STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort WALTER
OSTERMANN

JG. 1890
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
OPFER DES POGROMS 1938
VERHAFTET 19.9.1944
1944 ZWANGSARBEITSLAGER
SITZENDORF
'ORGANISATION TODT'
1945 THERESIENSTADT
BEFREIT

HIER WOHNTE

Verlegeort LIESELOTTE OSTERMANN

JG. 1925
AUSGEGRENZT / DRANGSALIERT
MIT HILFE ÜBERLEBT

HIER WOHNTE

Verlegeort DOROTHEA OSTERMANN

GEB. BARTELS
JG. 1901
AUSGEGRENZT / DRANGSALIERT
SCHEIDUNG VERWEIGERT
ÜBERLEBT

Verlegung geplant 2027, Ort: Hüttweg 29, 45889 Gelsenkirchen

Adressbuch Gelsenkirchen. Ausgabe 1939, Gelsenkirchen, Hüttweg 29

Abb.1: Adressbuch Gelsenkirchen. Ausgabe 1939; Hüttweg 29

Walter Ostermann war ein jüdischer Kaufmann aus Gelsenkirchen, der den Holocaust überlebte, nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde half und später nach New York auswanderte. Walter Ostermann, geboren am 8. Dezember 1890 in Bochum, war mit der nichtjüdischen Dorothea, geborene Bartels, geboren am 21. Januar 1909 in Essen (Rüttenscheid) verheiratet. Das Ehepaar Ostermann hatte eine Tochter, die am 28. Juni 1925 in Gelsenkirchen geborene Lieselotte. Nach den im September 1935 erlassenen Nürnberger Rassegesetzen - insbesondere dem "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" - stuften die Nationalsozialisten Ehen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Partnern als so genannte "Mischehe" ein.

Walter Ostermann aus Gelsenkirchen Dorothea Ostermann, geborene Bartels aus Gelsenkirchen

Abb.2: Ehepaar Walter und Dorothea Ostermann, geb. Bartels

In "Mischehen" zwischen Juden und "Ariern" galt in der NS-Zeit für jüdische Ehepartner und Kinder längere Zeit ein spezieller "Schutz". Dennoch drängten auch in diesem Fall die Verfolgungsbehörden die Ehefrau, sich scheiden zu lassen, was diese jedoch mit Nachdruck verweigerte. Walter Ostermann lebte mit seiner Familie in einem Wohnhaus von Moses Stern am Hüttweg 29 (früher: Sophienstraße). Er war in den Jahren 1937-1938 als Abteilungsleiter bei der Firma Moses Stern AG in Gelsenkirchen angestellt. Als die Moses Stern AG 1938 'arisiert' wurde, verlor auch Walter Ostermann seine Arbeitsstelle.

Gelsenkirchen, Hüttweg 29

Abb.3: Das Haus Hüttweg 29, in der zweiten Etage lebte Familie Ostermann. Foto: Dr. W. Strickling, Abbildung unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Walter Ostermann wurde in der Pogromwoche im November 1938 von Nazi-Schergen schwerst misshandelt. Durch einen Fußtritt - es ist davon auszugehen, dass der oder die Täter so genannte Schaftstiefel, klassische Marschstiefel getragen hat wie sie bspw. bei SA und SS getragen wurden. Deren Standardfußbekleidung waren knie- bzw. wadenhohe Schlupfstiefel aus Leder, ähnlich den späteren "Knobelbechern" der Wehrmacht. Die Sohlen und Absätze waren typischerweise mit Metallnägeln ("genagelt") sowie Hufeisen- und Zehenplatten aus Stahl verstärkt, um das Schuhwerk haltbarer zu machen - nur so lässt sich die schwere Verletzung von Walter Ostermann, ein Unterschenkelsplitterbruch, letztlich erklären. Walter Ostermann wurde sicherlich nicht adäquat medizinisch behandelt, war dadurch anhaltend körperbehindert und seine Erwerbsfähigkeit massiv eingeschränkt.

