polizeiamt Gelsenkirchen.

Der am 21. Januar 1883 in Petersburg/ Russland geborene jüdische Arzt Dr. Erich Oswald Caro lebte seit 1918/19 in Gelsenkirchen-Buer; dort spätestens seit den 1920er Jahren auf der Glad- becker Straße 12, der heutigen Buer-Gladbecker Straße. Caro hatte in Berlin Medizin studiert und sich als praktischer Arzt niedergelassen. Wie sein Weg ihn nach Buer führte, ist leider nicht bekannt.

Dr. Caros erste Ehefrau Anna geb. Lehner starb am 25. Mai 1935. Der gemeinsame Sohn Claus wurde am 24. Oktober 1921 in Buer geboren. Im Februar 1938 heiratete Dr. Caro die nach natio- nalsozialistischem Sprachgebrauch „halbjüdische" Anna (genannt Anne) Ladwig. Anna wurde am 7. April 1887 in Lemberg/Oberpfalz geboren und ist nach den Unterlagen der Einwohnermeldekartei im Dezember 1920 aus Lemberg hierher gezogen.

Ausschnitt Reisepass Anna Caro, Gelsenkirchen-Buer

Abb.2: Reisepass von Anna Caro, ausgestellt am 8. Februar 1939 vom Polizeipräsidenten Recklinghausen, Polizeiamt Gelsenkir- chen. Die Pässe von Dr. Erich und Anna Caro tragen die Bezeich- nung "J" sowie im Sichtvermerk die seit dem 1. Januar 1939 für Juden zusätzlich zu führenden Zwangsvornamen "Israel" und "Sara" (je nach Geschlecht).

Die schrittweise Entrechtung der jüdischen Bevöl- kerung bekam auch der seit vielen Jahren in die Bueraner Bevölkerung anerkannte Arzt deutlich zu spüren. Nachdem ihm seit 1933 zunächst nur noch die Behandlung jüdischer Patienten erlaubt war, erlosch seine Approbation im Oktober 1938 und damit die Lizenz zur Ausübung seines Berufes. Wie ihm erging es jedoch auch seinen Kollegen: Nach Angaben in der Gelsenkirchener Stadtchronik vom 13. Oktober 1938 waren von den 13 zu Beginn des Jahres 1933 im Untersuchungsraum tätig gewesenen jüdischen Ärzten bis 1938 "ein erheblicher Teil (...) von selbst verschwunden". Zu diesem Zeitpunkt waren die deutschen Juden bereits auf den Status einer vollkommen entrechteten und ausgeplünderten Minderheit herabgesetzt worden. Unter dem Eindruck des sich seit Ende 1938 konkretisierenden willkürlichen und terroristischen Charakters des NS-Regimes und auf Druck der Gestapo floh die Familie Caro schließlich am 9. Mai 1940 in die Niederlande, um sich von Rotterdam aus in die USA einzuschiffen.

Die Arztpraxis und ihren gesamten Besitz mußten die Caros zurücklassen, lediglich das Nötigste nahmen sie mit. Unglücklicherweise wurde dieses Vorhaben jedoch durch den deutschen Überfall auf Holland vereitelt, so dass die Caros ihr eigentliches Emigrationsziel nicht mehr erreichen konnten und das ursprüngliche Transitland nunmehr ihr Exilland wurde. Darüber hinaus verbrannte beim Angriff der deutschen Truppen das Emigrantenschiff "Veendam" im Hafen von Rotterdam und mit ihr sämtliche, bereits auf dem Schiff befindliche Habe der Familie.

