STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort MARTHA LILIENTHAL

JG. 1883
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET

HIER WOHNTE

Verlegeort SARAH LILIENTHAL

GEB. DANIEL
JG. 1846
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
TOT 22. Mai 1939

Verlegung 6. März 2023 geplant, Verlegeort: Auf dem Graskamp 49

Karteikarte Grete Hain, 1947

Abb.: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939. Witwe Sarah Lilienthal lebte im Haus Auf dem Graskamp 49. Zeitweilig lebte ihre ledigen Tochter Martha bei ihr.

Die Witwe Sarah Lilienthal wurde am 24. April 1846 in Oberhausen-Sterkrade geboren. Über ihren Lebensweg konnten wir bisher kaum etwas in Erfahrung bringen, entsprechende Dokumente sind im hiesigen Stadtarchiv bis auf die Sterbeurkunde nicht erhalten. Sarah Lilienthal starb ausweislich der Sterbeurkunde am 22. Mai 1939 in ihrer Wohnung an Altersschwäche.

Nach dem Tod ihrer Mutter Sarah wurde die Martha Lilienthal zum Umzug in eines der so genannten "Judenhäuser" (Ghettohäuser) Gelsenkirchens an der Augustastr. 7 gezwungen. Von dort wurde sie am 27. Januar 1942 mit hunderten weiteren jüdischen Deutschen vom temporären so genannten "Judensammellager" in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz nach Riga deportiert. Martha wurde im Ghetto Riga ermordet.

Markus Schröter, der die Patenschaft für die beiden Stolpersteine übernommen hat, die an Sarah und Martha Lilienthal erinnern sollen, schrieb uns im letzten Jahr: "Mein Interesse an einem oder wahrscheinlich zwei Stolpersteinen hat einen bestimmten Hintergrund. Vor zwei Wochen nahm ich an einer Veranstaltung in Recklinghausen zur Deportation der Recklinghäuser Juden teil. Da kamen mir die Aufzeichnungen meiner Großmutter wieder in den Sinn, die ich Ihnen gerne zitieren möchte:

„Geboren wurde ich [1927] in Gelsenkirchen im Haus meiner Großeltern am Heinrichplatz. Dieses Haus war für mich als Kind ein wichtiger Ort. Es war ein großes Eckhaus mit fünf Etagen und auf jeder Etage drei große Wohnungen. Ich war als Kind immer gern in diesem Haus. Alle Leute kannten das „Elschen von Schwesigs“ und waren nett zu mir. Sie schenkten mir Bonbons oder fünf Pfennig zum Bonbonkaufen und unterhielten sich mit mir. Nur vor Frl. Lilienthal hatte ich ein wenig Angst, d.h. mehr vor ihrer mir unheimlich vorkommenden Wohnung.

„Rebecca“, wie mein Großvater sie respektlos nannte, war ein ältliches Fräulein, das mit ihrer alten Mutter zusammen im Parterre wohnte. Die Wohnung war dunkel, lila Tapeten, dunkle Eichenmöbel, dunkelrote Sessel. Außer von ihrer Katze erfuhr sie wahrscheinlich nicht viel Liebe und Aufmerksamkeit, und so stand sie regelrecht auf der Lauer, um mich kleines Mädchen zu sich einzuladen und zu verwöhnen. Besonders schlimm war es für mich an den jüdischen Feiertagen. Dann gab es „Matzen“, dünnes Gebäck aus ungesäuertem Teig, das für mich schrecklich schmeckte, das ich aber als höfliches Kind tapfer aß. Wie ich später von Onkel Willi hörte, sind die beiden alten Damen während des Krieges auch irgendwann „abgeholt“ worden.“

Vor dem Hintergrund dieser Erinnerungen würde ich gerne an die beiden Damen erinnern und für jede der beiden einen Stolperstein übernehmen.

Quellen:
Sterbeurkunde Sarah Lilienthal, ISG - Institut für Stadtgeschichte / Stadtarchiv Gelsenkirchen4

Abbildungen:
Abb.: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2023

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