Stolpersteine Gelsenkirchen - Lieselotte Ostermann

Abb.4: Der Kreissonderhilfsausschuss erkennt Walter Ostermann 1948 als 'rassisch' verfolgt an.

Exkurs: Merdizinische Versorgung der Pogromopfer im November 1938

Die medizinische Behandlung von Jüdinnen und Juden nach der Pogromwoche im November 1938 war durch eine systematische, staatlich verordnete Verweigerung von Hilfeleistung und eine nahezu vollständige Zerstörung des jüdischen Gesundheitswesens geprägt. Nach den schweren Misshandlungen während der Pogromwoche durften verletzte Juden deshalb im Regelfall nicht in allgemeinen Krankenhäusern oder Arztpraxen versorgt werden. Viele jüdische Krankenhäuser, Sanatorien und Pflegeheime wurden während der Pogromwochegezielt demoliert, geplündert oder unmittelbar danach geschlossen. Die verbliebenen jüdischen Einrichtungen waren durch den massiven Zustrom an Schwerverletzten und traumatisierten Menschen hoffnungslos überlastet. Zudem fehlte es durch die Boykottmaßnahmen und Zerstörungen an Verbandsstoffen, Medikamenten und medizinischen Geräten. Zusammenfassend führte die Pogromwoche zu einer akuten medizinischen Notlage unter den deutschen Juden, da die NS-Rassenideologie eine professionelle und menschliche Versorgung der Opfer bewusst blockierte.


So wurde auch Walter Ostermann im September 1944 von der Gestapo im Zuge der von Himmler angeordnetem "Sonderaktion J" verhaftet, weil er Jude war und in "Mischehe" lebte. Weil die meisten betroffenen Menschen dem Holocaust entkamen, wurden sie lange nicht als verfolgte Gruppe wahrgenommen. Die betroffenen Männer wurden nach ihrer Festnahme durch die Gestapo zunächst in ein zentrales Sammellager nach Zeitz (bzw. Tröglitz bei Zeitz) deportiert. Dort wurden sie erfasst und für den geschlossenen Arbeitseinsatz aufgeteilt. Von Zeitz aus wurden viele dieser Häftlinge in Zwangsarbeitslager der 'Organisation Todt' (OT) in Thüringen weiterverschleppt – darunter nach Oberloquitz und gezielt in das Arbeitslager Sitzendorf. Die Betroffenen mussten dort unter extrem harten Bedingungen Zwangsarbeit für die Infrastruktur- und Rüstungsprojekte der 'Organisation Todt' leisten. Ein Teil der Häftlinge wurde Anfang Februar 1945 von Thüringen aus (über Leipzig) in das KZ Theresienstadt deportiert. Andere wie Walter Ostermann erlebten im April 1945 direkt vor Ort ihre Befreiung durch die alliierten Truppen. Walter erkrankte an Typhus und blieb bis zur Gesundung im Juni 1945 in Theresienstadt.

Nach der Rückkehr nach Gelsenkirchen gehörte Walter Ostermann zu den wenigen Überlebenden, die zunächst im Ruhrgebiet blieben. Er fand im Dezember 1945 eine Anstellung als Abteilungsleiter bei der Eisen & Metall AG (vormals Moses Stern AG, 'arisiert' durch Hoesch AG, Mannesmannröhren-Werke und die Rheinmetall AG). Im Februar 1949 wurde er in den vierköpfigen Vorstand des neu gegründeten Jüdischen Hilfskomitee Gelsenkirchen gewählt (zusammen mit Robert Jessel, H. Schlossberg und Ernst Neuwald), dass sich um jüdische Rückkehrer kümmerte.

