STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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„Was keiner geglaubt haben wird, was keiner gewusst haben konnte, was keiner geahnt haben durfte, das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte.“ (Erich Fried)

Aktuelles & Termine

Auf dieser Seite veröffentlichen wir 'Aktuelles' rund um das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.

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+ + Nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen ist im Mai 2019 geplant.
Ab sofort können weitere Patenschaften übernommen werden. + +

+ + + Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen + + +

+ + + Buchprojekt Stolperstein-Geschchten Gelsenkirchen sucht Sponsoren. + + +

 


Pogromwoche November 1938: Antijüdischer Terror  

Ein Stapel hebräischer Gebetbücher und anderer jüdischer religiöser Texte, die in der Synagoge in Bobenhausen (Vogelsbergkreis) während der Pogromwoche im November 1938 durch Feuer beschädigt wurden.

Abb.: Ein Stapel hebräischer Gebetbücher und anderer jüdischer religiöser Texte, die in der Synagoge in Bobenhausen (Vogels- bergkreis) während der Pogromwoche im November 1938 durch Feuer beschädigt wurden. Foto: USHMM, Photograph Number: N00445

Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten "Polenaktion" er- schoß der erst 17jährige polnische Jude Her- schel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darü- ber am 7. November 1938 einen Nazi-Diploma- ten der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die deutschen Faschisten bekannter- massen zum Anlass, um die Pogrome 7. bis 16. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.

Vor achtzig Jahren sind in fast allen deutschen Städten Synagogen und jüdische Einrichtungen durch Inbrandsetzungen in Flammen aufgegangen. In arbeitsteiliger Zusammenarbeit zwischen Ordnungs-, Sicherheits- und Kriminalpolizei, SS, Organisationen der NSDAP sowie der Feuerwehr wurde ein „kon- trolliertes“ Abbrennen der Synagogen sichergestellt und gewährleistet, dass die Flammen nicht auf „arisches“ Eigentum übergriffen. Hinzu kommen unzählige verwüstete Wohnungen jüdischer Mitbürger, zerstörte Altersheime und Friedhöfe. Nach bisherigen Schätzungen wurden durch die Pogromwoche zwischen 400 und 1.300 jüdische Menschen getötet oder in den Suizid getrieben.

Wer bisher geglaubt hat, das Pogrom habe erst in den späten Abendstunden des 9. November 1938 begonnen, hat Grund zur Änderung dieser Auffassung. Erste gegen jüdische Deutsche gerichtete Aus- schreitungen gab es bereits am Abend des 7. November mit Bekanntwerden des Attentats von Paris beispielsweise in Kassel. Am 8. November wurde die Synagogen in Bad Hersfeld und Gelsenkirchen (Altstadt) in Brand gesetzt, am Abend des 8. November starb das erste jüdische Pogromopfer: In Fels- berg südlich von Kassel starb Robert Weinstein an den Folgen der Misshandlung. Auch ließen sich die einmal entfesselte Gewalt und der landesweit agierende Mob nur mit Mühe wieder bändigen: Trotz des offiziellen Stopps, der am Nachmittag des 10. November per Rundfunkappellen verbreitet und am 11. November in Zeitungen erneut veröffentlicht wurde, gingen die Angriffe, Plünderungen und Verhaftun- gen teilweise noch tagelang weiter. Keine Frage, für die meisten Juden war der Einbruch der brachialen Gewalt kurz vor Mitternacht des 9., meist aber erst im Laufe des 10. November, die zentrale Erfahrung.

Doch von einer Pogromnacht zu sprechen, ist eine offenkundige Bagatellisierung der tatsächlichen Ent- wicklung – hätte es nur die Nacht vom 9. auf den 10. November gegeben, hätten viele Juden jedenfalls diese Tage und Wochen überlebt. Deshalb sollte diese Bezeichnung, die das ganze Pogrom von sei- nen Anfängen am 7. November bis zu seinen Ausläufern um den 16. November (Ende der Verhaf- tungswelle) narrativ-dramaturgisch wirksam auf eine Nacht gleichsam miniaturisiert, tunlichst ins gut gefüllte, aber leider noch nicht geschriebene "Wörterbuch der Verharmlosung des Nationalsozialismus" einsortiert werden. Die Pogromwoche war ein öffentliches Verbrechen, in juristischen Begriffen ausge- drückt: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Erpressung und Nöti- gung, Sachbeschädigung, Vergewaltigung. Noch nicht geplanter Völkermord, aber weit mehr als bloß lokaler Pogrom, war es eine staatlich inszenierte, reichsweite, bis dato singuläre Gewalt- und Terror- welle, der über tausend Menschen zum Opfer fielen und in der ein Großteil der soziokulturellen Infra- struktur jüdischen Lebens zerstört wurde.

An die Staatsanwaltschaft Essen, Bitte um Eröffnung eines Verfahrens

Bezüglich der Inbrandsetzung der Gelsenkir- chener Synagoge in der Altstadt gab es nach 1945 ein Strafverfahren gegen den mutmaßlichen Brandstifter der hiesigen Synagoge in der Alt- stadt, Werner Montel. Das Jüdische Hilfskomitee Gelsenkirchen hatte mit Datum 3. Oktober 1946 die Staatsanwaltschaft Essen schriftlich um die Einleitung eines Verfahrens " (...) wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolg- ten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkir- chen, Neustrasse." gebeten. Liest man sich die Strafprozeßakte durch, lässt sich feststellen, dass auch in den Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge gegen 22.30 Uhr am 8. November 1938 gesprochen wird, ebenso in der Anklage- schrift und im Urteil. Auch in so genannten "Wiedergutmachungsakten" findet sich dieses Datum. Es darf folglich davon ausgegangen werden, das auch in Gelsenkirchen bereits am Abend des 8. November in vorauseilendem Gehorsam die Synagoge in der Altstadt in Brand gesetzt worden ist.

