Stolpersteine Gelsenkirchen
Gemeinsam gegen das Vergessen

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PAUL GRÜNEBERG
Jahrgang 1892
Deportiert 1942
Riga
Ermordet 1945 in Stutthof
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HELENE GRÜNEBERG
GEB. LEVY
Jahrgang 1897
Deportiert 1942 Riga
Ermordet 1945 in Stutthof
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HELLA GRÜNEBERG
Jahrgang 1932
Deportiert 1942 Riga
Ermordet 1945 in Stutthof
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Meyer Grüneberg gründete in Gelsenkirchen eine Metzgerei, die seine Söhne Albert und Paul nach seinem Tode im Jahr 1932 fortführten. Paul Grüneberg führte die "Fleisch-Markthalle" der Familie alleine weiter, nachdem sein Bruder, der Metzgermeister Albert Grüneberg verstarb. Albert Grüneberg wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf beigesetzt. Paul Grüneberg wurde am 14. November 1892 in Hennen, Kreis Iserlohn geboren. Er war im ersten Weltkrieg Soldat und wurde mit dem Verwundeten-abzeichen und dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Am 14. September 1919 heiratete er die aus Jever stammende Helene Levy, die am 22. Februar 1897 geboren worden war. Lore Buchheim hatte eine jüngere Schwester, Hella Grüneberg. Helene "Hella" wurde am 3. Juli 1932 in Gelsenkirchen geboren.
 Bild (ISG): Metzgerei der Familie Grüneberg an der heutigen Hauptstraße in Gelsenkirchen, damals 'Adolf-Hitler-Sraße'
Die Metzger-Familie Grüneberg war in der Stadt angesehen, Paul Grüneberg war Mitglied im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und auch in der jüdischen Gemeinde ein geschätztes Mitglied. Bald nach der Machtübergabe an die National-sozialisten bekam Paul Grüneberg den Antisemitismus zu spüren.
Nach einer Auseinandersetzung mit einem Mitarbeiter seines Betriebes, der Ihn bestehlen wollte, erschien im Oktober 1934 auf der Titelseite des berüchtigten antisemitschen Hetzblattes "Der Stürmer" ein Artikel: "Paul Grüneberg - Der Judenmetzger von Gelsenkirchen". Paul Grüneberg wurde darin beschuldigt, seinen deutschen Kunden schlechtes und verdorbenes Fleisch zu verkaufen und seine Angestellten auszubeuten. Exemplarisch zeigt dieser Vorfall, wie schwach die Position jüdischer Geschäftsleute in ihren eigenen Betrieben gegenüber den dort beschäftigten "Ariern" geworden war. Paul Grüneberg ging gerichtlich gegen die Verleumdungen vor und gewann auch. Die Schädigung seines Rufes konnte er aber nicht wirklich verhindern.
Paul Grüneberg erkannte trotz dieser Auseinandersetzung nicht die Notwendigkeit, möglichst bald Deutschland zu verlassen. Auch eine Gelegenheit für eine Flucht der Kinder nutzte die Familie nicht. Paul Grüneberg kämpfte um sein Recht, erlebte dabei dann aber die stetige Verschärfung der Diskriminierungen der Juden. Die Familie verlor schließlich das Geschäft und musste 1941 in ein so genanntes "Judenhaus" an der Schalkerstrasse 49 ziehen.
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Mit dem größeren Teil der in Gelsenkirchen gebliebenen Juden wurden die vier Mitglieder der Familie Grüneberg am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Die Familie überlebte das Ghetto, wurde vor der heranrückenden Roten Armee nach Stutthof verschleppt. Im KZ Stutthof kamen Paul Grüneberg und seine Frau Helene Grüneberg um. Ihre Tochter Helene ist seither verschollen. Als einzige ihrer Familie, die beim Abtransport von Riga getrennt worden war, überlebte Hannelore Grüneberg auch das KZ Stutthof.
Sie wurde von der Roten Armee am 9. März 1945 bei einem der berüchtigten Todesmärsche befreit. Danach kehrte Hannelore Grüneberg am 7. Juli 1945 für einige Monate nach Gelsenkirchen zurück. Von dort zog sie im Dezember 1946 nach Hamburg, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu absolvieren. Schließlich wollte sie aber doch nicht mehr in Deutschland bleiben, wo ihre Familie verfolgt worden war und wo sie keine Verwandten mehr hatte. 1948 wanderte sie zu Verwandten nach Bolivien aus. Nach einem Aufenthalt in Chile, der Rückkehr nach Bolivien und der Heirat in Bolivien ging sie 1953 in die USA, wo sie eine eigene Bäckerei mit zwei Geschäften aufbaute.
Bericht von Lore Buchheim, geborene Grüneberg
Nach der 'Reichskristallnacht' änderte sich alles. Man kann es sich nicht vorstellen. Wir hatten schon das Geschäft aufgegeben und hatten auch unseren Besitz weitgehend verkauft. Mein Vater wurde am 9. November festgenommen und ihm wurde gesagt, dass er, damit er freikommen würde, all sein Eigentum verkaufen sollte. Wenn er alles verkaufen würde, müsse er nicht nach Buchenwald.
Die meisten Leute, die noch Besitz hatten, mussten ihn nun abgeben. Und sie wurden nun in der Stadt eingesperrt. Es hieß damals "Schutzhaft", weil die Leute so feindlich gegenüber den Juden gesonnen waren. Unser Geschäft war verkauft, unser Haus war verkauft. Die Leute, die unser Geschäft übernommen hatten, hatten auch unser Haus gekauft - aber zu einem minimalen Preis. Und wir erhielten noch nicht einmal die Kaufsumme. Sie kam auf ein Sperrkonto, von dem wir monatlich nur einen bestimmten Betrag erhielten. Mein Vater musste nun auf der Zeche arbeiten. Die meisten jüdischen Männer meiner Heimatstadt mussten auf den Zechen arbeiten.
