STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort GÜNTER SCHÖNENBERG

JG. 1920
FLUCHT 1938
HOLLAND
1943 FRANKREICH
MIT HILFE ÜBERLEBT

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Verlegeort HERMANN COHN

JG. 1921
FLUCHT 1938
HOLLAND
1939 USA

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Verlegeort ALBERT GOMPERTZ

JG. 1921
FLUCHT 1939
HOLLAND
1939 USA


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Verlegeort ERNST BACK

JG. 1923
KINDERTRANSPORT 1939
SCHWEDEN


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Verlegeort HORST KARL ELIAS

JG. 1920
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 27.2.1944


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Verlegeort ERICH LILIENTHAL

JG. 1921
"SCHUTZHAFT" 1938
DEPORTIERT 1942
RIGA
ARBEITSLAGER PRECU
ERMORDET

Verlegeort: Grillo-Gymnasium, Hauptstraße 60 (Verlegt am 6. Oktober 2016)

Verlegung geplant in der zweiten Jahreshälfte 2017:

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Verlegeort FRITZ GOMPERTZ

JG. 1924
FLUCHT 1939
HOLLAND
1939 USA


Paten gesucht

Weitere Stolpersteine für von dieser Schule zwischen 1933-1938 vertriebene Schüler sollen in nächster Zeit folgen, jüdische Schüler in anderen Klassen waren: Walter Josef Hes, Fred, Leo, Saul und Diament, Max Rosenbaum, Herbert Werner Wolff, Leo Weißmann, Leo Flescher, Helmut Lieber, Jakob Winter, Josef und Manfred Kamiel, David Blitz, Peter Jakobsohn, Benno Sass, Willy Landsmann, Otto Plaat, Heinz van Ments, Viktor Cohen, Erich Silberberg, Heinz Löwenthal, Hans Schul, Kurt und Werner Alexander, Hans Alexander, Hermann und Salo Jampel. Für diese Menschen können ab sofort Stolperstein-Patenschaften übernommen werden.


Jüdische Schüler am Städt. Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Straße in Gelsenkirchen

Realgymnasium Gelsenkirchen um 1915Abb.1: Städtisches Realgymnasium für Jungen in Gelsenkirchen an der damaligen Hochstraße, um 1915. Der Neubau des noch heute bestehenden Gebäudes an der Hauptstraße erfolgte zwi- schen 1908-1910. Von 1933-1946 hieß die Hochstraße dann Adolf-Hitler-Straße. Die Umbennung der Schule in Grillo-Oberschule erfolgte 1937

Mit der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933 begannen auch die Veränderungen im Schulalltag. So mussten die Schüler jeden Montagmorgen mit ausgestrecktem Arm strammstehen, während die Hakenkreuzfahne gehisst wurde. Danach mussten die beiden "National- hymnen", das "Deutschlandlied" und das "Horst Wessel-Lied", von den Versammelten intoniert werden. "Heil Hitler" wurde zum offiziellen Gruß - auch in den Schulen. Nach Hindburgs Tod 1934 wurden dessen Porträts in den Schulen durch solche von Adolf Hitler ersetzt. Zu dessen Reden an "das deutsche Volk" wurde der Unterricht unterbrochen. In der Aula versammelten sich Schüler und Lehrer, um der Rundfunk- übertragung zuzuhören. Die Nazi-Ideologie fand zunehmend Eingang in den Schulunterricht. Lehrer drängten Schüler zum Eintritt in NS-Jugendorganisationen.[1]

Jüdische Schülerinnen und Schüler erlebten täglich den nun staatlich geschürten Antisemitismus in den Schulen und von Seiten vieler nicht-jüdischer Lehrer. Die Diskriminierungen, Kränkungen und Benach- teiligungen der jüdischen Jugendlichen sind ein Erfahrungshintergrund, den viele der Uberlebenden schildern.[2] Viele von ihnen mussten in der folgenden Zeit die schmerzliche Erfahrung machen, dass ihre "arischen" Schulfreunde sich von einem Tag auf den anderen von ihnen abwandten und plötzlich feindselig oder gar aggressiv reagierten.[3]

Hakenkreuze in den SchulenAbb.2: Hakenkreuze [4] waren auch in den Schulen allgegenwärtig

Die antisemitischen Maßnahmen gegen jüdische Gymnasiasten und Studenten begann mit der "1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" vom 25. April 1933. Sie beschränkte die Zahl der Neu- aufnahmen jüdischer Schüler an höheren Schulen und Hochschulen auf 1,5 %. Ausge- nommen von dieser Regelung waren die Kinder von so genannten "Frontkämpfern" und auslän- dischen Staatsbürgern.

Die Behörden bzw. einzelne Schulleiter halfen der Verdrängung jüdischer Schüler aus den öffentlichen Schulen nach, um ihre Schulen "judenfrei" zu bekommen. Besuchten 1933 noch 75 Prozent der jüdischen Kinder öffentliche Schulen, so waren es Ende 1937 nur noch knapp 40 Prozent. Von den Verdrängungsmaßnahmen des Gewaltregimes betroffen waren auch jüdische Lehrkräfte. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 markierte den ersten großen Einschnitt im Leben jüdischer Beamter und somit auch Lehrer. Diese und andere politisch missliebige Beamte schieden so in der Folge aus dem Schuldienst aus.

Für jüdische Kinder und Jugendliche war der Schulweg ab 1933 oftmals auch ein Angstweg

Gesetze, Verordnungen und Statistiken lassen nicht erahnen, welche Drangsalierungen jüdische Schüler in den Jahren nach 1933 ertragen mussten. Sie wurden nicht nur von vielen Schulveranstaltungen und Vergünstigungen ausgeschlossen, sondern sahen sich vielfältigen Diskriminierungen durch nicht-jüdiche Lehrer und Mitschüler ausgesetzt. Verleumdung, Hasspropaganda und schrittweise Entrechtung bestimmten zunehmend ihren Schulalltag. Immer mehr Eltern jüdische Schülerinnen und Schüler sahen sich gezwungen, ihre Kinder von öffentlichen Schulen zu nehmen und sie in rein jüdische Einrichtungen zu schicken.

Am 7. Juni 1934 wurde der Samstag durch eine Verfügung des Reichsjugendführers Baldur von Schirach zum "Staatsjugendtag" erklärt. Schüler, die in der Hitlerjugend (HJ) waren, mussten am Samstag nicht zur Schule gehen und konnten so an Veranstaltungen der HJ teilnehmen. Jüdische Schüler hingegen waren verpflichtet, am Samstag, dem jüdischen Ruhetag, zum Unterricht zu kommen. Dieser Unterricht beschränkte sich auf Turnen und Werken, da sie sich keinen Wissensvorsprung vor den "arischen" Schülern erarbeiten durften. Mit der Verpflichtung der gesamten "arischen" Jugend zur Mitgliedschaft in der HJ zum 1. Dezember 1936 wurde der "Staatsjugendtag" jedoch wieder abgeschafft.

