STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen 1933–1945


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Von NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Schweigenden und Zuschauer/innen

Gefängnis Gelsenkirchen

Das Gelsenkirchener (Gerichts)Gefängnis an der Gerichtsstrasse (von 1937-1946 Dietrich-Eckart-Straße 30, heutige Munckelstraße) war 1933-1945 einer von vielen Unrechtsorten in Gelsenkirchen, ein Ort brutalster Verhöre, Folterungen und Tötungen. Exemplarisch sei hier die Inhaftierung von Simon Reifeisen genannt.

In einer reichsweit koordinierten Aktion werden alle Juden polnischer Herkunft und ihre Familien verhaftet und nach Polen abgeschoben. Dazu gehörte - neben vielen weiteren Gelsenkirchener Juden - auch die Familie Reifeisen. Im März 1939 konnten Reifeisens befristet wieder nach Deutschland einreisen. Das Geschäft in Dorsten ist aber schon "verkauft", die Wohnung aufgelöst. Sie finden Unterkunft bei der Großmutter Regina Spanier in Gelsenkirchen. Simon Reifeisen wird zur Ableistung von Zwangsarbeit ver- pflichtet, u.a. als Übersetzer; dann wird er in das Gefängnis Gelsenkirchen eingesperrt. Im Dezember 1939 kurz vor Tochter Ilses Flucht nach Schweden sieht sie dort ihren Vater zum letzten Mal.

Brief von Simon Reifeisen aus dem Gefängnis Gelsenkirchen

Abb.: Erste Seite eines Briefes von Simon Reifeisen aus dem Gefängnis Gelsenkirchen an Tochter Ilse in Schweden

Abschrift des Briefes:

Simon Reifeisen                                                                                     Gelsenkirchen, den 7.1.1940

Meine liebe Tochter!

Deine Karte und Brief habe ich durch Mutti hier erhalten, was mich sehr gefreut hat. Hoffentlich ist Mutti im Besitze weiterer Post von Dir, welche mir dann nach hier geschickt wird. Schreib deutlich und mache es Dir nicht zur Gewohnheit: undeutlich zu schreiben. Soviel Zeit musst Du Dir schon gönnen! Hoffentlich fühlst Du Dich dort wohl u. gesund. Hast Du nach Pol. u. Schöndorf sowie an Isidor geschrieben? Du kannst an Isidors alte Adresse schreiben; übrigens kannst Du sie durch Oma erfahren. Ich nahm auch zur Kenntnis, daß Du dort beim Comité warst. Mutti wird Dir alles, was Du brauchst schicken. Sei vorsichtig und vor allen Dingen: fleissig lernen. Das Englisch nicht vernach- lässigen! Schreib oft u. vor allen Dingen an Oma Pol., die wird sich sehr freuen. Auf Deiner Stelle, denn ich nehme an, Du bist schon am Ziel, sei gehorsam u. dankbar! Bestelle unbekannter Weise herzliche Grüsse von deinem Vati.

Sei allerherzlichst gegrüsst von Deinem

Vati

Gertrud Reifeisen setzt alles daran, ihren Mann aus dem Gelsenkirchener Gefängnis zu befreien, was ihr nach rund einem Jahr auch gelingt. Dann versucht das Ehepaar verzweifelt, aus Nazi-Deutschland zu fliehen. Reifeisens hatten keine konkrete Pläne für ihre Niederlassung im Ausland, ihnen ging es vielmehr darum, den nationalsozialistischen Repressionen zu entkommen. So versuchten sie zunächst nach Russ- land, Ukraine und China, dann später nach Bolivien, Chile, USA, Israel, Schweden zu entkommen. Alle diese Bemühungen sind jedoch vergebens, am 27. Januar 1942 werden Gertrud und Simon Reifeisen sowie Großmutter Regina Spanier von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Regina Spanier wurde bei Auf- lösung des Ghetto Riga ermordet. Simon Reifeisen wird 1942 bei der "Tötungsaktion Krebsbach" im KZ Kaiserwald/Riga ermordet. Gertrud Reifeisen wird ebenfalls vom Ghetto Riga in das KZ Kaiserwald überstellt und von dort in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt und dort ermordet.


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. November 2018.

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