Fotoalbum: Pogromwoche im November 1938

Fotoalbum: Pogromwoche November 1938. Mehr erfahren: KLICK!

Diese Fotos dokumentieren Zerstörung und Ge- walt, gerichtet gegen Leib und Leben jüdischer Menschen in der Pogromwoche im November 1938 in Fürth. In einzeln Sequenzen auch ist die Inbrandsetzung der Fürther Synagoge festge- halten, andere Aufnahmen zeigen misshandelte und verletzte Menschen, die ihren Peinigern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Die bisher unveröffentlichen Fotografien zeigen exempla- risch mit großer Eindringlichkeit, mit welcher menschenverachtender Bestialität die Nazi-Schergen ihre Schandtaten begehen. Schockie- rend, das so oft Gehörte und Gelesene auf diesen Fotos zu sehen: → Fotoalbum


Gelsenkirchen: Stolperstein soll an jüdischen Arzt erinnern  

Frühe Flucht rettete jüdischem Arzt das Leben: Dr. Samuel Hocs

Abb.: Reisebescheinigung (Brasilien) für Dr. Samuel Hocs, aus- gestellt von der UNO. (Foto: Akten des UNHCR Hongkong, Teil- bestand 3.2.3.2 /81581423, ITS Digital Archive, Bad Arolsen)

Geboren 1905 in Riga, Lettland führte Samuel Hocs Lebensweg zum Medizinstudium nach Basel. Seine erste Anstellung fand er im Hed- wig-Krankenhaus in Gelsenkirchen-Resse. Von den deutschen Faschisten rassistisch verfolgt, floh Dr. Hocs 1933 nach Italien, von dort 1939 weiter nach Shanghai. 1943 internierte die japa- nische Besatzungsmacht Samuel Hocs im Shanghaier Ghetto Hongkew.

Im August 1945 befreit, führte sein Lebensweg 1957 weiter über Hongkong, Singapur und Süd- afrika nach Sao Paulo, Brasilien, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Nach derzeitigem Pla- nungsstand wird im Mai 2019 ein Stolperstein für Samuel Hocs in Gelsenkirchen-Resse ver- legt. Initiiert wurden unsere Recherchen nach den Lebens- und Leidenswegen von Astrid Kramwinkel, die auch die Patenschaft für den Stolperstein übernimmt.


80 Jahre nach der so genannten „Polenaktion“ - ein fast vergessener Jahrestag 

Ausweisung Gelsenkirchener Juden

Zwischen dem 28. und 29. Oktober 1938 wur- den mehr als 17.000 Jüdinnen und Juden pol- nischer Staatsangehörigkeit aus dem faschis- tischen Deutschland abgeschoben. Sie wurden an die polnische Grenze verschleppt und muss- ten dort zunächst monatelang unter katastropha- len Umständen in Flüchtlingslagern ausharren. Es war die erste von den faschistischen Reichs- behörden koordinierte Aktion, durch die Jüdin- nen und Juden abgeschoben wurden. Unter den verschleppten Menschen befanden sich auch rund 80 Personen aus Gelsenkirchen.

Einigen wenigen wurde zunächst die Rückreise ins Reichsgebiet gestattet, um hier an der eige- nen Enteignung mitzuwirken. Anderen gelang die rettende Flucht ins Ausland oder sie durften zu Verwandten ins Landesinnere Polens weiter- reisen. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht gerieten sie hier in die Fänge der Besatzer. Viele von ihnen wurden in der Folgezeit in den Ghettos und Lagern ermordet. Die "Polenaktion" war die erste große und systematisch angelegte Mas- sendeportation, sie kann daher auch als "Auftakt zur Vernichtung" angesehen werden.


Sammelgrab Schalke-Nord: Sie haben die Heimat nie wieder gesehen 

Sammelgrabgrab in Schalke-Nord

In der unmittelbaren Nähe der "Glückauf-Kampf- bahn" befand sich viele Jahre ein Massengrab, in dem 56 italienische Zwangsarbeiter verscharrt wurden. In den Kriegsgräberlisten ist für diese Menschen, die vermutlich im Zwangsarbeiter-Lager Hubertusstraße eingesperrt waren, der gleiche Todestag angegeben: der 4. November 1944. Laut der Antwort des Instituts für Stadtge- schichte Gelsenkirchen (ISG) wurden die sterb- lichen Überreste der Italiener aus dem Lager Hubertusstraße, die vermutlich bei einem Bom- benangriff ums Leben kamen, 1958 exhumiert und auf die italienische Kriegsgräberstätte Ham- burg-Öjendorf umgebettet. In den Kriegsgräberlisten der Stadt Gelsenkirchen sind ihre Namen festge- halten, durch einen weiteren Hinweis von Daniel Schmidt (ISG) konnten in der Stadtchronik GE für das Jahr 1944 auch die Namen von weiteren 21 italienischen Zwangsarbeitern festgestellt werden, die am 4. November 1944 im Lager Küppersbuschstraße 18 ebenfalls durch Bombeneinwirkung starben. Mehr als 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gilt es, auch in Gelsenkirchen die hier zwangsarbei- tenden Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter vor dem völligen Vergessen zu bewahren.


Buchprojekt: Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen 

Stolperstein-Geschichten

Der Eckhaus-Verlag hat jüngst seine Projektseite "Stolperstein-Geschichten" online gestellt. Auf der informativen Internetpräsenz heißt es u.a.: "Nachdem das Buch „Stolperstein-Geschichten Weimar“ im Herbst 2016 fertiggestellt war, begann gleich die Arbeit an den „Stolperstein-Geschichten Aurich“. Die- ses Buch wurde im September 2018 der Öffentlichkeit präsentiert. Weitere Städte - darunter auch Gelsenkirchen - werden folgen, und hierfür brauchen wir weiterhin Ihre Unterstützung."