Erlass des Reichskultusministers (1935):

"Eine Hauptvoraussetzung für jede gedeihliche Erziehungsarbeit ist die rassische Übereinstimmung von Lehrer und Schüler. Kinder jüdischer Abstammung bilden für (...) die ungestörte Durchführung der national- sozialistischen Jugenderziehung auf den allgemeinen öffentlichen Schulen ein starkes Hindernis. (...) Ich beabsichtige daher, vom Schuljahr 1936 ab (...) eine möglichst vollständige Rassentrennung durchzuführen." Wenige Tage nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde am 15. November 1938 Juden der Besuch deutscher Schulen verboten, da es "keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, dass es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen. (...) Soweit es noch nicht geschehen sein sollte, sind alle zur Zeit eine deutsche Schule besuchenden (jüdischen) Schüler und Schülerinnen sofort zu entlassen.“

Der Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen kam so in den jüdischen Gemeinden eine große Bedeutung zu, weil die Ausbildung und Bildung jüdischer Jugendlicher vom NS-Staat schon bald weiter eingeengt und reglementiert wurde. Viele Familien versuchten ins Ausland zu fliehen bzw. ihre Kinder zu retten, indem sie diese ins Ausland schickten. Der Verdrängungsprozess erfuhr nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze" Ende 1935 eine erhebliche Verschärfung, bis jüdische Schüler unmittelbar nach den Novemberpogromen zwischen dem 7.-10. November 1938 endgültig aus dem öffentlichen Schulsystem aus- geschlossen wurden.[5]

Stolpersteine Gelsenkirchen - Jüdische Schülerinnen und Schüler mit Rabbiner Dr. Galliner um 1935

Abb. 3: Jüdischen Schülergruppe um 1935 mit Rabbiner Dr. Siegfried Galliner (unten v.l.n.r. Erich Silberberg, Kurt Alexander, Ernst Back, Heinz Löwenthal, Sami Diament, Hermann Cohen; oben: Werner Alexander, Meyer, Rose Galliner, Uta Meyer, Dr. Siegfried Galliner, Fred Gompertz, Bernd Haase, Hans Alexander, Hans Schul)[6] Deborah Alexander, eine Enkelin von Jakob Alexander, schrieb uns zu diesem Foto: "Werner ist der Zwilling, der links steht, Kurt sitzt, er ist der zweite Schüler von links nach rechts. Hans Alexander ist der zweite, der von rechts nach links steht."

Stolpersteine Gelsenkirchen - Jüdische Jugendliche in Gelsenkirchen, um 1938

Abb.4: Jüdische Jugendliche 1938 in Gelsenkirchen (obere Reihe: 1, Berny Kaufmann, Heinz Löwenthal, 4,5, Marianne Rosenthal, Victor Cohen, Inge Heymann (Field), sitzend: Heinz Weinstock, Heinz Leo Cohen, Marianne Elsbach, Ulla Groß, Hilde Back, vorne: Lilo Groß)

Grillo-Gymnasium heute

Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen, 2016Abb.5: Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen, 2016

HIER LERNTE ...

Das Grillo-Gymnasium hat die Patenschaft für zu- nächst vier Stolpersteine übernommen, um an die Verfolgung, Entrechtung, Demütigung, Flucht und Emigration ehemaliger jüdischer Schüler an dieser Schule zu erinnern. Damit soll auch ein Stück Schul- geschichte aufgearbeitet werden. Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Albert Gompertz, Ernst Back, Horst Elias und Erich Lilienthal, deren Inschriften mit den Worten "HIER LERNTE" beginnen, Anfang Oktober 2016 vor dem Schulgebäude an der Hauptstraße 60.

Zwischen 1933-1938 wurden insgesamt 34 jüdische Schüler gezwungen, das Städt. Realgymnasium zu verlassen. Zur Erinnerung an sie werden in der Folgezeit weitere Stolpersteine vor dem heutigen Grillo-Gymnasium verlegt, es können Paten- schaften für diese Stolpersteine übernommen werden. Info: Tel.(0209) 9994676 oder per Email: Email an die Projektleitung senden Andreas Jordan, Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen


Ehemalige jüdische Schüler des Städt. Realgymnasiums berichten von ihrer Schulzeit

George Shelton (vormals Günter Schönenberg), Herman Cohn und Albert Gompertz besuchten Gelsen- kirchen 1998. Alle drei waren sie Schüler des Städt. Realgymnasiums, bis sie unter dem zunehmenden Rassismus in seiner antisemitischen Ausprägung und dem ständig zunehmenden Verfolgungsdruck gegen Angehörige der Jüdischen Religion in der NS-Zeit diese Schule verlassen mussten. Hermann Cohn sprach auf seinen ausdrücklichen Wunsch zu Schülerinnen und Schülern des Grillo-Gymnasiums, dem früheren Realgymnasium (Ab 1937 Grillo-Oberschule). Die Lokalpresse berichtete über den Besuch, Herman Cohn hat uns die Zeitungsartikel [7] und auch sein Redemanuskript [8] von 1998 zur Verfügung gestellt. Ernst Back besuchte anlässlich des 70. Jahrestages der "Reichspogromnacht" seine Geburtsstadt Gelsenkirchen. "Mit gemischten Gefühlen", wie er seinerzeit sagte.

Horst Elias und Erich Lilienthal, ebenfalls ehemalige jüdische Schüler des Real-Gymnasiums, gehörten hingegen nicht zu den Überlebenden. Sie wurden Opfer des NS-Rassenwahns und starben eines gewalt- samen Todes. Ihre Lebens- und Leidenswege, die sich im begrenzten Umfang anhand von wenigen erhaltenen Dokumenten der NS-Täter darstellen lassen, geben keine Auskunft über die Schulzeit. Von den Ängsten, Nöten und unerfüllt gebliebenen Lebensträumen der verfolgten, entrechteten und gedemü- tigten jungen Menschen berichten diese Dokumente nicht.

GÜNTER SCHÖNENBERG 

 Günter, Selma und Erna Schönenberg. Das Foto wurde am 17. August 1938 gemacht - einen Tag vor Günter Schönenbergs Flucht aus Nazi-Deutschland.Abb.6: Abb.: Günter Schönenberg (später George G. Shelton) mit Mutter Selma und Schwester Erna. Das Foto wurde am 17. August 1938 gemacht - einen Tag vor Günter Schönenbergs Flucht aus Nazi-Deutschland.

Seine Eltern nahmen Günter Schönenberg 1933 vom Realgymnasium (heute Grillo-Gymnasium), dass er seit 1931 besucht hatte, weil auch dort die antisemitischen Übergriffe durch Lehrer und Schüler ständig zunahmen.[9] Daran anschlie- ßend besuchte Günter für kurze Zeit die Jüdische Volksschule. Günter Schönenberg sollte dann auf seine Auswanderung vorbereitet werden und einen Beruf erlernen. Zunächst begann er eine kaufmännische Ausbildung, die er jedoch schon bald wieder abbrechen musste, nur weil er jüdisch war. Danach sollte er eine Ausbildung als Schweißer bei der Schrottgroßhandlung Moses Stern AG in Gelsenkirchen machen. Als auch diese Firma "arisiert" wurde, musste Günter im Juni 1938 den Betrieb verlassen. Am 18. August 1938 gelang ihm die Flucht in die Niederlande. Im Mai 1940 überfiel das faschistische Deutschland die Niederlande, antisemitsche Maß- nahmen des Besatzungsregimes waren schon bald an der Tagesordnung. Der Verfolgungsdruck wurde durch sich ständig steigernde antijüdische Maßnahmen kontinuierlich erhöht.

Günter Schönenberg gelang zusammen mit einer Gruppe junger Männer am 3. November 1943 die Flucht aus den Niederlanden nach Frankreich. In einem für das Institut für Stadtgeschichte Gelsenkir- chen verfassten Bericht schrieb Günter Schönenberg dazu, Zitat: "Für uns kam nun die Zeit "unterzu- tauchen". Falsche Papiere und Ausweise hatten die meisten von uns für viel Geld erkauft - was man noch hatte, wurde dafür verkauft. Um diese Zeit waren die holländischen "Untergrundbewegungen" noch nicht so gut organisiert und darum konnte man noch nicht viel Hilfe von ihnen erwarten. Nun kam der Tag im November 1943, als eine Gruppe von ca. zwölf jungen Männern mit falschen Wehrmachtspapieren, O.T.-Ausweisen und Reiseerlaubnissen einen Zug in Amsterdam bestieg, um via Den Haag und Brüssel nach Paris zu fahren. All das zum ersten Mal in den Jahren ohne den „gelben Stern", was uns sofort zu "S" (Straf)-Fällen gemacht hätte, wenn die SS uns geschnappt hätte. Natürlich war man ein wenig nervös, denn man konnte die Fahrt kaum als ein Abenteuer betrachten".

Nach der Befreiung, die er in Südfrankreich erlebte, ging Günter Schönenberg nach kurzem Zwischen- aufenthalt in Paris Anfang 1946 zunächst nach Amsterdam zurück, um von dort im Juni 1947 in die USA auszuwandern. George G. Shelton (Früher Günter Schönenberg) starb 2002 in den USA. Mehr erfahren: Lebens- und Leidenswege der Familie Schönenberg

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HERMANN COHN 

Hermann Cohn, früher GelsenkirchenAbb.7: Hermann Cohn, früher Gelsenkirchen, starb im Alter von 94 Jahren am 21. März 2016 in Hyde Park, Chicago, USA.

