STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN
Ausgrenzung erinnern

← STOLPERSTEINE Gelsenkirchen
|
HIER WOHNTE UND ARBEITETE
MORITZ MEYER
JG. 1883
BEKLEIDUNGSHAUS MEYER
'ARISIERT' 1938
FLUCHT 1938
PALÄSTINA
|
HIER WOHNTE UND ARBEITETE
BERTA MEYER
GEB. JAKOB
JG. 1884
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT 1938
PALÄSTINA
|
Verlegeort: Essener Straße 38, 45899 Gelsenkirchen
 Abb.1: Die jüngst von uns aufgefundene Akte Wiedergutmachungssache Moritz Meyer ./. Gertrud Oberreuter befindet sich im Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland
Forschungsergebnisse des ISG (Dr. Priamus) aus dem Jahr 1996 gingen bisher davon aus, dass der am 16. Oktober 1873 in Vörden geborene jüdische Kaufmann Moritz Meyer auch Eigentümer des Hauses Essener Straße 38 in Gelsenkirchen-Horst war. Neue Recherchen zeichnen jetzt jedoch ein anderes Bild: Moritz Meyer (Geb. 1873) lebte mit seiner Ehefrau Toni zuletzt an der Bismarckstraße 158. Familie Meyer floh am 20. März 1939 in die Niederlande. Dort lebten Moritz und Toni in Amsterdam. Im Sommer 1942 begann auch in den Niederlanden die Deportation der Juden. Moritz und Toni Meyer werden am 20. Januar 1943 in das Durchgangs- und Sammellager Kamp Westerbork/Holland eingeliefert, am 2. Februar 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und dort am 5. Februar 1943 in der Gaskammer ermordet. An diese Familie Meyer erinnern bereits Stolpersteine in Gelsenkirchen und in Saarlouis.
Da das Projekt der Stolpersteine der namentlichen und individuellen Würdigung dient, ist eine präzise Recherche unerlässlich. Bei Nachrecherchen zur Wohnanschrift Essener Straße 38 stießen wir jüngst auf eine "Wiedergutmachungsakte" im Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland: Moritz Meyer ./. Gertrud Oberreuter. In der Akte fand sich auch das Geburtsdatum dieses Moritz Meyer - er war ebenfalls ein jüdischer Kaufmann.
Die Witwe Oberreuter "übernahm" im Zuge der sogenannten 'Arisierung' 1937/38 sowohl das Haus Essener Straße 38 wie auch das im gleichen Haus befindliche Geschäft mit Warenbestand von Moritz Meyer. Der Kaufmann konnte am 24. März 1938 gemeinsam mit Ehefrau Berta nach Palästina fliehen. Dieser Moritz Meyer betrieb Ende der 1940er Jahre ein Rückerstattungsverfahren und lebte zu dieser Zeit in Raanana/Israel. Ein Widerspruch - Ermordete können bekanntlich keine Anträge stellen - somit war klar, dass - auch unter Hinblick auf die verschiedenen Geburtsdaten - eine Namensgleichheit vorliegen muss.
Eine Anfrage beim Institut für Stadtgeschichte (ISG) förderte die zugehörige Geburtsurkunde zu Tage, dieser Moritz Meyer ist am 15. Juli 1883 in Gelsenkirchen, Braubauerschaft (Heute Stadtteil Bismarck) geboren. Er war der Eigentümer des Hauses Essener Straße 38, darin befand sich auch das von ihm bereits 1908 gegründete "Manufaktur- und Modewaren, Spezialhaus für Herren- und Knabenkleidung mit eigener Maßschneiderei im Hause". Eine Anfrage beim Stadtarchiv Essen ergab, dass Moritz Meyer lt. Meldekarte verheiratet war, Kinder sind aus der Ehe sind derzeit nicht nachzuweisen.
|
|