Die Stolpersteine erinnern an die Lebens- und Leidenswege von NS-Verfolg- ten Bürgerinnen und Bürger, die zwischen 1933-1945 in Gelsenkirchen gewohnt, bzw. hier ihren Le- bensmittelpunkt hatten. Nur wenige von ihnen haben Verfolgung, Arbeits- und Konzentrationslager überlebt. 198 Stolpersteine haben wir gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig in Gelsenkirchen be- reits verlegt, im Frühsommer nächsten Jahres folgen weitere der kleinen Denkmale.

Ulrich Völkel, Eckhaus Verlag (Hrsg.): "Helfen Sie mit, diese Buchreihe zu verwirklichen. Über 25 deut- sche Städte haben bereits Interesse bekundet, sich mit Lebensgeschichten zu den Stolpersteinen ihrer Stadt in unsere Buchreihe einzubringen. Der Eckhaus Verlag sieht sich also einer großen Aufgabe für die kommenden Jahre gegenüber. Unser Engagement bei der Herstellung der Bücher ist dabei ehren- amtlich. Deshalb sind wir jederzeit dankbar für Sponsoren, die sich mit der Finanzierung eines Klassen- satzes für die Schüler ihrer oder einer anderen Stadt engagieren. Auch einzelne Bücherspenden sind willkommen, diese fassen wir jeweils zu Sammel-Klassensätzen zusammen."

Zur Finanzierung des Buchprojektes "Stolperstein Geschichten Gelsenkirchen" ruft die Initiative "Stolper- steine Gelsenkirchen" zu Spenden auf. Auf Wunsch kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden. Die Bankverbindung lautet: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27. Verwendungszweck: "Buchprojekt"


Sammelgrab in Schalke-Nord 

Massengrab in Schalke-Nord

Bei Recherchen zu Opfern der Zwangsarbeit 1940-1945 in Gelsenkirchen stieß Lokalhistori- ker Andreas Jordan (Gelsenzentrum, Stolper- steine Gelsenkirchen) im Online-Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) auf einen Lageplan aus der direkten Nachkriegszeit. Darin verzeichnet: ein Sammelgrab für "56 Italiener" im Bereich der Hubertusstraße in Schalke-Nord.

Welches Ereignis dem Tod der in dem Sammel- grab verscharrten Toten vorausgegangen ist, direkte Kriegseinwirkung, ein Unglück oder ein Gewaltereignis, liegt derzeit noch im Dunkeln. Ebenso ist bisher nicht bekannt, ob es nach dem Krieg Umbettungen gegeben hat. Sollte das der Fall sein, stellt sich die Frage: Wo haben diese Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden? "Wir stehen mit unseren Recherchen zu diesem Sammelgrab am An- fang, entsprechende Anfragen an die Stadt haben wir gestellt, warten nun auf Antworten" sagt Jordan, und weiter "Sollte sich der Verdacht bestätigen, das sich an dieser Stelle ein "vergessenes" Sammel- grab befindet, muß alles getan werden, um die sterblichen Überreste der Menschen würdig zu behan- deln und möglichst den Toten ihre Namen wiederzugeben."

In der Nähe des Sammelgrabes waren während des zweiten Weltkrieges hunderte Zwangsarbeiter ver- schiedener Nationalitäten, darunter auch italienische Kriegsgefangene, in Lagern interniert. Eines der Zwangsarbeiterlager (Mannesmann Röhrenwerke, Abt. Grillo-Funke) befand sich an der Hubertusstras- se. Auch in der damaligen Schule an der Caubstrasse 25 waren 164 Italiener "untergebracht" (Dort- munder Union Brückenbau), das Werk Orange unterhielt ein Barackenlager am Stadthafen 81, dort waren 68 kriegsgefangene Italiener "untergebracht". Ob die 56 Toten mit diesen oder anderen Zwangs- arbeiterlagern in Verbindug stehen, muss jetzt geklärt werden.


Vor 74 Jahren: Der Tod fiel vom Himmel - Bomben auf Gelsenberg 

1944 starten die Alliierten ihre sogenannte 'Oil Offensive', die sich verstärkt gegen Betriebe der Kohlenchemie von Ruhröl, Ruhrchemie, Gelsenberg, Scholven, Hoesch, Krupp u.a. richtet, um die Wehrmacht von wichtige Schmier- und Treibstofflieferungen abzuschneiden.

Die damals 14-jährige Renee Klaristenfeld musste am 11. September 1944 einen der schwersten Bombenangriffe auf die Gelsenberg Benzin AG miterleben. In einem Transport von 2000 jüdischen Mädchen und Frauen, die in Auschwitz zur Zwangs- arbeit bestimmt und in Gelsenkirchen eingesetzt werden sollten, wurde Renee Klaristenfeld Anfang Juli 1944 nach Gelsenkirchen-Horst in ein Außen- lager des KZ Buchenwald verschleppt. In diesem Lager waren die weiblichen KZ-Häftlinge unter un- menschlichen Bedingungen in großen Zelten unter- gebracht. Das Lager, mit einem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben, befand sich auf einem Feld östlich des Werksgeländes der Gelsenberg Benzin AG, umweit des Güterbahnhofs der Zeche Hugo. "Nach einem anstrengenden Arbeitstag kehrten wir in das Lager zurück" erinnert sich Renee Klaris- tenfeld, "Es war ein wunderschön sonniger, warmer Spätsommertag. Unsere tägliche Mahlzeit, eine dünne Wassersuppe, wurde verteilt. Plötzlich hörte ich ein lautes Brummen. Verwundert blickte ich zum Himmel und sah hoch oben einige silbern glänzender Flugzeuge ihre Bahn ziehen. Sie flogen geordnet in einer Formation, die mich an eine Triangel erinnerte. Schön sahen sie aus, wie kleine Spielzeuge. Ich wusste doch nicht, dass diese Flugzeuge uns den Tod bringen. Nur Sekunden später fielen die ersten Bomben."

