STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

← STOLPERSTEINE Gelsenkirchen

Verlegeort MORITZ LÖWENSTEIN

JG. 1885
DEPORTIERT 31.3.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET


Verlegeort MARTHA LÖWENSTEIN

GEB. HEIMANN
JG. 1886
DEPORTIERT 31.3.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET



Verlegeort MANFRED LÖWENSTEIN

JG. 1925
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 15.1.1943

Verlegeort HERTA LÖWENSTEIN

JG. 1913
SCHICKSAL UNBEKANNT


Verlegeort JOHANNA LÖWENSTEIN

VERH. WINDMANN
JG. 1916
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Verlegeort REHA WINDMANN

JG. 1941
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Verlegung 2019 geplant, Verlegeort: Bergmannstraße 43, Gelsenkirchen

Das Ehepaar Moritz Löwenstein, geboren am 12. September 1885 in Fischelbach/Wittgenstein und Martha, geb. Heinemann, geboren am 12. September 1886 in Mülheim a. d. Ruhr hatten drei Kinder, die am 10. Juni 1913 in Mühlheim/Ruhr geborene Herta, die am 29. Dezember 1916 in Fischelbach gebo- rene Johanna und den ebenfalls in Fischelbach am 17. Februar 1925 geborenen Manfred. Die Familie Löwenstein lebte ab 1927 an der Bergmannstraße 43 in Gelsenkirchen-Ückendorf. [1]

Einwohnerkarteikarte Familie Moritz Löwenstein

Abb.1: Einwohnerkarteikarte amilie Moritz Löwenstein, Gelsenkirchen

Moritz und Martha Löwenstein wurden 1939 in das zwischenzeitlich zum so genannten "Judenhaus" umdeklarierte Haus aus dem Besitz des jüdischen Anstreichermeisters Hartog Heymann, Bergmann- straße 41 eingewiesen. Von dort wurden beide am 31. März 1942 in das Ghetto Warschau deportiert, seither fehlt jedes Lebenszeichen.

Einwohnerkarteikarte mit Eintragung Todeserklärung Moritz Löwenstein

Abb.2: Einwohnerkarteikarte mit Eintragung Todeserklärung Moritz Löwenstein

Herta Löwenstein lebte in Recklinghausen, sie ist am 14. April 1936 wieder nach Gelsenkirchen gezo- gen. Ihr weiterer Lebensweg konnte nicht geklärt werden. Sie die NS-Zeit überlebt, lebte bis zu ihrem Tod 1986 in Hampshire, England, United Kingdom. Sophie Farber (geb. Löwenstein) hat lt. Eintrag in der Einwohnerkarteikarte am 12. November 1959 Moritz Löwenstein für tot erklären lassen.

Einwohnerkarteikarte Johanna Windmann, geborene Löwenstein

Abb.3: Einwohnerkarteikarte Johanna Windmann, geborene Löwenstein

Johanna Löwenstein lebte ab 1931 an der damaligen Scharnhorststr. 12 (Heute Heidelbergerstraße) in Gelsenkirchen, hielt sich jedoch häufig im Elternhaus auf. Sie heiratete am 16. August 1940 den in Beu- then/Oberschlesien geborenen Ismar Windmann, das Ehepaar hatte eine Tochter, die am 3. November 1941 in Gelsenkirchen geborene Tochter Reha. Ismar Windmann war ein begabter Musiker, spielte Akkordeon in einem Rundfunkorchester. Von August 1940 bis Juli 1942 musste Ismar Windmann dann bei der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, Gruppe Gelsenkirchen, auf der Zeche Holland im Rahmen des "geschlossenen Arbeitseinsatzes für Juden" Zwangsarbeit verrichten. Um den Jahreswechsel 1939/40 wurde auch die Familie Windmann in das "Judenhaus" Bergmannstraße 41 eingewiesen.