"Zwei Jahre bin ich in Katernberg zur Schule gegangen, mit unserem Umzug nach Gelsenkir- chen kam ich auf die jüdische Schule an der Ringstraße. Als ich alt genug für die weiterführende Schule war, schickten meine Eltern mich auf das Realgymnasium. Als ich in der Untertertia war, hielten es meine Eltern vor dem Hintergrund der geplanten Auswanderung für sinnvoller, dass ich die Schule verlasse und einen Beruf erlerne. Mit einer entsprechenden Ausbildung hätte ich in den USA sofort eine Arbeit." Anm.: Hermann Cohns Abgangszeugnis vom Realgymnasium ist auf den 28. Oktober 1935 datiert.

"Meine Eltern nahmen mich vom Realgymnasium und ich begann eine Ausbildung in einer Schnei- derei in Köln. [...] Wenn ich an meine frühe Schul- zeit denke, fallen mir Fräulein Goldblatt und Lehrer Katz ein, sicher da gab es auch andere, aber an diese beiden erinnere ich mich besonders gut. Es war ja damals üblich, wenn man in der Schule gegen bestehende Regeln verstieß, dass man auch körperlich gemaßregelt wurde. Da ich ja nicht der Klassenprimus war, hatte ich des öfteren dieses "Vergnügen".

Meine Bar Mizwa hatte ich in Gelsenkirchen. Dr. Galliner, ein wundervoller Rabbiner, und Kantor Schul bereiteten mich vor und unterrichteten mich. Das war noch eine richtige Bar Mizwa, nicht so wie heute. Ich konnte auch nur einige wenige Freund einladen, es gab nur eine kleine Familienfeier. Damals stand der religiöse Aspekt mehr im Vordergrund.

Schon bevor Hitler an die Macht kam, gab es Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und den Nazis in Gelsen- kirchen. Ich habe die vielen Aufmärsche der SA und der Kommunisten in Gelsenkirchen gesehen, mit ihren Fahnen und Plakaten. Wir waren ja davon noch nicht betroffen, meine Eltern waren Sozialdemo- kraten. Vater sagte immer, diese Bewegungen kommen und gehen... wir dachten zu der Zeit noch, es wäre wie in der Weimarer Republik, eine Regierung kommt und stürzt wieder. Aber es sollte ganz anders kommen... 1933, ich war bereits auf dem Realgymnasium, begannen die nicht-jüdischen Mitschüler und Kinder sich als "Arier" zu sehen, direkt von Anfang an, der Antisemitismus war plötzlich überall. Alle Deutschen folgten wie die Schafe, die Kinder haben es ihren Eltern nachgemacht. Wir jüdischen Kinder wurden auf der Straße beschimpft und auch geschlagen. Auch meine engeren, nicht-jüdischen Freunde wollten mit mir nichts mehr zu tun haben. Die Hetze gegen uns Juden war allgegen- wärtig. Wir lasen es in den Zeitungen, hörten es im Radio, in den Reden von Hitler - dann wurde es auch in der Schule schlimmer.

Um 1935: Zwei jüdische Schüler werden vor ihren Klassenkameraden gedemütigt. An der Tafel antisemitische Hetze: 'Der Jude ist unser größter Feind! Schützt Euch vor den Juden!' Abb.8: Um 1935: Zwei jüdische Schüler werden vor ihren Klassenkameraden gedemütigt. An der Tafel antisemitische Hetze: "Der Jude ist unser größter Feind! Schützt Euch vor den Juden!" Die Nazis nannten dieses Schüren von Vorurteilen "Rassenlehre".

Die Lehrer, die ich mochte, wurden entlassen. Sie waren meist Angehörige der katholischen Zentrumspartei oder Sozialdemokraten. Die anderen Lehrer wurden plötzlich Nazis. Ich erinnere mich an unseren Musiklehrer, ein wirklich ein guter Musiklehrer, auch der wurde weggejagt.

Der neue Musiklehrer war der Anführer der SA-Kapelle, ein fürchterlicher Antisemit. Wir waren elf jüdische Schüler, wir mussten in seiner Klasse jetzt hinten sitzen. Er redete grundsätzlich nicht mit uns, einer meiner Freunde war ein sehr guter Klavierspieler, bei diesem Lehrer scheiterte er. So etwas geschah in allen Klassen. Von Monat zu Monat wurde es für uns jüdischen Schüler schwieriger, viele verließen die Schule. Ich gehörte zu den letzten drei oder vier, die am Ende noch in der Schule waren. Auf dem Realgymnasium waren nur Jungen, die Mädchen gingen auf das Lyzeum. Keiner meiner nicht-jüdischen Freunde hielt mehr zu mir. Auch die nicht-jüdischen Kinder aus der Nachbarschaft spielten nicht mehr mit mir, so wie sie es früher getan haben.

[...] Am Nachmittag des 10. November 1938 war ich wieder in Gelsenkirchen, von Vater kein Lebenszeichen. Doch dann bekamen wir einen Anruf, er befand sich in einem Krankenhaus in Essen. In Gelsenkirchen wollte keiner helfen, weil er Jude war jeder ihn kannte. Irgend jemand hat in nach Essen ins Krankenhaus gebracht, wir wissen bis heute, nicht wer das war. Nach einer gewissen Zeit konnte er dann wieder nach Hause. Wir wussten nun, dass es wirklich allerhöchste Zeit war, Deutschland zu verlassen. Walter war ja schon mit Kindertransport weg, er war schon in Chicago. Meine Eltern drangen darauf, das es auch für mich soweit war: "Hermann, sie verhaften Jungen in deinem Alter, einfach so, von der Straße weg. Die werden nie wieder gesehen. Du kannst nicht länger bleiben!" Damals war ich war siebzehn, sie schafften es, mir einen Platz in einem Kindertransport nach Holland zu sichern, einer der letzten Transporte für unter 18jährige. Zuvor musste ich jedoch meine Papiere haben, Bescheinigungen, dass die Sozialversicherungen und alle Steuern bezahlt sind, um Deutschland verlassen zu können, durfte ein Jude keine Schulden beim Staat oder sonst wo haben. Also machte ich mich auf dem Weg zum Finanzamt und zur Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK).

Da war ein junger Mann hinter dem Schalter, ungefähr mein Alter. Als ich näher kam, fragte er mich: "Bist du nicht Herman Cohn?" Ich bejahte, und erkannte ihn, er war ein ehemaliger Mitschüler vom Realgym- nasium. Er arbeitete jetzt bei der Ortskrankenkasse, warum auch immer er die Schule verlassen hat. Ich trug mein Anliegen vor und er fragte mich: "Darf ich dich was fragen? Ich habe ein Gerücht gehört, dass sie die Synagoge angesteckt haben. Stimmt das?" Ich konnte das nur bestätigen:"Natürlich stimmt das! Jeder in der Stadt weiß das. Die Feuerwehr kam nicht, bis die Synagoge abgebrannt war!" Er sagte darauf nur: "Ok, ich kümmere mich um deine Papiere ich komme gleich wieder." Er ging und ich wartete. Es dauerte 20 Minuten, bis er endlich wiederkam. Mit den Worten: "Der Chef will dich sehen." gab er mir meine Papiere ich ging in die zweite Etage zum Büro des Chefs der Ortskrankenkasse. Im Büro saß ein Deutscher hinter dem Schreibtisch, den ich nicht kannte und davor saß auf einem Stuhl ein Typ, der hohe Stiefel trug. Er trug keine Uniform, aber diese hohen schwarzen Stiefel, die unter den Hosenbeinen raus guckten... das waren genau solche Stiefel, wie sie nur die SS oder SA trug. Der Chef der Ortskranken- kasse fragte mich: "Bist du Hermann Cohn?" Ich antwortete:"Ja, der bin ich." Er fragte: "Kennst du diesen Mann?" und zeigte auf den im Stuhl. "Weißt du, wer das ist?" Ich verneinte. An den Namen erinnere ich mich nicht, aber in dem Moment, wo er den Namen nannte, wusste ich, dass ist der Gestapo-Chef von Gelsenkirchen. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, aber ich kannte den Namen, jeder Jude in Gelsenkirchen hatte diesen Namen schon gehört. Und da saß er, der Gestapochef, beim Chef der Ortskrankenkasse.

