STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam erinnern statt Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort HERMANN SPRINGER

JG. 1887
SEIT 1933
MEHRMALS VERHAFTET
GEFÄNGNIS GELSENKIRCHEN
ÜBERLEBT



Verlegeort IDA SPRINGER

GEB. HEYMANN
JG. 1877
SEIT 1933
MEHRMALS VERHAFTET
GEFÄNGNIS GELSENKIRCHEN
TOT AN DEN FOLGEN
28.4.1945


Verlegeort HERBERT SPRINGER

JG. 1918
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
MIT HILFE ÜBERLEBT

Geplanter Verlegeort: Bergmannstraße 37, Verlegung März 2020

Ida Lockemann, geborene Heymann wurde am 2. März 1877 in Wattenscheid geboren. Ihre Eltern waren die jüdischen Eheleute Phillip Heymann und Pauline, geborene Tueski. Ida Heymann war ge- lernte Verkäuferin, sie heiratete in zweiter Ehe am 1. März 1913 den nichtjüdischen Zechenschlosser Hermann Springer vor dem Standesamt Gelsenkirchen. Hermann Springer stammte ursprünglich aus Schlesien, er wurde am 2. Januar 1887 in Hermsdorf Kreis Waldenburg geboren.Das Ehepaar Springer lebte im eigenen Haus an der Bergmannstraße 37 in Gelsenkirchen-Ückendorf. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, der am 30. März 1918 in Gelsenkirchen geborene Herbert. Die Eltern ließen ihren Sohn katholisch taufen - nicht ahnend, dass dieser Umstand dem Sohn später das Leben retten sollte.

SA-Posten standen wiederholt auch vor dem Geschäft der Familie Springer

Abb.1: SA-Wachposten vor dem Geschäft eines jüdischen Inhabers im April 1933 - so standen SA-Posten wiederholt auch vor dem Geschäft der Familie Springer.

Im Erdgeschoß ihres Hauses an der Bergmannstr. 37 betrieben die Eheleute Springer bereits vor der Machtübergabe an die deutschen Faschisten eine gutgehende Schuh- und Lederwarenhandlung. Bereits kurz nach der Machtübergabe war auch Familie Springer dem antijü- dischen Terror durch die neuen Machthaber ausgesetzt.

Mehrere Male wurde das Geschäft der Familie Springer 1933 für die Dauer von jeweils 8-14 Tagen von den NS-Behörden geschlossen, die Inhaber inhaftiert. Auch postierten die Nazis des öfteren einen SA-Mann mit Gewehr vor der Tür des Geschäftes, um auf diese Weise Kundschaft abzuschrecken bzw. am Betreten zu hindern.

Die Hälfte des Hauses gehörte Ida Heymann, sie übertrug ihr Eigen- tum durch Schenkung an ihren Ehemann, um es so dem Zugriff durch die Verfolgungsbehörden, dem Haus- und Grundbesitz jüdischer Menschen ausgesetzt war, zu entziehen.

Bescheinigung des Jüdischen Hilfskomite Gelsenkirchen

Abb.1: Bescheinigung des Jüdischen Hilfskomite Gelsenkirchen

Im September 1935 wurden die so genannten "Nürnberger Gesetze" verkündet, die den NS-Rassismus juristisch institutionalisierten. Nach deren Definition galt Ida Springer als "Volljüdin", ihr Ehemann als so genannter "Halbjude".

Die Ehe der Springers galt numehr als "privili- gierte Mischehe". Als "privilegiert" galten nur Paare, bei denen die Frau jüdisch (jetzt nicht mehr nach Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde, sondern im "rassischen" Sinne des NS- Regimes) und der Mann nichtjüdisch war, wenn sie keine oder nichtjüdisch erzogene Kin- der hatten und Paare, bei denen der Mann jüdisch und die Frau nichtjüdisch war, wenn sie nichtjüdisch erzogene Kinder hatten. Familien in diesen Konstellationen durften in der bisherigen Wohnung verblei- ben, und das Vermögen konnte auf den nichtjüdischen Partner bzw. die Kinder übertragen werden. Später musste der jüdische Partner aus "privilegierter" Mischehe keinen "Judenstern" tragen und wurde von der Deportation (bis Jahresbeginn 1945) befreit.

Bescheinigung des Einzelhandelsverband Nordwestfalen, Kreisvereinigung Gelsenkirchen

Abb.2: Bescheinigung des Einzelhandelsverband Nordwestfalen, Kreisvereinigung Gelsenkirchen

Hermann Springer gab in einem von ihm ange- strengten Wiedergutmachungsverfahren nach dem Krieg an, das es ihm ab 1934/35 auch ver- boten wurde, Bedarfsdeckungsscheine, Wohl- fahrtsscheine und Ehestandsdarlehensmarken anzunehmen. Auch wurde sein Betrieb von Lie- ferungen für SA, SS und HJ ausgeschlossen, ebenso wie aus der Werkschar "Stiefel". In Folge dieser antijüdischen Maßnahmen gingen auch die Umsätze des Geschäftes weiter stark zurück.

Eine weitere Steigerung der staatlich forcierten Verdrängung jüdischer Menschen aus dem Wirt- schaftleben war der Widerruf einer bereits ausge- sprochenen Steuerstundung durch das Finanz- amt Gelsenkirchen im Jahre 1937/38. Springer schilderte in seinem Antrag an das Gelsenkir- chener Wiedergutmachungsamt, das er dadurch gezwungen war, Möbelstücke und Ölgemälde weit unter Wert zu verkaufen, um den Lebensun- terhalt seiner Familie bestreiten zu können: " (...) erlöste ich nicht einmal den vierten Teil des tatsächlichen Wertes aus diesem Zwangsverkauf." 1943 nahm er zusätzlich eine Beschäftigung in einer Fabrik auf, da die spärlichen Einkünfte aus dem Ge- schäft nicht mehr zum Leben ausreichten.

Wiederholt fanden während der NS-Diktatur Hausdurchsuchungen bei Familie Springer statt, die jedoch zum Unmut der Nazischergen nichts Belastendes zu Tage brachten. Wiederholt wurde Hermann Sprin- ger von Seiten der NSDAP bedrängt, er solle sich doch von seiner jüdischen Frau scheiden lassen, um so den Diskrimierungs- und Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen. Das kam für den unbeugsamen Her- mann Springer jedoch nicht in Frage.

Bei Luftangriffen durfte Ida Springer als Jüdin nicht in die öffentlichen Bunker, als sie es doch einmal versuchte, dort Schutz zu finden, wurde sie von den "Volksgenossen" rausgeworfen. So bleib den Sprin- gers nur der eigene Keller als dürftiger Schutzraum. Auch im Alltag war Familie Springer jahrelang den Anfeindungen und Beschimpfungen durch die Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt. Ida Springer starb am 28. April 1945 - nicht zuletzt an den Folgen der 12 Jahre andauernden Verfolgung und Diskriminierung unter der NS-Diktatur. Hermann Springer und Sohn Herbert überlebten Krieg und Naziterror.

Quellen:
Abb.1: "Judenboykott" 1933
Abb.2 + 3: ISG Gelsenkirchen
Einwohnerkartei StA Gelsenkirchen
WGM 862, ISG Gelsenkirchen
Springer, https://www.mappingthelives.org/ (Abruf Januar 2020)


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2020

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