STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort HIER WOHNTE
UND ARBEITETE

SIEGMUND KATZENSTEIN

JG. 1878
FLUCHT 1939
USA

Verlegeort ROSA KATZENSTEIN

GEB. UDEWALD
JG. 1880
FLUCHT 1939
USA


Verlegeort ERWIN KATZENSTEIN

JG. 1908
FLUCHT 1936
USA


Verlegeort HEINZ KATZENSTEIN

JG. 1910
FLUCHT 1933
USA

Verlegung geplant 2021, Schalker Straße 174

XXX

Abb. 1: Kaufmann Siegmund Katzenstein, Gelsenkirchen

Auch Siegmund Katzenstein gehörte zu den jüdischen Deutschen, die es aus eher ländlichen Gebieten um die Jahrhundertwende ins aufstre- bende Ruhrgebiet zog. Auch seine Schwester Recha kam nach Gelsenkirchen, sie heiratete hier den Kaufmann Isidor Goldblum.

Bereits 1903 eröffnete der fleißige Kaufmann Siegmund Katzenstein an der Schalker Straße 174 die Firma Katzenstein & Co., im Sortiment hatte Katzenstein vornehmlich Textilwaren.

Siegmund Katzenstein, geboren am 21. April 1878 in Frankenau (Kreis Waldeck-Frankenberg) war mit Rosa Udewald, geboren am 28. Dezem- ber 1880 [1] in Beverungen (Kreis Höxter) verhei- ratet. Das Ehepaar hatte zwei in Gelsenkirchen geborene Söhne, Erwin, geboren am 18. Juni 1908 und Heinz, geboren am 13. Juli 1910.

Rosa  Katzenstein mit den Söhnen (v.l.) Heinz und Erwin um 1920

Abb. 2: Rosa Katzenstein mit den Söhnen (v.l.) Heinz und Erwin um 1920 in Gelsenkirchen

Die Kinder Katzenstein wuchsen wohlbehütet in der bürgerlichen Kaufmannsfamilie auf, besuch- ten die jüdische Volkschule an der Ringstraße 44, die bereits 1907 vor dem Hintergrund des blühenden jüdischen Lebens in Gelsenkirchen und dem damit verbundenen weiteren Anwach- sen der jüdischen Reformgemeinde in Gelsen- kirchen noch erweitert werden musste. Am 1. April 1908 wurde die bis dahin private jüdische Schule eine städtische Schule. Von Heinz Kat- zenstein wissen wir, das er nach dem Besuch der Volksschule auf das Schalker Gymnasium wech- selte. An dieser Schule machte er Abitur und begann 1929 ein Jurastudium.


Ein Jahr zuvor, 1928, beging die florierende Firma Katzenstein & Co ihr 25jähriges Firmenjubiläum, ge- feiert wurde groß am 25. März im 'Hotel Thiemeyer, Schalke'. Mit der um diese Zeit einsetzenden Welt- wirtschaftskrise wurde die NSDAP 1930 zweitstärkste Partei im Reichstag, eine Katastrophe für die jun- ge Demokratie. Katzensteins konnten die Krise jedoch wirtschaftlich durchstehen.

Weihnachtsmann zu Werbezwecken am Geschäftshaus von Siegmund Katzenstein

Abb. 3: Siegmund Katzenstein beantragt eine Genehmigung zur temporären Anbringung eines Weihnachtsmannes während der Vorweih- nachtszeit 1929 an seinem Geschäftshaus Schalker Straße 172-176.

Mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation jüdischer Menschen erneut, doch nun steckte eine politische, antisemitisch geprägte Radikalisierung dahinter, auf zunehmende Vedrängung und Ausgrenzung aus allen Wirtschafts- und Lebensbereichen folgte später Vernichtung. Von den Betroffen ahnten die allerwenigsten zu der Zeit, was da bevorstand. Man glaubte zumeist, es handle sich einfach um eine Welle, die es abzuwarten galt, um etwas Vorübergehendes. Manche handelten früh und verließen Deutschland zu Beginn der Nazi-Terrorherrschaft, der Großteil hielt zunächst unverdrossen an deutscher wie jüdischer Kultur und an ihrem Glauben an den Sieg von Menschlichkeit und Humanismus fest.

Geschäftshaus Katzenstein, Schalker Straße in Gelsenkirchen

Abb.4: Geschäftshaus Katzenstein, Schalker Straße. In der Gelsenkirchener Stadtchronik sind exemplarische Fälle von Raub des Eigentums jüdischer Menschen verzeichnet.

Auch die Firma Katzenstein war wie viele an- dere jüdische Gewerbetreibende von dem so genannten "Judenboykott" vom 1. April 1933 betroffen. Für die Nazis war der Boykott ein erster Testlauf für ihr später oft wiederholtes Vorgehen: Aus der Partei wurden "radikale" Schritte gegen Juden gefordert und gewalt- sam unkoordiniert umgesetzt. Diese ordnete das Regime dann relativ kurzfristig als reichs- weit koordinierte Aktionen an, angeblich um "Volksunruhe" in kontrollierte Bahnen zu lenken. Auch war der Boykott vom 1. April der offizielle Auftakt zur "Arisierung" - der gegen jüdische Menschen gerichteten wirtschaft- lichen Existenzvernichtung durch staatlich legitimierten Raub und Ausplünderung.

Familie Katzenstein wurde ihrer Existenz- grundlage beraubt, ihr Geschäft in Schalke wurde im Frühjahr 1936 von dem "arischen" Kaufmann Werner Weritz "übernommen". Das war für Siegmund Katzenstein das entschei- dende Signal, nun verstärkt die Flucht ins ret- tende Ausland vorzubereiten.