Im Jahr 1948 erhielt Walter Ostermann als Kaufmann in Gelsenkirchen im Rahmen eines Restitutionsverfahren (Wiedergutmachung) eine Generalvollmacht von der Holocaustüberlebenden Hannelore Grüneberg (später verheiratete Buchheim). Ihre jüdische Familie besaß die bekannte Fleischerei Paul Grüneberg in Gelsenkirchen, die von den Nationalsozialisten 'arisiert' (enteignet) worden war - ebenso wie Haus- und Grundbesitz an der Rotthauser Straße 78-80. Ostermann vertrat ihre Interessen vor Ort und erteilte einem Anwalt Untervollmacht, um das geraubte Haus- und Geschäftseigentum gerichtlich zurückzufordern. Da er Deutschland endgültig verlassen wollte, übergab er zuvor die von ihm betreuten Gelsenkirchener Wiedergutmachungsfälle im März 1952 an einen neuen Bevollmächtigten vor Ort (Hans Orzelski). Nur wenig später entschloss sich Walter Ostermann selbst zur Emigration und wanderte ab Bremen-Grohn mit dem Schiff USS General Muir in die USA (nach New York) aus.

Stolpersteine Gelsenkirchen - Walter und Dorothea Ostermann

Abb.: Namensliste, aus gestellt in Bremen-Grohn, auch das Ehepaar Ostermann ist verzeichnet.

Dorothea Ostermann war verfolgungsbedingt von 1937 bis Februar 1944 arbeitslos, ab Februar 1944 bis Januar 1945 war sie Sachbearbeiterin bei Firma Krümpelmann in Gelsenkirchen, von Januar 1945 bis Juli 1945 war sie Haushaltshilfe bei Familie Bartels in Wittenförden (Mecklenburg-Vorpommern). Sie kehrte dann nach Gelsenkirchen zurück. Sie wanderte gemeinsam mit ihrem Ehemann Walter Ostermann Anfang der 1950er Jahre in die USA (New York) aus. Tochter Lieselotte, genannt Lea, war bereits mit dem Schiff "SS Ernie Pyle" von Bremen am 11. August 1947 nach New York ausgewandert.

Stolpersteine Gelsenkirchen - Lieselotte Ostermann

Abb.5: Regiestrierungskarte des jüdischen DP-Camp Belsen, Lieselotte Ostermann. Die Mitarbeiter*innen des Location Service des American Joint Distribution Committee (AJDC) im DP-Camp Bergen-Belsen legten für ihre Suche nach Vermissten eine spezielle Kartei an. Darin vermerkten sie Informationen, die sie zu Holocaustüberlebenden zusammengetragen hatten.

Quellen:
Arolsen Archives, Unterlagen von OSTERMANN, WALTHER, geboren am 08.12.1890, geboren in Bochum, DocID: 79553383-79553390 (8 Dokumente)
Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Ger Rep 0324, Landgericht Essen, Nr. 2822, Walter Ostermann; (Abruf 10/2026)
Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Ger Rep 0324, Landgericht Essen, Nr. 1624, Paul Grüneberg (Alleinerbin Lore Grüneberg, verh. Buchheim); (Abruf 10/2026)
Gedenkbuch Bundesarchiv, Abruf 10/2026
Datenbank der in den Jahren 1933 bis 1945 in Gelsenkirchen verfolgten Jüdinnen und Juden (Institut für Stadtgeschichte, ISG), Abruf 10/2026
Mapping the Lifes, Abruf 10/2026
talmud.de (Abruf 10/2026)

Abbildungen:
1: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939
2: Ehepaar Walter u. Dorothea Ostermann, Arolsen Archives, DocID: 79553385
3: Haus Hüttweg 29 in Gelsenkirchen, Foto Dr. W. Strickling, CC BY-SA 4.0
4: Regiestrierungskarte des jüdischen DP-Camp Belsen, Arolsen Archives, DocID: 68489821 (Lieselotte OSTERMANN)
5: Namensliste für die Überfahrt nach den USA, USS General Muir, Arolsen Archives, DocID: 81684189


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Oktober 2026.

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