Renee Klaristenfeld berichtet weiter: "Als die ersten Bomben detonierten, gerieten wir völlig in Panik. Niemand wusste wohin, alles rannte durcheinander. Zischend und pfeifend fielen die Bomben, krachende Explosionen um uns herum. Die Erde bebte, dicker undurchdringlicher Qualm und Feuer überall – ein unbeschreibliches Inferno. Wir waren dem fürchterlichen Bombenhagel völlig schutzlos ausgesetzt. Als Jüdinnen durften wir nicht in die Bunker. Ich zwängte ich mich durch den Stacheldrahtzaun, der unser Lager umgab und rannte zu einem dieser kleinen Bunker, die wie große Hühnereier aussahen. Natürlich ließen die Deutschen mich nicht rein.

In meiner Todesangst rannte ich weiter zu den Gleisen und kroch schutzsuchend unter einen dort abge- stellten Zug. Von dort konnte ich über das freie Feld blicken und sah andere unschuldige Frauen um ihr Leben laufen. Eines der Mädchen kam angerannt und warf sich neben mich unter den Zug. Nach jeder Explosion war ich froh, noch am Leben zu sein. Als es dann endlich vorbei war, geschah etwas wirklich Außergewöhnliches. Es sah nach dem Angriff dort aus wie auf einem Schlachtfeld, schreckliche Bilder. Überall zerissene, zerfetzte Körper, abgetrennte Arme, Beine und Köpfe. Dazwischen schreiende, schwer- verletzte oder sterbende Frauen. Man stelle sich vor, da kamen Kranken- und Lastwagen angefahren, auch junge Deutsche mit Bahren eilten herbei. Wir Frauen halfen mit, unsere verwundeten Schwestern aufzu- laden. Sie wurden tatsächlich in Krankenhäuser gebracht und versorgt. Ich kann wirklich nicht viel Gutes aus der Zeit berichten, aber das war ein kleines Wunder."

Bei dem Bombenangriff am 11. September 1944 auf Gelsenberg kamen mehr als 150 der weiblichen KZ-Häftlinge ums Leben, mehr als 100 der Schwerverletzen wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Einige Tage nach dem Angriff wurde das Lager aufgelöst. Die noch im Lager verbleibenen Mädchen und Frauen wurden in das KZ-Außenlager Sömmerda verlegt. Halbwegs genesen, wurden die in Gelsenkir- chener Krankenhäusern verbliebenden Frauen in den nachfolgenden Wochen ebenfalls nach Sömmerda verbracht. Einige der Frauen, die als nicht transportfähig galten, wurden von der Gelsenkirchener Gestapo abgeholt und an unbekannten Orten erschossen. Siebzehn der bei dem Bombenangriff verletzten Frauen konnten mit Hilfe des Chefarztes Dr. Rudolf Bertram bis Kriegsende im Rotthauser Marienhospital dem Zugriff der Gestapo entzogen und so gerettet werden.

Auch die Besatzung von Lancaster ND875 (156 Squadron RAF Pathfinder Force Group 8 ) hat Details zum Angriff vom 11.9.1944 in einem Kurzbericht festgehalten.

In den Kriegstagebüchern des Allied Bomber Command der Royal Air Force ist minutiös festgehalten, wie die Bombardierung der Gelsenberg Benzin AG am 11. September 1944 abgelaufen ist. Die vorausflie- genden 13 Lancaster-Bomber, so genannnte "Pfadfinder", flogen in etwa 5-6000m Höhe an das Zielgebiet in Gelsenkirchen-Horst heran und warfen um 18.27 Uhr erste Markierungsbomben ab. Über dem Zielge- biet kreiste während des Bombenangriffs der so genannte "Master-Bomber" und gab über Sprechfunk den Besatzungen der nachfolgenden Hauptbomberflotte Anweisungen zum Abwurf ihrer Bombenlast. 154 Lan- caster-Bomber warfen an diesem Tag innerhalb einer Stunde rund 900 Tonnen Bomben über Gelsenkir- chen-Horst und die nähere Umgebung ab.


Stolpersteine sollen an Familie Sondermann erinnern 

Stolpersteine für Familie Ernst Sondermann in Gelsenkirchen

Ein glücklicher Umstand sicherte ihre Flucht in die USA und rettete ihr so das Leben. Aus den Erinnerungen von Liese Spiegl, geborene Son- dermann: "Am 26. September 1941 schrieb mir meine Mutter einen Brief, in dem sie mitteilte, dass sie auf eine lange Reise gehen müssten. Alle Briefe wurden zensiert, so konnte sie nicht schreiben, was dort vor sich ging. Sie schrieb, dass sie wohl bald mit Hans zusammen sein würden. Hans war mein verstorbener Bruder. Dann schrieben auch noch andere Leute, meine Mutter und mein Vater schrieben, Freunde schrieben, dass sie alle bald auf eine große Rei- se gehen würden. Sie alle wurden deportiert."

Für die wenigsten der Deportierten gab es eine Wiederkehr. Ernst, Martha, Kurt und Frieda Sondermann wurden am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Die kleine Frieda Sondermann verhungerte im Ghet-to Riga. Auch die Eltern wurden in Riga ermordet. Ernst Sondermann wurde im KZ Kaiserwald bei einer der so genannten "Aktionen" des SS-Lagerarztes Dr. Krebsbach ermordet. Martha Sondermann wurde bei Auflösung des Ghettos Riga im November 1943 ermordet. Kurt Sondermann überstand den Lei- densweg durch die Lager und Ghettos, er erlebte seine Befreiung am 8. Mai 1945.