Sohn Heinz, der im Zuge des Boykotts bereits sein Jurastudium abbrechen musste, war der erste, der aus der Familie Katzenstein aus Nazi-Deutschland fliehen konnte. Im Oktober 1933 kehrte er seinem Heimatland Richtung New York den Rücken. Am 6. Juni 1939 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft, am 23. Juni 1940 heiratete er in New York Frances Baird. Von von 1946 bis 1975 betrieb er einen Knopfgrosshandel in New York, ging dann in den Ruhestand.[2] Heinz Katzenstein starb 1996 im Alter von 86 Jahren in den USA.

Reisepass Heinz Katzenstein. Zum Vergrößern anklicken

Abb. 5: Ausschnitte aus dem Reisepass von Heinz Katzenstein, darin eingestempelt das Visum für die USA und die einmalige, zeitlich befristete Erlaubnis, das Reichsgebiet zu verlassen.

Im Zuge der weiteren Fluchtvorbereitungen und der damit verbundenen Wartezeiten auf die Visa, unter dem Eindruck des Verfolgungsdruckes und der Enteignung stehend, sah sich Siegmund Katzenstein gezwungen, Gelsenkirchen zu verlassen, die Stadt, die eigentlich seine Heimatstadt war. Allzuviele hatten sich dort von ihm und seiner Familie nach der Machtübergabe an die Nazis abgewandt, nur weil er Jude war. Wo zuvor vorgeblich Freundschaft und Anerkennung war, schlugen ihm nun Neid und Hass entgegen. Mit Ehefrau Rosa und Sohn Erwin nahmen die Katzensteins dann in Baden-Baden Quartier, denn dort hatten sie Verwandtschaft. Am 23. November 1936 konnte auch Siegmunds Sohn Erwin in die USA fliehen, sein weiterer Lebensweg konnte bisher wegen fehlender Quellen nicht dargestellt werden.

Vertreibung und Flucht

Zwischen 1933 und 1939 konzen- trierte sich die jüdische Bevölke- rung zunehmend in Großstädten, deren Anonymität einen gewissen Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung bot. In den Jahren 1933 bis 1939 fliehen rund 247.000 jüdi- sche Menschen aus Deutschland:

1933 > 37.000
1934 > 23.000
1935 > 21.000
1936 > 25.000
1937 > 23.000
1938 > 40.000
1939 > 78.000

Der ebenfalls in Baden-Baden lebende Verwandte Ernst Katzenstein konnte im Dezember 1938 nach Plästina fliehen, seine nichtjüdische Ehefrau blieb zunächst in Baden-Baden zurück. Sie floh später zu ihrer Tochter in die Schweiz.[3] Zum Stichtag der Volkszählung 1939, dem 17. Mai, sind Rosa und Siegmund Katzenstein an der Werderstraße 10 in Baden-Baden wohnhaft. In der Werderstraße Nr. 5 lebte ab Septem- ber 1938 auch Sally Katzenstein (Jahrgang 1865), der als Maler den Künstlernamen Franz Korwan trug.[4] Zuvor lebte und arbeitete der Maler lange Zeit in Westerland auf der Insel Sylt. Sally ghörte nicht zu den Überlebenden, er wird am 23. Oktober 1940 in Baden-Baden ver- haftet und in das Internierungslager Gurs (nordöstlich der Pyrenäen, Südfrankreich), später in das Sammellager Noé (südlich von Toulouse), Frankreich deportiert, wo er 1942 ermordet wurde. Auf Sylt und auch an der Werderstraße 5 in Baden-Baden erinnern Stolpersteine an den Maler Franz Korwan, geboren als Sally Katzenstein.

Verschiffungsavis Kühne und Nagel, adressiert an Heinz Katzenstein in New York

Abb. 6: Der noch verbliebende Besitz von Siegmund und Rosa Katzenstein wird im Juli 1939 nach New York verschifft, adressiert an den bereits dort lebenden Sohn Heinz Katzenstein

1940 US Federal Census, Katzenstein Family. Zum Vergrößern anklicken

Abb. 7: Die US-Volkszählung vom April 1940 verzeichnet Familie Katzenstein in New York, 160 Riverside Drive.

Siegmund Katzenstein kann mit seiner Frau Rosa buchstäblich in letzter Minute 1939 aus Nazideutsch- land in die USA fliehen. Die Familie Katzenstein wird bei der US-Volkszählung am 20. April 1940 regis- triert, Siegmund Katzenstein stirbt jedoch für die Familie völlig überraschend noch im gleichen Jahr.

Quellen:
[1] Einwohnerkarten Stadtarchiv Baden-Baden
[2] Heinz Katzenstein Family Collection, AR 25109 / MF 904, Leo Baeck Instute
[3] Einwohnerkarten Stadtarchiv Baden-Baden
[4] Mapping the Lifes, https://www.mappingthelives.org/ (Abruf Mai 2020)
Einwohnerkartei, Stadtarchiv Gelsenkirchen

Abbildungen:
[1, 2, 4, 5, 6] Heinz Katzenstein Family Collection, AR 25109 / MF 904, Leo Baeck Instute, https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/1047213 Accessed March 11, 2020
[3] Hausakte Schalker Str. 174, Stadtarchiv Gelsenkirchen/ISG
[7] https://1940census.archives.gov/ (Abruf Juli 2020)


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Juli 2020

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