Abb.2: Nachtrag zur Anmeldung des Rückerstattungsverfahrens Moritz Meyer ./. Gertrud Oberreuter
Laut dem Gelsenkirchener Adressbuch von 1934 war Moritz Meyer (Geb. 1883 in Gelsenkirchen) auch Eigentümer des Hauses und wohnte auch dort. Moritz Meyer war mit Berta, geborene Jakob, geb. am 9. Februar 1884 in Gelsenkirchen verheiratet.
Im Zuge der sogenannten 'Arisierung' musste Moritz Meyer sein Haus und den Warenbestand weit unter Wert "verkaufen". Neue Eigentümerin wurde lt. "Kaufvertrag" am 18. März 1938 die 'Arierin' Getrud Oberreuter. Moritz Meyer konnte gemeinsam mit seiner Ehefrau am 24. März 1938 nach Palästina fliehen. 1949 betrieb Moritz Meyer ein Rückerstattungsverfahren vor dem Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Essen. Das Verfahren endete mit einem Vergleich. Nach dem Krieg verpachtete Getrud Oberreuter das Haus Nr. 38 (Mit Vorkaufsrecht) zunächst an die Firma Gebrüder Pröse, im Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1955 ist dann als Eigentümer des Hauses Essener Straße Nr. 38 die Firma Gebr. Pröse, Essener Straße 14 eingetragen.

Abb.3: Zitat aus dem Schriftverkehr im Rückerstattungsverfahrens Moritz Meyer ./. Gertrud Oberreuter, hier United Restitution Office, Düsseldorf an das Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Essen: "Das Auswanderungsinteresse des Antragstellers ist übrigens nicht gleichbedeutend mit den "Vermögensinteressen" des Antragstellers. Die Auswanderung erfolgte, um das Leben zu retten, "Lebensinteressen" sind nicht "Vermögensinteressen".
|
 Abb.4: In diesem Haus an der Essener Strasse 38 im Gelsenkirchener Ortsteil Horst befand sich das Geschäft von Moritz Meyer. "Meyer" war über die Grenzen von Horst ein Begriff.
Seine Existenzgrundlage musste Moritz Meyer auf Druck der Nazis aufgeben und "verkaufen" - nicht zuletzt um die fällige "Reichsfluchtsteuer" zu entrichten. (Anm. d. Verf.: Eine politische Raubsteuer, die vor allem jüdische Bürgerinnen und Bürger vor oder während ihrer Flucht vor Verfolgung wirtschaftlich ruinierte).
Der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft war ein in der NS-Zeit häufig angewandtes Mittel, sich des Eigentums der Geflüchteten zu bemächtigen. Davon war auch das Eheepaar Meyer betroffen, mit dem Erlass der „11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz" vom 25. November 1941 verloren die Jüdinnen und Juden "mit der Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts ins Ausland" automatisch ihre deutsche Staatsangehörigkeit. Die Meldekarte aus Essen weist handschriftliche Nachträge auf, demnach wurden die Eheleute Moritz und Berta Meyer 1961 wieder eingebürgert: "Staatsangehörigkeit ab 5.12.1961 "Deutsche".
|

Abb.6: Anfrage von Gertrud Oberreuter an das Stadtbauamt vom 26. Februar 1938. In dem Schreiben gibt sie an, dass Haus Essener Strasse 38 in Gelsenkirchen-Horst mit Geschäft von Moritz Meyer am 15. Oktober 1937 "übernommen, bzw. gepachtet" zu haben

Abb.5: Die Essener Strasse in Gelsenkirchen-Horst Anfang der 50er Jahre. Etwa in der Bildmitte, Häusezeile rechte Seite, ist das Haus Nr. 38 zu sehen, in dem Moritz Meyer sein Geschäft hatte.
Quellen:
Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland: Moritz Meyer ./. Gertrud Oberreuter, Ger. Rep. 0324 (Landgericht Essen), Nr. 1500 (Abruf 9/2026)
"Kaufvertrag" Meyer./.Oberreuter v. 18.3.1938, ebda.
Abschrift Pachtvertrag Gertrud Oberreuter/Firma Gebrüder Pröse, 1.10.1949, ebda.
Geburtsurkunde Moritz Meyer, ISG
Meldekarte Ehepaar Meyer, Stadtarchiv Essen
Mapping the lives, Moritz Meyer (Abruf 9/2026)
Abbildungen:
1.: In Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Ger. Rep. 0324 (Alle Abbildungen des LAV NRW unter Lizenz CC BY-SA 4.0)
2.: Ebda.
3.: Ebda.
4.: Gelsenzentrum e.V.
5.: Institut für Stadtgeschichte (ISG)
6.: Sammlung Volker Bruckmann
Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. September 2026
|
↑ Seitenanfang
|
|