Der Gestapochef fragte mich: "Was für Geschichten hast du da erzählt?" Ich verstand nicht und fragte: "Was meinen sie?" Er sagte: "Gräuelmärchen!" Ich antwortete:"Ich habe keine Gräuelmärchen oder Gerüchte erzählt." Fragend starrte er mich an: "Wieso erzählst du, wir hätten die Synagoge angesteckt?" Es platzte so aus mir heraus: "Weil ihr es getan habt! Jeder weiß das! SA oder SS hat die Synagoge angesteckt, die Feuerwehr kam nicht, keiner hat gelöscht und die Synagoge ist bis auf die Grundmauern abgebrannt!" Drohend sagte er: "Wir werden dir beibringen, wie man die Wahrheit sagt. Du wirst keine Lügengeschichten mehr verbreiten. Wir werden dir das schon beibringen! Du wirst nie wieder Gräuel- märchen erzählen." Er stand auf und sagte: "Wir beide gehen jetzt zum Gestapo-Hauptquartier. Ich gehe genau fünf Schritte hinter dir, gehst du schneller, oder werden es sechs Meter, werde ich dich wegen Fluchtversuch erschießen. Ich möchte nur, das du das weißt. Halte den Abstand, geh' nicht schneller, versuch nicht wegzulaufen - ich erschieße dich."

Ich war zwar nie dort, aber jeder Jude in der Stadt wusste, wo sich das Gestapo-Hauptquartier war, so ging ich also los. Es befand sich in der zweiten Etage im Hans-Sachs-Haus. Ich lief durch die Straßen Gelsenkirchens wie ein Zombie, ich habe nicht weiter nachgedacht, bin nur gelaufen, habe den Abstand gehalten um ihm bloß kein Grund liefern, mich zu erschießen. Wir kamen am Hans-Sachs-Haus an, und da war eine große Stahltür im zweiten Stock, und als diese Tür hinter mir ins Schloss fiel, war ich fest davon überzeugt, hier kommst du nicht mehr lebend raus. Er schubste mich in eine Ecke des Raumes, Gesicht zur Wand. Da waren noch mehr Typen, alle in SS-Uniform. Der Gestapochef sagte etwas zu den anderen, ich weiß es nicht was, ich stand unter Schock. Bestimmt eine Stunde musste ich in der Ecke stehen, und dabei traten alle mich abwechselnd mit diesen schweren, schwarzen Stiefeln, schlugen mich, immer wieder, bis ich zusammenbrach. Und mit jedem Tritt, mit jedem Schlag brüllten sie:"Wo hat dein Vater das Geld versteckt?" Das war alles, was sie wissen wollten! Und sie schlugen immer weiter. Der Gestapochef sah auf meine Hände: "Du hast noch nie in deinem Leben gearbeitet, das sehe ich an deinen Händen. Wir werden dir das Arbeiten beibringen. Du wirst Kohlen schüppen, Steine schleppen, dass alles wirst du in Dachau lernen. Du wirst das Arbeiten lernen!" Und sie schlugen weiter auf mich ein.

Dann kam jemand und sagte: "Wir können ihn nicht festhalten." Der Typ, der meisten geschlagen hatte, der mich, wie er sich ausdrückte "an meinen Eiern draußen am Fahnenmast aufhängen" wollte, sagte: "Wir lassen dich gehen. Du hast genau zwei Minuten, dieses Gebäude zu verlassen. Bist du in zwei Minuten nicht verschwunden, werden wir dich wegen Fluchtversuch erschießen!" Mit diesen Worten öffnete er die große Stahltür und ich rannte. Ich sehe diese Stufen heute noch vor mir! Ich rannte, ich flog nach Hause. Dort angekommen, fragte meine Stiefmutter: "Was ist mit dir passiert? Ich sagte ihr nur: "Ich werde krank." Ich habe ihr nicht erzählt, was ich erlebt hatte. Da geschah so viel, ich wollte sie nicht noch mehr belasten. Das wichtigste für mich war, ich hatte die Bescheinigung von der Ortskrankenkasse, vom Finanzamt und ich wusste, damit würde ich mein Visum bekommen und kann endlich aus Deutschland raus. Meine Mutter glaubte mir, ich bekam tatsächlich eine Art Grippe,durch das, was mir da geschehen war. Ich lag im Bett, hatte sogar Tempe- ratur. Ein, zwei Tage später war es dann soweit. Der Kinder- transport, ich denke, es war einer der letzten aus Gelsenkirchen, brachte mich nach Holland. Alle diese Kindertransporte waren von ausländischen Hilfsorganisationen organisiert und finanziert, in Deutschland konnte das keiner machen.

Mit dem Kindertransport kamen wir zunächst in ein Camp in der Nähe von Amsterdam. Dort war ich ca. eine Woche, dann ging es weiter in eine Jugendherberge bei Utrecht, schließlich kam ich in eine Art Camp in der Nähe von Deventer. Da war es ganz gut, wir arbeiteten dort auf den Erdbeer- und Gemüse- feldern, einige von uns arbeiteten dort in einer Schreinerei. Wir kriegten ja keine richtigen Jobs, konnten nur dort im Camp arbeiten. Meine Eltern warteten derweil sehnsüchtig und voller Angst bis Ende Dezem- ber 1939 in Gelsenkirchen auf ihr Visum und auf ihre Nummer. Dann endlich hatte das Konsulat in Stuttgart die Visa für meine Eltern und mich ausgestellt. In Rotterdam gingen wir gemeinsam an Bord eines Schiffes, dass uns in die USA brachte." Mehr erfahren: Lebens- und Leidenswege der Familie Siegfried Cohn

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ALBERT GOMPERTZ 

Albert GompertzAbb. 9: Albert Gompertz, Soldat der US-Army, um 1943. Als Befreier kehrte er im Zuge der Landung der Alliierten in der Normandie (D-Day, 6. Juni 1944) nach Europa zurück. Albert Gompertz starb im Alter von 85 Jahren am 20. November 2006 in den USA.

"Im April 1928 kam ich in die jüdische Volksschule von Gelsenkirchen. Die Volksschule hatte acht Klassen. Nach vier Klassen musste entschieden werden, ob man zur höheren Schule gehen wollte, die dann zur Hochschulreife führte. Es gab damals drei Möglichkeiten der höheren Schule: Für Jungen gab es das Realgymnasium mit Latein, das Gymnasium mit Griechisch und für Mädchen nannte sich die höhere Schule Lyzeum.

Ich beendete die vierte Klasse im Jahr 1932. Unser Lehrer an der jüdische Volksschule war Herr Katz. Jüdischen Religionsunterricht erhielten wir im Haus unseres Rabbiners Dr. Galliner und in der Synagoge. Wegen der getrennten Schulsys- teme hatten wir keinen Kontakt zu nichtjüdischen Kindern. Während ich nicht mit nichtjüdischen Altersgenossen zusam- men kam, hatte ich viele jüdische Freunde. Nach der Schule fuhren wir Fahrrad, spielten Schach, Tischtennis und andere Spiele. Etwa um 1932 schuf der 'Reichsbund jüdischer Frontsoldaten', bei dem mein Vater der örtliche Vorsitzende war, eine jüdische Jugendgruppe, die sich das "Schild" nannte, und wir trafen uns einmal in der Woche zum Turnen. An den Wochenenden trafen wir uns draußen zum Fußball spielen oder zur Leichtathletik wie z. B. Sprints, Hoch- und Weitsprung und ähnliches. Natürlich trafen uns die wachsen- den antijüdischen Ressentiments und deprimierten mich und die anderen jüdischen Kinder, insbeson- dere, weil wir ständig auf der Hut sein mussten, nicht mit der Hitlerjugend in Kontakt zu kommen, oder mit anderen Gruppen, die uns verprügeln könnten.