Auch für Familie Sondermann werden Stolperstein-Paten gesucht, die mit ihren Spenden die Finanzie- rung der kleinen Mahnmale übernehmen. Mehr erfahren: Familie Ernst Sondermann


Abschied vom Bergbau: Am Schwarzen Gold klebt auch Blut 

Stolperstein erinnert vor der Zeche Nordstern an Charles Ganty

Die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt 2018, so wird in vielen Medien derzeit von der Geschichte des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet erzählt. Eines haben die Publikationen und Berichte ge- meinsam, ein für manche unangenehmes, aber bedeutsames Kapitel wird zumeist kollektiv ver- schwiegen: die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau in den Jahren 1940-1945.

Im Jahr 1944 haben in der Spitze allein rund 120.000 sowjetische Kriegsgefangene und so genannte "Ostarbeiter" im Ruhrbergbau teils unter schlimmsten Bedingungen für das Nazi-Regime schuften müssen.

Das blieb bis Kriegsende nahezu unverändert. Ohne das Heer der Zwangsarbeitenden wäre der Steinkohle-Bergbau an der Ruhr zwischen 1940-1945 wohl fast zum Erliegen gekommen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der im Bergbau eingesetzten „Arbeitssklaven“ waren von Beginn an beson- ders schlecht. Die ideologische Verachtung der Faschisten gegenüber den in ihren Augen „slawischen Untermenschen“ zeigte sich u.a. auch in einer völlig unzureichenden Verpflegung, Unterbringung und oftmals fehlender medizinischen Versorgung der zwangsrekrutierten Menschen.

Diese barbarische Vorgehensweise brachte naturgemäß auch eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Zwangsarbeitern mit sich, ein großer Teil der Menschen kam in den Unterkünften, Lagern und Schäch- ten ums Leben. Wachmannschaften und Gestapo taten Ihr übriges, willkürliche Erschießungen sind überliefert. Auch Berichte über Misshandlungen mit Todesfolge an den sowjetischen Arbeitskräften finden sich im Ruhrbergbau für die Zeit zwischen 1940-1945 häufig. Vielfach nutzten deutsche Beleg- schaftsmitglieder ihre große Machtfülle zu willkürlichem Prügeln der Zwangsarbeitenden aus.

Darüber hinaus gab es vielfältige Formen von Schikanierungen und Diskriminierungen im Zechenbe- trieb, von denen das "Nackt-Anfahren-Lassen" der "Russen" bei Minusgraden eine besonders ernie- rigende Form darstellte. Allein für den ehemaligen Zechenstandort Gelsenkirchen lassen sich min- destens 3.500 Tote Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene im Steinkohlebergbau, in den Unterkünften und Lagern für die Zwangsarbeiter an den jeweiligen Schachtstandorten feststellen. Die wenigsten die- ser entrechtenden Menschen haben dabei durch alliierte Bombenangriffe – denen sie schutzlos ausge- setzt waren – ihr Leben verloren, sondern durch Hunger, Gewalt, Krankheit und Entkräftung.

Auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet und hätte grade im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Selbstvergessenes Schweigen ist gänzlich fehl am Platz.

Stolperstein erinnert vor der Zeche Nordstern an Charles Ganty

Abb.: Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Nicholai Panfilow, geb. am 18.08.1920, Kursk, Erkennungsmarke 2012. Er muss- te im Arbeitskommando der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst Zwangsarbeit leisten, bei einem Bombenangriff am 23.November 1944 kam Panfilow zu Tode. Er wurden am 25. November 1944 auf dem Horster Südfried bestattet. Grablage Nicholai Panfilow lt. Belegungs- plan: Feld 3, Reihe 11, Grab 689. Nicholai Panfilow wurde anonym begraben, sein Name verbirgt sich hinter der Zahl "884" - zu lesen auf einem Gedenkstein in kyrilischer Sprache. Das ist die Anzahl der an diesem Ort namenlos begrabenen russischen Zwangsarbeiter. (Quelle Personalkarte: OBD Memorial)


Endphasenverbrechen: Nur wenige Tage fehlten zur Freiheit 

Dienstmarke der Gestapo

Auch in Gelsenkirchen gab es in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende zahl- reiche Endphasenverbrechen, die sich vornehm- lich gegen Zwangsarbeitende richteten. An End- phasenverbrechen waren alle NS-Täterforma- tionen beteiligt: NSDAP-Funktionäre, Wehr- macht, Volkssturm, SS, Hitlerjugend und auch Zivilisten. Geheime Staatspolizei und Kriminal- polizei traten dabei jedoch mit besonderer Bruta- lität und Vernichtungswillen in Erscheinung. Noch am 28. März 1945, zwei Tage bevor US-Soldaten im Norden das Stadtgebiet Gelsenkir- chens erreichten, erschossen Beamte der Ges- tapo Buer elf Zwangsarbeiterinnen und Zwangs- arbeiter im Westerholter Wald.

Neben KZ-Gefangenen bildeten ausländische Zwangsarbeitende eine weitere große Gruppe, gegen die sich die Gewalt der letzten Kriegsmonate ungebremst entludt. Sie galten als besonders gefährlich, als "Feind im Innern". Schon allein ihre große Zahl schürt bei den Deutschen Sorge, dass sie beim Heranrücken der alliierten Truppen nicht mehr zu kontrollieren sein werden: Millionen "ausländische Arbeitskräfte", so die damalige NS-Bezeichnung, mussten auf dem Gebiet des "Deutschen Reichs" u.a. für die Kriegswirtschaft schuften. Alle ausländischen Arbeitskräfte wurden durch einen rassistisch-büro- kratischen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, Polizei und SS streng überwacht. Kleinste "Vergehen" von Zwangsarbeitern hatten zumeist den Tod zur Folge.