Mit Hilfe der niederländischen Widerstandsbewegung konnten die nunmehr völlig mittellosen Caros im Frühjahr 1940 bei einem Bauern der Gemeinde Loosdrecht untergebracht werden, wo sie sich in dürftigen Verhältnissen die Kriegsjahre über versteckt hielten: "Sie lebten versteckt und abgesondert von der Aussenwelt in einer Art Scheune bei einem Bauernhof auf dem Weg zwischen den beiden Dörfern Nieu- wersluis und Loenen in der holländischen Provinz Utrecht." Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Holland mußten sich alle dort lebenden Juden registrieren lassen. Wie Caro später aussagte, war ihm "die Absicht der deutschen Maßnahmen" sofort bewußt und er "erkannte ihre Gefahr für uns". Infolgedessen besorgte er sich "dank der Mithilfe des zuständigen Bürgermeisters in Loosdrecht (...) und aufgrund irreführender Behauptungen gegenüber den Deutsch-holländ. Behörden in den Haag bezügl. unserer Personalien uns schützende holländische Ausweise". Mit Hilfe der niederländischen Papiere, gelang es ihm und seiner Frau, sich den Deutschen gegenüber als in einer "Mischehe" lebend auszuweisen und dadurch einer Deportation zu entziehen.

"Alle Aufforderungen und sogar Drohungen aus Amsterdam, sich registrieren zu lassen, habe ich konse- quent ignoriert und abgelehnt. Es war mir durchaus bewußt, daß ich, falls die deutsche Gestapo dahinter kam, sofort in ein Straf-K.Z. käme und auch die Familie verloren wäre, aber ich sah in dem Wagnis eine Chance gegenüber den durch die Registrierung erfaßten Opfern, über deren Schicksal ich keine Illusio- nen hatte." Die Caros lebten also in der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, weshalb sie sich so wenig wie nur möglich öffentlich bewegten. Erich Caro selbst ist über ein Jahr überhaupt nicht ausgegangen, denn: "Verräter, Spitzel und Kollaborateure gab es auch in Holland genug...".

Trotz aller Vorsicht bekam jedoch Anne Caro im Sommer 1942 als eine der ersten die schriftliche Auf- forderung der Gestapo, sich sofort in Utrecht zum Abtransport nach Polen zu melden. Erich Caro gelang es, den Bürgermeister davon zu überzeugen, daß hier ein Irrtum vorliegen müsse in der Auslegung der Bestimmungen. Nach mehrmaligen Verhandlungen gelang es ihm, auch für seine Frau einen Ausweis ohne "J" zu bekommen. Mit dem ging sie dann ins Hauptquartier der Gestapo nach Amsterdam und schaffte es, aufgrund dieses Ausweises ohne "J" frei zu kommen. Hinzukommend haben die in Loos- drecht nur sporadisch durchgeführten Kontrollen eine Festnahme der Familie Caro bis 1945 verhindert, so dass sie die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden in Holland überlebten. Ende 1945 kehrte Dr. Caro nach Gelsenkirchen-Buer zurück und praktizierte hier auch wieder als Arzt. Seine Frau folgte im Januar 1946.

Die Eheleute lebten bis in die 1970er Jahre in Buer, wie vor ihrer Flucht auf der Buer-Gladbecker Straße 12. Sohn Klaus wanderte in die USA aus. Das Ehepaar Caro betrieb seit 1949 seine Anerkennung als rassisch Verfolgte und stellte 1954 beim Wiedergutmachungsamt Gelsenkirchen Anträge nach dem Bundesentschädigungsgesetz von 1953 wegen erlittener "Schäden an Freiheit", "an Körper und Gesund- heit", "im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen" sowie "an Eigentum und Vermögen". Den Anträ- gen wurde bis Ende der 1950er Jahre entsprochen, der Antrag auf Entschädigung wegen des erlittenen "Schadens an Freiheit" (durch das illegale Leben in den Niederlanden) wurde jedoch abgelehnt!

Quellen:
Vgl.: Andrea Niewerth, Dr. Erich Caro - Eine Bueraner Biographie, in: Buersches Lesebuch, 2003, S.207-209.
Einwohnerkartei Gelsenkirchen, ISG/StA GE


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2018.

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