Im Frühjahr 1932 kam ich zum Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Strasse in Gelsenkirchen. Ich begann in der Sexta und erhielt von da ab Lateinunterricht. Im nächsten Jahr kam ich in die Quinta, dann in die Quarta, wo ich dann zusätzlich noch Französischunterricht bekam. Nach der Quarta kam die Untertertia, und im Frühjahr 1936 kam ich in die Obertertia, wo ich dann Unterricht in Englisch als dritter Fremd- sprache erhielt. Allerdings musste ich dann im September des Jahres diese Schule mit allen anderen jüdischen Schülern, von denen es nicht mehr sehr viele gab, verlassen, wie es neue Verordnungen der Nazi-Regierung vorsahen.

Abgangszeugnis Albert GompertzAbb.10: Abgangszeugnis vom 15. September 1936, Albert Gompertz [...] wurde Ostern 1932 in die Quinta des hiesigen Realgymnasiums aufgenommen und war seit Ostern 1936 Schüler der Obertertia a [...] (Zeugniskopie aus dem Nachlass von Albert Gompertz)

Die viereinhalb Jahre auf dem Realgymnasium waren, gelinde gesagt, sehr deprimierend. Schließlich kann ich heute im Nachhinein nicht mehr sagen, wie ich durch sie hindurch gekom- men bin. Mein Sportlehrer, Herr Hohnroth, erschien normalerweise in SA-Uniform. Er begann und beendete seinen Unterricht mit dem Gruß "Heil Hitler". ( Hohnroth war der gleiche Mann, der in dem ersten Weltkrieg mit meinem Vater gedient hatte und der für das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" verleumderischen Artikel gegen ihn schrieb. Er ist auch derjenige, der mit einer Horde Schulkinder am 10. November 1938, dem Tag nach der so genannten "Kristallnacht", alle verbleibenden Waren und Einrichtungen im Pelzgeschäft meines Vaters zu zerstörte.) Ich erinnere mich daran, dass wir im Sportunterricht bei Herrn Hohnroth u.a. das Werfen von Hand- granaten üben mussten. Unser Musiklehrer, der am Revers ein Abzeichen trug, das ihn als Mitglied der Nazi-Partei auswies, ließ unsere Klasse in der Gegenwart der jüdischen Schüler und vor mir Nazilieder singen, von denen eines den Refrain hatte "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann gehts nochmal so gut". Nach meinen Jahren auf dem Realgymnasium, ich hatte die Sexta, Quinta, Quarta, Untertertia und das erste Halbjahr der Obertertia beendet, wurde jüdischen Schüler durch eine Anweisung der Nationalsozialisten nicht länger erlaubt, eine höhere Schule zu besuchen. Mein Abschlusszeugnis vom Realgymnasium datiert auf den 15. September 1936.

Zu dieser Zeit erkannte mein Vater zunehmend, dass es möglicherweise notwendig sein würde, Deutschland zu verlassen und daher entschied er, dass es das Beste für mich wäre, einen praktischen Beruf zu lernen. Vater versuchte ohne Erfolg, mich bei einer Textilgewerbeschule in Manchester einzuschreiben und ebenso bei verschiedenen Textilgewerbeschulen in Deutschland. Dann entschied er aber schließlich, dass es das Beste wäre, wenn ich eine Lehre in der Textilindustrie machen sollte. Er fand die jüdische Firma Herz & Haymann, die in Aachen feinste Wolle herstellten. Im Alter von 14 Jahren unterzeichnete ich dann mit der Zustimmung meines Vaters einen Lehrlingsvertrag für drei Jahre.

[...] Und weil ich das Ziel hatte, Textilingenieur zu werden, besuchte ich zusätzlich zu meiner Lehre noch eine Textilschule in Aachen und nahm an fünf Abenden in der Woche an Kursen teil. Auf der Arbeit lernte ich alle Bereiche der Textilindustrie kennen und wurde in der Fabrik von Abteilung zu Abteilung geschickt. [...] Ich verbrachte zwei Jahre in Aachen bis zum 20. September 1938. Ich erhielt ein sehr gutes Zeugnis der Firma Herz & Haymann und ebenso von der Abendschule der Textilschule. Ich verließ die Lehre zu dieser Zeit, weil ich an der Textilgewerbeschule in Cottbus für einen Ausbildungskurs zum Textilingenieur angenommen worden war. Am 13. Oktober begann der Unterricht an der Textilschule in Cottbus. Aber da waren es nur noch etwas mehr als drei Wochen bis zur Kristallnacht am 9. November und meiner Verhaftung am 10. November."

Die Polizei verhaftete mich am 10. November 1938 an dem Morgen nach der Kristallnacht, in der die meisten Synagogen niedergebrannt worden waren und die Geschäfte und Unternehmen in jüdischem Besitz in ganz Deutschland zerstört worden waren. Zusammen mit anderen jüdischen Männern aus meiner Nachbarschaft wurde ich zu der nahe gelegenen Polizeistation gebracht und eingesperrt. [...] Als dies passierte, lebte ich in einer Familie mit dem Namen Lewin und besuchte eine Schule für das Textilgewerbe in Cottbus, etwa 35 Meilen östlich von Berlin. [...] Ich hatte aber Glück: Ich denke, es war aus dem Gefühl heraus, dass ich dem Polizeichef in dem Gefängnis in Cottbus gegenüber betonte, dass ich 16 Jahre alt war (obwohl ich gerade fünf Tage vor meinem 17. Geburtstag stand). Für mich war es ein Glück, dass er kein besonders extremer Nationalsozialist war und er mich wegen meines Alters entließ. Ich hatte hier wirklich besonderes Glück, weil die meisten Männer, mit denen ich zusammen eingesperrt worden war, darunter auch meine Klassenkameraden, ins Konzentrationslager geschickt wurden. Nachdem ich frei gekommen war, kehrte ich zu dem Haus der Familie Lewin zurück und verbrachte die Nacht dort.

Dann nahm ich einen Zug zurück nach Gelsenkirchen, weil ich als Jude die Schule nicht weiter besuchen durfte. Vom Zugfenster aus sah ich bei der Fahrt durch die Städte viele zerstörte Fensterscheiben bei Geschäften und viele Reste der niedergebrannten Synagogen. Ich war schockiert und hatte Angst. Als ich zu Hause ankam, war mein Vater immer noch im Gefängnis und ich musste zu meiner Bestürzung feststellen, dass auch das Geschäft unserer Familie zerstört worden war. Ich erfuhr, dass unsere Pelze auf die Straße geworfen worden waren und dass mein Bruder Fritz von einer johlenden Menge beleidigt und erniedrigt worden war, als er das zerbrochene Glas auf dem Bürgersteig zusammenfegen musste. Nach einer Woche im Gefäng- nis wurde mein Vater wieder freigelassen und damit konfrontiert, dass es ihm nun nicht mehr erlaubt sei, sein Geschäft fortzuführen, das von seinem Vater im Jahr 1889 gegrün- det worden war. Er wurde gezwungen, das Geschäft seinem Kürschnermeister, einem Nichtjuden, zu überlassen. Meinem Vater wurde nur erlaubt, für das Inventar einen kleinen Betrag entgegenzunehmen - das war das traurige Ende eines 50 Jahre alten Familienunternehmens.

Als meinem Vater befohlen wurde, sein Geschäft aufzugeben und auch das Haus ohne Entschädigung abzugeben, war ihm erlaubt worden, das Inventar des Geschäfts zu verkaufen. Aber natürlich nur für einen Betrag, der keineswegs dem Wert entsprach. Als dies getan war, begann er, unseren persönlichen Besitz in einen Umzugscontainer zu packen, und er hoffte, dass er diesen mit nach Amerika nehmen könnte, obwohl er bis dahin noch keine Visa zum Verlassen Deutschlands oder für die Einwanderung in irgendein anderes Land hatte. Unsere Transportkisten wurden in einen großen Wagen gepackt, aber sie kamen nie aus Europa heraus. Wir erfuhren später, dass sie zerstört oder geplündert worden waren bei der Invasion Belgiens. So sahen wir nichts von unseren persönlichen Gegenständen je wieder.