Ausländische Zwangsarbeiter wurden grade in der Endphase des Krieges als Bedrohung angesehen, insbesondere von den Polizeibehörden. "Das Prinzip der Gefahrenabwehr durch Abschreckung mittels einer Verschärfung und Brutalisierung der Maßnahmen wurde in der Kriegsendphase zum handlungs- leitenden Standard der Polizeiarbeit gegenüber den Ausländern." Es kommt zu zahlreichen Gewaltex- zessen an KZ-Gefangenen und Zwangsarbeitern, aber auch an den eigenen "Volksgenossen", an deut- schen Soldaten und Zivilisten, die nicht mehr an den propagierten "Endsieg" glauben wollen.

Die Verbrechen "an Gefängnisinsassen und ausländischen Zwangsarbeitern durch die Gestapo repli- zierten die Mordmethoden der Einsatzgruppen und Polizeibataillone im Osten – nunmehr allerdings im Reich selbst". Sie spielt sich nicht mehr fernab des täglichen Lebens der meisten Deutschen ab - nicht an weit entfernten Frontlinien oder hinter den Zäunen und Mauern der Konzentrations- und Vernich- tungslager -, sondern mitten im Kerngebiet des Deutschen Reiches, vor der "Haustür der Gesellschaft".

Gelsenkirchen: Stolperschwelle soll an vieltausendfach erlittenes Leid und Unrecht erinnern

In diesem Kontext steht die geplante Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium Gelsen- kirchen-Buer. Dort befand sich neben dem Dienstsitz von Gestapo (Außenstelle Buer) und der Kriminal- polizei auch das Polizeigefängnis Buer, von dort begann für zahlreiche Menschen der Weg in den Tod. Die Stolperschwelle wird symbolhaft im Gedenken an mehr als 40.000 Männer, Frauen und Kinder aus West- und Osteuropa verlegt, die in Gelsenkirchen zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegs- gefangene zur Ableistung von Zwangsarbeit in der Deutschen Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind. Mehr als 3.500 Zwangsarbeitende starben in Gelsenkirchen zwischen 1940-1945 durch "Arbeitsunfälle", Mißhandlungen, gezielte Tötun- gen, hinzu kamen Sterbefälle durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung.


Lynchjustiz an Bomberpilot: "Der soll nicht lebend ankommen"  

Avro Lancaster lost over Gelsenkirchen, hit by Flak

Lynchjustiz durch NS-Funktionsträger oder ein- zelne Volksgenossen an abgestürzten bzw. ab- geschossenen Besatzungen alliierter Bomber war in Nazi-Deutschland in den letzten beiden Kriegsjahren weit verbreitet, so auch in Gelsen- kirchen. Kurz vor dem Ende des Zweiten Welt- krieges überlebte ein Pilot den Abschuss seines Flugzeuges über Gelsenkirchen, wurde jedoch anschließend Opfer brutaler Misshandlungen durch NS-Schergen.

Am 27. Februar 1945 stürzte gegen 14:30 Uhr über Gelsenkirchen ein englischer Lancaster-Bomber nach Flakbeschuss ab. Laut der Aus- sage des Zeugen Heinrich Langer im Jahr 1946: "(...) auf dem Zechengelände der Zeche Ewald 3/4 Buer Resse, Nord-Östlich der Bahngleise, nahe bei den beiden Wasserkühlern. (...)." Der Pilot, der mit dem Fallschirm abgesprungen war, wurde festge- nommen und sollte dem Fliegerhorst Buer zugeführt werden. Laut der Aussage des Zeugen Albert Meier soll es sich um den Piloten gehandelt haben. Es wurde ganz im Sinne des so genannten "Flie- gerbefehls" Albert Hoffmanns befohlen, den Festgenommenen nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß zum Fliegerhorst Buer zu bringen, damit "er dort nicht lebend ankommt". So wurde der Flieger durch die Straßen Richtung Fliegerhorst Buer geprügelt, kurz darauf starb dieser an den Folgen der erlittenen brutalen Misshandlungen.

Die Indentität des Piloten konnte erst viele Jahrzehnte nach dem Prozess geklärt werden, es handelt sich um den 22jährigen Flight Lieutenant (F/L) Norman Coatner Cowley, Angehöriger der Royal Air Force (RAF), 186 Squadron. Cowley stammt aus Boston ( Lincolnshire) an der Ostküste Englands. Nun werden zunächst Angehörige gesucht, denn schon bald soll in Gelsenkirchen ein Stolperstein an Norman Coatner Cowley erinnern. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de


Bomber pilot victim of lynch law: „he will not arrive alive“  

Avro Lancaster lost over Gelsenkirchen, hit by Flak

During the last two years of World War II lynch law practised by NS officials or some individual „Volksge- nossen“ (fellow citizens following the Nazi regime) against shot-down or crashed allied pilots was quite common in Nazi-Germany, also in Gelsenkirchen. Shortly before the end of World War II a pilot having survived the shooting down of his aircraft above the city of Gelsenkirchen, be- came a victim of lethal battering by NS henchmen.