Zunächst lebten wir noch in demselben Haus, in einem Teil unserer früheren großen Wohnung. Doch bald wurde uns mitgeteilt, dass die Deutschen nicht mit uns zusammen leben wollten. Als der Krieg begonnen hatte, wollten die Deutschen nicht mit uns zusammen in den Luftschutzkeller gehen. Die jüdischen Menschen wurden nun in einzelnen Häusern zusammengefasst. Wir mussten also in ein Haus an der Schalker Straße umziehen. Wir hatten dort nur einen Schlafraum, und eine Tante meiner Mutter war noch bei uns. Meine Schwester und ich und meine Eltern kamen nun in ein Schlafzimmer. Und dann hatten wir noch einen anderen Raum und da war ein allgemein zugänglicher Raum, wo wir unser Geschirr und andere Dinge aufbewahrten. Wir hatten also nur zwei Räume, in denen wir lebten. Von dort deportierten sie uns später nach Riga.
 Foto: Helene Grüneberg, geborene Levy (Privatbesitz Lore Buchheim)
Als es in Riga dann nach dem Winter wärmer wurde, fanden wir die Reste und Hinterlassenschaften der lettischen Juden, die vorher im Ghetto gewesen waren. Da wussten wir, dass dies das Ende sein würde. Auf dem Weg aus dem Lager heraus sah ich zum letzten Mal meine Mutter und meinen Vater. Nein, meine Mutter sah ich später noch einmal in Stutthof. Meine Schwester sah ich nicht mehr. Wir sprachen einige Minuten, dann musste ich weggehen. Und meine Mutter gab mir etwas Wolle, rosa und weiße Wolle. Später fand ich dann in der Wolle noch etwas Schmuck, so dass ich mir noch etwas zu Essen beschaffen konnte, oder anderes.
Wir sprachen darüber, was wir tun würden, wenn wir aus dem Ghetto herauskommen würden, dass wir nach Hause zurückgehen würden. Aber wir hatten nicht viel Hoffnung, keiner von uns. Wir hatten nichts zu erwarten, nur einen Rest Hoffnung. Meine Mutter gab mir gute Ratschläge, dass ich ein gutes Mädchen bleiben sollte, dass ich nichts Falsches tun sollte, wie ich eine gute Jüdin sein könnte. Sie sagte, dass ich nichts tun sollte, wofür ich mich schämen müsste. Das waren ihre letzten Worte. Mein Vater sagte nichts. Dann wurden wir in ein Schiff gesteckt, um nach Stutthof gebracht zu werden. Es war einfach unbeschreiblich. Am nächsten Morgen war dann Appell und es wurden Marschkolonnen zusammengestellt.
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Wir gingen ungefähr zehn Meilen und wurden dann für die Nacht in einer Scheune eingesperrt. Am Morgen ging der Marsch weiter. Auf der Straße lagen schon Tote, erschossen, weil sie nicht mehr weiter konnten. Wir waren also auf einem Todesmarsch. Für Wochen zogen wir hin und her. Eines Morgens steckten sie uns dann in eine Scheune und ließen uns zum Sterben zurück. Vielleicht zwei Tage später kamen die Russen und befreiten uns.
Auch gerade nach dem Krieg mussten wir aufpassen. Nun waren unsere Feinde nicht nur die Deutschen - wir konnten Niemandem trauen. Wir waren ganz allein. Wir konnten mit Niemandem sprechen. Wir hatten nichts zu essen, wir hatten keine Unterkunft, wir wussten nicht, wo wir unsere nächste Mahlzeit bekommen sollten. Wit wussten überhaupt nicht, was wir machen sollten. Es war eine ganz verheerende Zeit. Man kann es sich gar nicht vorstellen. Als wir im Lager waren, waren wir mit all den anderen Leuten zusammen. Es konnte sein, dass wir mit den anderen zur Schlachtbank geführt werden würden. Wir würden auf jeden Fall mit den anderen das Schicksal teilen. Als wir nun aber alleine waren, war es sehr verwirrend. Wir waren alleine. Es war unbeschreiblich. Wir waren in der Nähe von Lauenburg, was heute zu Polen gehört. Wir bemühten uns zuerst, aus Polen herauszukommen und weg von den Russen.
Lore Buchheim stimmte im April 2008 einer Veröffentlichung ihrer lebensgeschichtlichen Erinnerungen auf der Internetpräsenz von GELSENZENTRUM zu.
Lore Buchheim besuchte 1997 Gelsenkirchen. Zudem wurde sie im Jahr 2000 für eine Hausarbeit am Schalker Gymnasium interviewt. Dafür stellte sie auch ihren Video-Lebensbericht vom 6. August 1997 zur Verfügung. Die Ergebnisse des Schülerprojektes von Matthias Heitbrink und das hierfür verwendete Video sind hier verwertet worden. Die lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Lore Buchheim wurden erstmalig 2004 in dem Buch von Stefan Goch "Jüdisches Leben" (ISBN:3-89861-249-X) der Öffentlichkeit vorgestellt.
→ Die "Arisierung" der Fleischerei Paul Grüneberg

Die heutige Hauptstrasse 16 in Gelsenkirchen, hier befand sich die Metzgerei der Familie Grüneberg diein dem Haus auch wohnte.
Früher hieß die Strasse Hochstrasse und wurde im so gennanten "Dritten Reich" in Adolf-Hitler-Strasse umbenannt.
→ Fotostrecke von der Verlegung der STOLPERSTEINE an der Hauptstrasse 16