Bevor es so weit gekommen war, etwa um 1936, hatte Vater sich schon einmal um Visa für die Einreise in die USA beworben. Dort hatte Mutters Vater eine Cousine, eine Gesangslehrerin, die in New York lebte. [...] Wir brauchten eine Bürgschaft, bevor wir uns überhaupt um ein Visa für die USA bei der Botschaft bewerben konnten. Leider hatte unsere Verwandte aber nicht genug Geld und sie brauchte Zeit, um Helfer zu finden. Glücklicherweise schaffte sie es, finanzielle Unterstützung zu bekommen, so dass wir durch sie in der Lage waren, Ausreisevisa zu beantragen.

Während mein Vater das Geschäft liquidierte, gelang es ihm, bei der Polizei Papiere zu besorgen, so dass mein Bruder Fritz und ich befristete Visa bekamen, um Deutschland zu verlassen und in ein Flüchtlingscamp in Holland zu kommen, das dort von den Holländern eingerichtet worden war. Mein jüngster Bruder Rolf, der zu dieser Zeit etwa zehn Jahre alt war, war bereits von einem nichtjüdischen Holländer über die Grenze ge- schmuggelt worden. So war Rolf schon aus dem Land gebracht und lebte bei seinen Großeltern. Aber obwohl die Eltern meiner Mutter in Holland lebten, erhielt meine Mutter kein Einreisevisum für Holland, weil auch die Holländer sich sehr restriktiv verhielten und Angst davor hatten, dass zu viele Menschen zu ihnen kämen. [...]

Holländischer Schülerausweis von Albert GompertAbb.11: Holländischer Schülerausweis von Albert Gompert

Am 9. Januar 1939 wurde uns dann erlaubt, einen Zug nach Holland zu nehmen und dort in einem Lager darauf zu warten, dass auch unsere Eltern zu uns kämen und endlich die Visa für die Einreise in die USA einträfen. Bevor ich Deutschland verlassen konnte, musste ich ein Dutzend Papiere besorgen von all den Orten, an denen ich gewohnt hatte, Gelsenkirchen, Aachen und Cottbus, von den jeweiligen Polizeiämtern und vom Finanzamt und dazu noch den notwendigen Pass.

Zu dieser Zeit wurde der Name "Israel" zu meinem Vornamen hinzugefügt, so dass jeder sofort sehen konnte, dass ich ein Jude war. Als wir dann endlich die deutsche Grenze überschritten hatten, wurden wir von den Holländern als Transit-Flüchtlinge registriert und in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Rotter- dam geschickt. Obwohl die Holländer uns gut behandelten, konnten wir das Lager nicht verlassen, obwohl unsere Großeltern, bei denen Rolf lebte, und unsere Tanten und Onkel in Holland wohnten und wir nur 14 und 17 Jahre alt waren. [...]

Als unsere Eltern im März 1939 Deutschland verlassen konnten, war die Familie wieder vereinigt und wir kamen in ein Flüchtlingslager, das "Lloyd-Hotel" hieß. Es lag zwischen dem Hauptbahnhof und dem Frachthafen in Amsterdam. Es war ein großes Fabrikgebäude, das in Schlafsäle eingeteilt war. Nur einige wenige verheiratete Paare hatten private Räume. Obwohl die Unterkunft ziemlich primitiv war, waren wir alle glücklich, aus Deutschland heraus und wieder zusammen zu sein. [...] Es dauerte bis August 1939, als dann meine Mutter und wir drei Jungs unsere Einreisevisa für die USA erhielten. [...] Wir erhielten die Visa, weil unsere Mutter, die in Holland geboren war, unter die holländische Quote fiel und wir Jungs unter 18 Jahren alt waren. Mein Vater hatte bis dahin sein Visum noch nicht erhalten, weil er unter die restriktivere deutsche Quote fiel. Und so war er nicht in der Lage, zusammen mit uns Holland zu verlassen. [...] Er hatte das Glück, dass er im Januar 1940 das Visum erhielt, nur wenige Monate, bevor die Deutschen Holland überfielen.[...] [10] Mehr erfahren: Experiences of Albert Gompertz (Englische, ungekürzte Orginalfassung)

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ERNST BACK 

Moritz Back mit seinen Kindern, mm 1933Abb.12: Um 1933, Moritz Back mit seinen Kindern, v.li.: Ernst, Hilde und Klaus

Anläßlich seines Besuches in Gelsenkirchen im Jahr 2008 gab Ernst Back der WAZ Gelsenkirchen ein Interview. Ernst Back beschrieb darin seine Kindheit in Gelsenkirchen als unbeschwert. Auf die Frage, wann seine unbeschwerte Kindheit aufhörte, antwortete er: "Das war um das Jahr 1933. Da bin ich dann auch auf eine andere Schule gekommen. Vier Juden waren wir in der Klasse, ich erinnere mich an eine Situation, die war grausam. Da hat ein Lehrer die Klasse gezwungen, ein hetzerisches Antijudenlied zu singen - und wir waren anwesend. Ich erinnere mich auch noch, als ich das erste Mal auf dem Schulweg verprügelt wurde, weil ich Jude bin. „Ihr habt unsern Gott umgebracht”, haben sie mich angeschrien. Sie haben mich solange geprügelt, bis ich blutete." Anm.: Ernst Backs Abgangszeugnis ist auf den 1. Dezember 1938 datiert, er war der letzte jüdische Schüler, der das Städtische Real-Gymnasium an der damaligen Adolf-Hitler-Straße (Heute Grillo-Gymnasium) verlassen musste.

Ernst Backs Bruder Klaus ( er änderte später seinen Vornamen in Klas), schilderte seine Erinnerungen und erwähnt darin auch mehrfach seinen älteren Bruder Ernst. Hier ein Auszug [11]:

(... ) "Zur Zeit der Kristallnacht, im November 1938, lag unser Vater krank im Bett mit Gelbsucht. Meine Geschwister und ich wurden mitten in der Nacht von Schlägen an die großen Glasscheiben an der Wohnungstür geweckt. Ich hörte laute Stimmen. Mutter kam in unser Schlafzimmer und sagte, wir sollten uns nicht beunruhigen, und nach einer Weile wurde es wieder still und ich schlief weiter. Am Morgen war alles normal — aufstehen, zur Schule gehen, aber Vater sagte zu uns: "Seid bitte sehr vorsichtig, wenn ihr zur Schule geht. Geht den kürzesten Weg und schnell direkt zur Schule. Mein Schulweg führte von der Ebertstraße über den Neumarkt entlang der Bahnhofstraße, dann unter die Eisenbahn zur jüdischen Volksschule. Überall sah ich zerschlagene Fenster in den Läden und Kaufhäusern und Bemalungen mit Sprüchen von Judenhass. Schnell ging ich bestimmt, kam zur Schulmauer, die zerschlagen war, und wurde von der Lehrerin vor der Tür direkt wieder nach Hause geschickt. "Schulunterricht gibt es heute nicht. Meine Schwester Hilde war zu dieser Zeit nicht in Gelsenkirchen, nur mein Bruder Ernst und ich. Vater wurde in der Nacht nicht abgeholt.