On 27th February, 1945 against 2.30 h p.m. a British Lancaster bomberpilot got under heavy Flak fire and was finally shot down. According to Heinrich Langer who witnessed the scene on the premises of the coal pit EWALD 3/4 in Gelsenkirchen-Buer-Resse, north-easterly of the traintracks adjacent to the two water coolers gave evidence in 1946:“ The pilot who para- chuted down was seized and was supposed to be delivered to the airbase of Buer. According to the witness Albert Meier it was the pilot himself who got caught. Strictly according to the command („Fliegerbefehl“) of Albert Hoffmann it was ordered NOT to take the arrestee to the airbase by car but he should walk on foot „so that he will not arrive there alive“. So the airman was chased and beaten through the streets in the direction of the airbase, and succumbed to his injuries shortly after.

LOOKING FOR NEXT OF KIN/RELATIVES

It took many decades following the process to find the final proof of identity of the victim: Mr. Flight Lieutenant (F/L) NORMAN COATNER COWLEY, member of the Royal Air Force (RAF), 186 Squadron. Cowley originates from Boston (Lincolnshire) at the East coast of England. Now we are seeking relatives, as in due course a so-called „Stolperstein“ (stone of remembrance) will be installed in Gelsenkirchen in memory of Norman Coatner Cowley. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de


Nachruf auf Lore Buchheim  

Nachruf auf Lore Buchheim

Hannelore 'Lore' Grünberg, verheiratete Buch- heim, geboren am 9. März 1925 in Gelsenkir- chen, war die ältere von zwei Töchtern des Ehe- paars Grüneberg. Ihr Vater, der Metzgermeister Paul Grüneberg erkannte trotz antisemitischer Verfolgung in den 1930er Jahren kurz nach der Machtübergabe nicht die dringende Notwendig- keit, Deutschland möglichst bald zu verlassen. Auch eine Gelegenheit für eine Flucht der Töch- ter aus Nazi-Deutschland nutzte die Familie nicht. Paul Grüneberg kämpfte um seine Rech- te, erlebte dabei jedoch die stetige Verschärfung der Diskriminierungen, Verfolgung und Ausgren- zung jüdischer Menschen. Der Familie Grüne- berg wurde - staatlich legitimiert - das Geschäft geraubt ("Arisierung"), 1941 musste die Familie in ein so genanntes "Judenhaus" an der Schal- ker Strasse 49 ziehen.

Mit dem größeren Teil der Gelsenkirchener Ju- den wurde auch die vierköpfige Familie Grüne- berg am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Die Familie überlebte das Ghetto, wurde vor der heranrückenden Roten Armee von den Nazis in das KZ Stutthof verschleppt. In Stutthof wurden Paul Grüneberg, seine Frau Helene und Tochter Hella ermordet. Als einzige ihrer Familie, die bereits beim Abtransport von Riga getrennt worden war, überlebte Hannelore Grüneberg auch das KZ Stutthof.

Hannelore Grüneberg wurde von der Roten Armee am 9. März 1945 bei einem der berüchtigten Todes- märsche befreit. Danach kehrte sie im Juli 1945 für einige Monate nach Gelsenkirchen zurück. Von dort zog sie im Dezember 1946 nach Hamburg, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu absolvieren. Schließlich wollte sie aber doch nicht mehr in Deutschland bleiben, wo ihre Familie verfolgt worden war und wo sie keine Verwandten mehr hatte. 1948 wanderte sie zu Verwandten nach Bolivien aus. Nach einem Aufenthalt in Chile, der Rückkehr nach Bolivien und der Heirat in Bolivien ging sie 1953 in die USA, wo sie eine eigene Bäckerei mit zwei Geschäften aufbaute. Das Ehepaar Buchheim hatte zwei Töchter, Hella Buchheim-Block und Paulette Buchheim. Nach dem Tod ihres Mannes Fred lebte Lore Buchheim in Boca Raton, Florida/USA, wo sie am 20. April 2017 im Alter von 92 Jahren starb.

An Lore Buchheims Eltern Paul und Helene und ihre Schwester Hella erinnern seit 2010 vor dem Haus Hauptstraße 16 in Gelsenkirchen drei Stolpersteine. Nun soll im Rahmen einer Nachverlegung ein Stol- perstein für Lore Buchheim hinzukommen - dafür wird zur Finanzierung ein(e) Pate/Patin gesucht. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de


Stolpersteine: Vergangenheit wird mit Gegenwart konfrontiert 

An vier weiteren Orten wird in Gelsenkirchen seit gestern Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert. Bildhauer Gunter Demnig verlegte am Mittwoch (23.5.) im Rahmen seines europaweiten Erinnerungs- projektes Stolpersteine zwölf weitere der kleinen Denkmale im Stadtgebiet. Damit wächst die die Anzahl der im öffentlichen Raum Gelsenkirchens verlegten Stolpersteine auf 198 an. Weitere sollen nach den Plänen der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative im nächsten Jahr folgen.

Ein Stolperstein erinnert in Gelsenkirchen-Horst nun an Lothar Keiner

In der Regel werden die Stolpersteine vor dem letzten, selbstgewählten Wohnort der von den Nazis zwischen 1933-1945 verfolgten und in den allermeisten Fällen ermordeten Menschen ver- legt. Das Haus an der Koststraße 13, in dem Lothar Keiner zuletzt wohnte, existiert jedoch nicht mehr. Einge Meter weiter, vor einem Ver- waltungsgebäude der BP Gelsenkirchen GmbH (Im NS Hydrierwerk der Gelsenberg Bezin AG) hat der Stolperstein für Lothar Keiner seinen Platz gefunden. Im Gelsenkirchen ist es nach den Stolpersteinen zur Würdigung und Erinne- rung von Arthur Herrmann (Verlegung 2012) und Ernst Papies (2015) und Josef Wesener (2016) der vierte Stein für einen Menschen, der als homo- sexueller Mann stigmatisiert wurde. Lothar Keiner wurde am 27. November 1942 im KZ Neuengamme bei Hamburg ermordet.