Am 8. September 1942 wurde Familie Windmann von dort nach Bielefeld in ein Arbeitslager an der Bie- lefelder Schloßhofstraße 73a gebracht. Dort waren auf dem Lagergelände in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 eigens Baracken für junge Familien errichtet worden. Die Eheleute Windmann wurden in Bielefeld zur Ableistung von Zwangsarbeit eingesetzt.[2] Am 2. März 1943 wird Familie Windmann von Bielefeld aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort in der Gaskammer ermordet. Für Ismar Windmann, der auch in Duisburg gelebt hat, ist dort bereits ein Stolperstein verlegt worden, für Johnna Löwenstein, verheiratete Windmann und ihre Tochter Reha wird an der Bergmannstraße 43 mit Stolpersteinen erinnert - im Gedenken soll so die Familie Moritz Löwenstein wieder symbolisch zusam- mengeführt werden.

Manfred Löwenstein ist zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Berlin verzogen, möglicherweise sollte er dort auf eine Auswanderung bzw. Flucht nach Palästina vorbereitet werden. Am 14. Dezember 1942 wurde Manfred Löwenstein von Berlin in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er am 15. Januar 1943 ermordet worden ist.

Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun?

Mit der Geschichte des Hauses Bergmannstrasse 43 und seinen jüdischen Bewohnern, den Familien Moritz Löwenstein und Moritz Heymann, ist eine Begebenheit verknüpft, die sich im März 1939 ereig- nete und bis heute in einer Familiengeschichte eine große Rolle spielt:

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.: Heute steht diese Vitrine aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Gelsenkirchen in einer Wohnung in Braunschweig.

Anneliese Scheibner geb. Schott ist heute 92 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen lebte sie mit ihrem Vater, dem Gesenkschmiedemeister Emil Schott und ihrer Mutter 1939/40 rund ein Jahr an der Bergmannstraße 43. In dem Haus lebten zu dieser Zeit zwei jüdische Familien, beiden stand der Zwangsumzug in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens bevor, in diesem Fall in das Nebenhaus Bergmannstr. 41. Eine dieser somit freiwerdenden Wohnungen bezog Emil Schott im März 1939 mit Frau und Tochter.

In der Familie Schott/Scheibner wurde jahrzehn- telang folgende Schilderung überliefert: "Emil Schott war allein bei der Wohnungsübergabe in Gelsenkirchen-Ückendorf, hatte dabei mit der jüdischen Familie gesprochen und dabei auch der Familie einige Möbelstücke 'abgekauft': einen großen Schrank, eine Vitrine und einen Tisch mit 6 Stühlen. Es gibt nur noch die Vitrine und die hat heute ein Familienmitglied in seinem Haus. Die Juden seien dann später einfach "ausgreist". So habe es ihre Mutter immer erzählt, schildert Uta Meyhöfer, die Tochter von Anneliese Scheib- ner. Daran habe sie jedoch nie glauben wollen, unsere Recherchen bestätigen ihren Verdacht, von einer "einfachen Ausreise" kann nun nicht mehr die Rede sein. Zunächst wollten sie anonym blei- ben, mittlerweile haben sich Mutter und Tochter dazu entschlossen, dass ihre Familienamen veröffent- licht werden sollen. Auch ein Brief, den Anneliese Scheibner im Februar diesen Jahres an uns gerichtet hat, soll einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb, damit Licht in die dunkle Familienvergangenheit kommt und großes Unrecht nicht dem Vergessen anheim fällt. Die Paten- schaften für die Stolpersteine, die an Familie Löwenstein erinnern, hat Uta Meyhöfer übernommen.

Quellen:
[1] Einwohnerkartei Gelsenkirchen, StA Gelsenkirchen
[2] Manfrd Keller u. Jens Murken (Hrsg.), Jüdische Vielfalt zwischen Ruhr und Weser: Erträge der Biennale: Musik & Kultur der Synagoge 2012/2013, Reihe: Zeitansage. Schriftenreihe des Evangelischen Forums Westfalen und der Evangelischen Stadtakade mie Bochum, Bd. 7, 2014, S.88-92 Fallbeispiel Familie Windmann
Gedenkbuch Bundesarchiv

Abbildungen:
1, 2, 3: StA Gelsenkirchen/ISG, Einwohnerkartei
4: Privat


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. November 2018

↑ Seitenanfang