Ich habe dazu nur eine Überlegung, ob richtig oder falsch, weiß ich nicht: Auf Krankheit nahm man bestimmt keine Rücksicht, wenn man jüdische Männer holte und ins KZ sperrte. Es war wohl der Mut meiner Mutter - denn mutig war sie -, so habe ich verstanden und so wurde mir auch später erzählt. Und ich stelle mir auch vor, dass die Polizei, die Vater holen sollte, dieses vielleicht nicht tat, da sie Vater kannten. An diesem Tag verließen wir die Wohnung nicht mehr. Am Nachmittag wurde wieder an die Tür geschlagen. Es kamen einige Männer, zivil gekleidet. Sie gingen in die beiden Büroräume der Rechts- anwaltspraxis unseres Vaters und verwüsteten das ganze Büro, warfen das Bücherregal und Aktenregale um und zerstreuten alle Akten übet die beiden Büroräume. Dann gingen sie in das Schlafzimmer von Vater, schimpften und drohten, dass sie wiederkommen würden und Vater an das Fensterkreuz nageln würden. Vater kannte die Männer nicht. Er meinte, dass es sich möglicherweise um Leute handelte, mit denen er vielleicht mal am Gericht etwas zu tun gehabt hatte und die die Akten vernichten wollten. Diese Nacht und einige folgende Nächte, die nun kamen, blieben wir nicht in unserer Wohnung, sondern bei der Sekretärin, die bei meinem Vater gearbeitet hatte. Einige Tage später ging ich mit Mutter durch die Stadt. Sie wurde plötzlich von einer Krankenschwester vom katholischen Krankenhaus angesprochen und diese sorgte dafür, dass Vater ins Krankenhaus kam, wo man meinte, dass man ihn schützen konnte.

Es wurden 1938 und 1939 Kindertransporte nach Holland, nach Großbritannien und nach Schweden organisiert. Dass wir drei Geschwister überhaupt gerettet wurden, ist wohl ein unglaubliches Glück. Der schwedische Staat hatte sich bereit erklärt, 500 bis 600 deutsche jüdische Kinder, deren Eltern, Einreisegenehmigungen für die USA hatten, in Schweden anzunehmen bis es möglich wäre, die Kinder wieder mit den Eltern in den USA zusammenzubringen.

Unser Vater war Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen. Gelsenkirchen hatte in den 20er und Anfang der 30er Jahre einen Rabbiner, Emil Kronheim, der dann Rabbiner in Stockholm wurde. Dieser hatte Verbindung mit Vater und sorgte dafür, dass mein Bruder Ernst und ich in einem solchen Kindertransport nach Schweden kommen konnten." (...) Mehr erfahren: Lebens- und Leidenswege der Familie Back

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HORST ELIAS 

Horst Karl EliasAbb.13: Horst Karl Elias

Der in Breslau am 16. März 1920 geborene Horst Karl Elias, Rufname Horst, war vom April 1932 bis zum 8. Mai 1933 Schüler am Gelsenkirchener Real-Gymnasium.[12] Am 6. Mai 1939 wird Horst Karl Elias "staatspolizeilich überprüft", Ergebnis: "Nichts Nachteiliges bekannt". Zu diesem Zeitpunkt lebte er in Havelberg/Havel.[13]

Er verließ Gelsenkirchen, lebte u.a in Spreenhagen südöstlich von Berlin.[14] In Spreenhagen befand sich das Gut Winkel, dort wurden jüdische Jugend- liche auf die Emigration nach Palästina und in andere Länder vorbereitet. Von Spreenhagen floh Horst Karl Elias nach Holland, lebte ab dem 8. März 1939 in Voorst. Ab dem 29. April 1940 arbeitete er kurzzeitig bei dem Bauern T. den Hartog, Grebbedijk 36 in der Gemeinde Wageningen.[15]

Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande geriet auch Horst Karl Elias in die Fänge der NS-Verfolgungs- und Mordma- schinerie. Ab dem 31. Oktober 1942 war er in Westerbork interniert, [16] von dort am 16. September 1943 nach Auschwitz III Monowitz deportiert dort unter der "Häftlings"-Nr. 150646 registriert. [17] Nur diejenigen Deportierten, die bei der Ankunft in Auschwitz nicht zur direkten Ermordung in den Gas- kammern selektiert wurden, erfasste die SS mit Nummern. Jeder Gefangene erhielt eine fortlaufende Nummer, unter der er bzw. sie anstatt mit seinem bzw. ihrem Namen fortan im Lager verwaltet und angesprochen wurde.

Nur in Auschwitz wurden die Gefangenen auch tätowiert. Einerseits um Verwechslungen von entkleideten Leichen auszuschließen und andererseits um geflohene Gefangene leichter zu identifizieren. Normalerweise wurde die "Häftlings"nummer auf den linken Unterarm tätowiert. Als Ausnahmen gelten Kinder, die im Lager geboren wurden. Da auf ihren Unterarmen nicht ausreichend Platz für eine Tätowierung war, wurden sie statt- dessen auf anderen Stellen (z.B. Oberschenkel) tätowiert. Die Nummern der so erfassten "Häftlinge" wurden in einer Buchhaltung in jedem Lager erfasst und bei den zwei täglichen Appellen vor und nach dem Ausrücken zu Arbeitskommandos wurden Veränderungen (Tod, Übergang ins "Krankenrevier", Entlassungen) anhand dieser Nummern kontrolliert. Sie dienten auch zur In-Rechnung-Stellung der Sklavenarbeit an daran beteiligte Firmen, Kleinbetrieben oder Behörden.

In Krankenbüchern des Lagers Monowitz ist er verzeichnet zwischen 16.11.-27.11.1943 und 28.1.-27.2.1944.[18]Aus dem "Häftlingskrankenbau" (HKB) Monowitz wurde Horst Elias am 27. Februar 1944 nach Auschwitz-Birkenau verlegt, als Grund wird in der Quelle "Schwäche" genannt.[19] Am gleichen Tag, dem 27. Februar 1944 wurde Horst Elias in Auschwitz-Birkenau ermordet.[20]

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ERICH LILIENTHAL 

Juedische Zwangsarbeiter werden auf LKW'S zum Zwangsarbeitseinsatz in Riga transportiertAbb.14: Jüdische Zwangsarbeiter werden auf LKW'S zum Zwangsarbeitseinsatz in Riga transportiert

Erich Lilienthal, geboren am 4. Januar 1921 in Gelsenkirchen besuchte das Real-Gymnasium von April 1931 bis zum 5. April 1935.[21] Vom 17. November 1938 bis zum 12. Januar 1939 war Erich Lilienthal im KZ Dachau interniert.[22] Im Zugangs- buch von Dachau ist er als Lehrling mit der Anschrift Gelsenkirchen, Rotthauserstr. 23 verzeichnet.[23] Kurz vor der Deportation wurde Erich Lilientahl in eines der Gelsenkirchener "Judenhäuser" an der Hindenburgstr. 41 - die heutige Husemannstr. - eingewiesen. Am 27. Januar 1942 wurden er und weitere Angehörige von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Nach Berichten Überlebender wurde Erich Lilienthal bei einer Mordaktion im Außenlager Precu (Eines der Lager der Reichsbahn) in Riga ermordet. [24] Das Barackenlager der Reichsverkehrsdirektion Riga befand sich nahe dem Güterbahnhof Precu, etwa 2 km südlich des Konzentrationslagers Riga Kaiserwald.


FRITZ GOMPERTZ 

Fritz GompertzAbb.15: Fritz Gompertz, 1938. Fritz ist grade 14 Jahre alt. Das Foto entstand in Gelsenkirchen, Stempel auf der Rückseite: Photografeninnung, -Paßstelle-, Kreishandwerkerschaft, Gelsenkirchen, A. Frei, Bahnhofstr. 66

Fritz Gompertz, erst nach 1945 änderte er seinen Vornamen, wurde am 13. April 1924 in Gelsen- kirchen geboren. Die jüdische Familie Gompertz war in Gelsenkirchen sehr bekannt und auch in der jüdischen Gemeinde führend. Die Familie betrieb seit 1909 an der Bahnhofstrasse 22 ein großes Pelzgeschäft. 1939 konnte Familie Gompertz noch rechtzeitig aus Deutschland nach Holland fliehen. Dort wurden sie zunächst in einem Flüchtlingslager untergebracht. Von dort aus emigrierte Fritz 1939 zusammen mit seiner Mutter und zwei Brüdern in die USA. Vater Leo konnte wegen Problemen bei der Visa-Erteilung erst im Januar 1940 folgen.

In den Erinnerungen von Fred Gompertz gab es bis dato nur ein Datum mit grundlegender Bedeutung für sein Leben: der 9. November 1938. In dieser Nacht wird Fred Gompertz, damals 14 Jahre alt, vom Geräusch berstender Glasscheiben aus dem Schlaf gerissen: "Wir waren so erschrocken, dass wir Angst hatten, aus dem Fenster zu schauen". Gompertz's versteckten sich in der Wohnung und harrten angstererfüllt der Dinge. SA-Horden und HJ schlugen die großen Schaufensterscheiben des Pelzgeschäftes an der Bahnhofstrasse ein und verwüsteten den Laden. Sie warfen die Waren und Einrichtungen auf die Straße. So wurden alle anderen jüdischen Geschäfte in Gelsenkirchen ebenfalls zerstört. Die "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 kündigte den Holocaust an. Niemals mehr im Leben vergaß Fred Gompertz diese unsagbare Angst, verbunden mit dem Geräusch von splitterndem Glas.

Fast 63 Jahre später, Fred Gompertz war in ein 34-stöckiges Gebäude am World Trade Center (WTC) in New York gezogen, sah er vom Dach des Hauses die Zwillingstürme brennen. Die Türme des World Trade Center stürzten ein, riesige Rauchwolken verdunkelten die Sicht, der Strom fiel aus. Unmengen Glas splitterte - Fred verlor das Bewußtsein. Ohne Wasser und Nahrung, unfähig zu Handeln war Fred in dem menschenleeren, staubgefüllten Appartmenthaus gefangen. Zwei Tage später fand ihn sein Sohn Jeff und brachte ihn in Sicherheit. "Nine-eleven hat mein Leben ein zweites Mal zerstört" sagte Fred Gompertz nach seiner Rettung. Fred Gompertz starb am 29. April 2004 im Alter von 80 Jahren an Krebs. Am 2. Mai wurde er auf dem Cedar Park Cemetery in Paramus, N.J. beigesetzt.Nachruf/Obituary

Die Patenschaft für den Stolperstein, der an Fritz Gompertz vor dem Grillo-Gymnasium verlegt wird, hat sein Sohn Ron übernommen. 1995 hat Fred Gompertz seine Geschichte in New York zu Papier gebracht. An dieser Stelle herzlichen Dank an Patricia für die Übersetzung. Fred Gompertz - Meine Geschichte

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Quellen
[1] Vgl. Stephan Marks "Pädagogik im Nationalsozialismus" in: Elisabeth Zwick, "Spiegel der Zeit - Grundkurs Historische Pädagogik III", S. 211-230, Berlin 2009
[2] Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben", S.31-32. Essen 2004.
[4] Am 19. Mai 1933 erließ das NS-Regime das „Reichsgesetz zum Schutz nationaler Symbole“. Es sollte sie vor „Kitsch“ bewahren, ihren rein kommerziellen Gebrauch begrenzen und die Deutschen stärker an die NS-Ideologie binden. Dazu mussten die Zeitungen Listen von erlaubten und nicht erlaubten Hakenkreuz-Darstellungen drucken. Erlaubt waren Hakenkreuze etwa auf Fahnenmasten, als Weihnachts-baumspitzen u. -kugeln, auf Neujahrspostkarten, auf Hitlerportraits und als wertvolle Schmuckgegenstände. Verboten waren sie auf Pralinen- und Zigarettenschachteln, Fußbällen, Bratwürsten und als massenhaft hergestellter Billigschmuck. Damit versuchte das Regime, einen symbolverstärkenden von einem symbolentweihenden Gebrauch zu unterscheiden. Vgl. auch: Saul Friedländer: Nachdenken über den Holocaust. Beck, München 2007, S. 51 f.
Zugleich wurde das Hakenkreuz in vielfältigen Formen massenhaft hergestellt. Es erschien unter anderem als Wimpel, Armband, Anhänger, Briefbeschwerer, Schallplattenhülle, auf Pokalen, Besteck, Tauschkarten, als Bausatz für Kinder, besticktes Kissen, Kaminsims, Wand- und Tapetenmuster oder Abziehbild. So war es im Alltag überall präsent.In: Pedri Nancy u. Petit Laurence: Picturing the Language of Images, Chambridge Scholars Publishing, 2013, S. 462 f..
[5] Vgl. Jugend in Deutschland 1918-1945: Jüdische Jugend" Abruf April 2016
[6] Bei der Identifizierung der abgebildeten Personen halfen dem ISG ehemalige Jüdische Bürger bei Ihren Besuchen in Gelsenkirchen, insbesondere Rudolf Cohen und Ernst Back
[7,8] Privatbesitz Herman Cohn
[9] Abgangszeugnis des Städt. Realgymnasiums vom 1. Oktober 1933: Günter Schönenberg (...) wurde Ostern 1931 in die Sexta des hiesigen Realgymnasiums aufgenommen und war seit Ostern 1933 Schüler der Quarta b (...)
[10] Experiences of Albert Gompertz (Ungekürztes Orginal, Englisch), hier die gekürzte deutsche Übersetzung aus: Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben", S.86-93. Essen 2004.
[11] "Klas Back: Rettung durch einen Kindertransport — und welche Erinnerungen bleiben" in: Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben", S.157-171. Essen 2004.
[12] Abgangszeugnis Real-Gymnasium Gelsenkirchen
[13] Copy of 1.2.2.1 / 11272211 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Gruppe PP / Gestapo Düsseldorf
[14] Gedenkbuch d. Bundesarchiv
[15] Wageningen 1940-1945, http://www.wageningen1940-1945.nl/namen/burgerslachtoffers/karl-horst-elias/ (Abruf Mai 2016)
[16] Copy of 1.2.4.2 / 12715466 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Holland Kriegszeitkartei der Juden
[17] Archiwum Muzeum Auschwitz, Kopie Liste Männertransporte
[18] Archiwum Muzeum Auschwitz, Kopie aus Krankenbücher Monowitz
[19] Copy of 1.1.2.1 / 530389 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Auschwitz
[20] Joods Monument, https://www.joodsmonument.nl/nl/page/122797/karl-horst-elias (Abruf Mai 2016)
[21] Abgangszeugnis Real-Gymnasium Gelsenkirchen
[22] Gedenkbuch d. Bundesarchiv
[23] Copy of 1.2.2.1 / 11272058 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen, Listenmaterial Gruppe PP / Gestapo Düsseldorf
[24] Andrea Niewerth, Gelsenkirchener Juden im Nationalsozialismus, 2002, Listenmaterial der jüdischen Kultusgemeinde: Deportationsliste v. 27.1.1942 und Liste vom 4.6.1946 "betr. Deportation 27.1.1942", S. 357-392
Grillo-Gymnasium, Abgangszeugnisse jüdischer Schüler, 1933-1938

Abbildungen:
1: Postkarte v. 1915
2: Schule im NS
3: ISG Fotosammlung, 11092
4: ISG Fotosammlung
5: Gelsenzentrum
6: Privatbesitz Jackie Shelton
7: Herman Cohn
8: Yad Vashem
9,10,11: Privatbesitz Mark Gompertz and Carole Ries
12: Privatbesitz Klas Back
13: Nationaal Archief, Rijksvreemdelingendienst, inv. nr. 884
14: The Ghetto Fighters' House Archives, Photo Archive, Catalog No.7950. http://www.gfh.org.il/eng/?CategoryID=87 (Abruf Juli 2011)
15: Fritz Gompertz, 1938. Privatbesitz Ron Gompertz, mit freundlicher Genehmigung

Stolpersteine für die ehemaligen jüdischen Schüler Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias und Erich Lilienthal am Städtischen Realgymnasium (Heute Grillo-Gymnasium) in Gelsenkirchen, verlegt am 6. Oktober 2016

Stolpersteine Gelsenkirchen - Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias u. Erich Lilienthal Stolpersteine Gelsenkirchen - Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias u. Erich Lilienthal Stolpersteine Gelsenkirchen - Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias u. Erich Lilienthal

Stolpersteine Gelsenkirchen - Albert Gompertz, Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Ernst Back, Horst Karl Elias u. Erich Lilienthal


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Mai 2016, Nachträge Oktober 2016, Februar 2017.

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