Die zweite Station an diesem denkwürdigen Tag führte die Initiatoren zum Heinrichplatz 1. Hier lebte die Familie Siegfried Rosenbaum. Selma Rosenbaum starb nach langer schwerer Krankheit 1941 im Gelsen- kirchener Marienhospital, ihre Mutter Esther Lippers, die ebenfalls in dem Haus wohnte, wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet. Siegfried und seine beiden Kinder Ilse und Werner wurden in das Ghetto Warschau deportiert, danach verlieren sich ihre Lebensspuren.

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Bulmke nun an Familie Siegfried Rosenbaum und Esther Lippers

Die Patenschaften für diese Stolpersteine hat Klaus Brandt übernommen. Er war es auch, der uns auf die Menschen aufmerksam gemacht hat, die aus dem Haus Heinrichplatz 1 in Bulmke von deutschen Faschisten in den Tod verschleppt wurden. Die Kulturwissenschaftlerin Dora Os- borne über Gunter Demnigs Kunstprojekt gegen das Vergessen: "Die Verlegung der Stolperstei- ne ist ein Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die zumeist nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen."

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Resse nun an das Ehepaar Otto und Paula Lieber

In Resse wurden an der Ewaldstraße 29 zwei Stolpersteine im Gedenken an das von dort vertreibene Ehepaar Otto und Paula Lieber verlegt. Das Ehepaar gehörte ebenfalls zu den "Ver- schwundenen" - Menschen, die während der Herrschaft des NS-Gewaltregimes plötzlich von einem auf dem anderen Tag aus dem nachbar- schaftlichen Umfeld verschwanden. Liebers konnten ihr nacktes Leben retten, ihnen gelang die rechtzeitige Flucht nach England. Auch an diesem Ort sorgten die begleitenden Polizeibe- amten für einen ungestörten Ablauf.

Gleich fünfzehn Nachfahren der Familie Löwenstein waren aus den USA, Niederlanden und München angereist, um in Gelsenkirchen-Buer an der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Vorfahren teilzuneh- men. Dichtgedrängt standen die Menschen auf dem Bürgersteig vor dem Haus Horster Straße 17, das einst dem Kaufmann David Löwenstein gehörte, bevor ein Arisierungsgewinnler 1939 neuer "Eigentü- mer" wurde. Am Seitenflügel des Hauses in der Maloestraße prangt an den Fenstern noch sein Nach- nahme. Hatten die Eltern Löwenstein zunächst nur die beiden Söhne in das rettende Ausland schicken können, folgten sie jedoch 1941 - buchstäblich in allerletzter Minute.

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Buer nun an Familie David Löwenstein

Vor dem Eingang des Hauses erinnern nunmehr vier Stolpersteine an Verfolgung und Vertreibung der Familie Löwenstein. "Für uns hat dieser Tag eine große Bedeutung, wir feiern heute letztlich unser Leben." sagte Miriam Zimmermann, Toch- ter von Dr. Werner Löwenstein, und weiter: "Ge- meinsam mit meinem Vater habe ich Gelsenkir- chen in der Vergangenheit besucht, Vater begab sich mit mir auf Spurensuche, zeigte mir Orte seiner Kindheit und Jugend. Wir standen eben- falls vor diesem Haus, Vater hat sich jedoch ge- weigert, es jemals wieder zu betreten".

Stolpersteine erinnern in  Gelsenkirchen-Buer an Familie David Löwenstein

Ihren Abschluß fand die Verlegung auch in Buer an der Horster Straße mit jüdischen Gebeten. Der aus- gebildete Opernsänger und freie Kantor Juri Zemski sang das El male Rachamim. Ein Kaddisch, das Gebet zum Totengedenken, wurde von den Nachfahren der Familie Löwenstein gesprochen.

Alle am Projekt "Stolpersteine" direkt oder indirekt Beteiligten tragen ihren Teil dazu bei, der Erinnerung an Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind, den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der Gesellschaft. Die Projektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" des gemein- nützigen Vereins Gelsenzentrum bedankt sich auch auf diesem Wege bei diesen Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen unterstützt und damit erst möglich gemacht haben.


Todesmarsch von Gelsenkirchen-Buer - Initiative plant Stolperschwelle 

Stolperschwelle soll an ermordete Zwangsarbeiter erinnern

Abb.: Blumen erinnern am damaligen Tatort an die vor 73 Jahren ermordeten Menschen. Am Sonntag fand ein Gedenkgang auf den Spuren ermordeter Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen-Buer statt. Der Todesmarsch führte 1945 vom Polizeipräsidium Buer über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald.

Die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative will die Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium in Buer durch Bildhauer Gunter Demnig in die Wege leiten. Von dort wurden am Karfreitag 1945 wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Gelsenkirchen-Buer 25 russi- sche Mädchen und Männern im Alter von 19 bis 25 Jahren in den frühen Morgenstunden von Gestapo und Kripo aus dem Polizeigefängnis Buer geholt, barfuß über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald getrieben und dort durch Genickschuß ermordet. Da die Kosten für eine Stolperschwelle um ein vielfaches höher sind als für einen Stolperstein, bitten wir um Spenden auf das Konto Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort "Stolperschwelle".


Stolperstein-Geschichten: Buchprojekt sucht Sponsoren - Gastbeiträge willkommen 

Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen

Abb.: Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“.

Die Arbeit am Buchprojekt hat Fahrt aufgenom- men. Der Weimarer Eckhaus-Verlag druckt in einer Editionsreihe regional Biografien von NS-Opfern vor allem für den Schulgebrauch. Das Gelsenkirchener Stolperstein-Buch soll im näch- sten Jahr erscheinen. Zur Finanzierung des Pro- jektes rufen wir zu Spenden auf. Auf Wunsch kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden. Die Bankverbindung lautet: Stolper- steine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27. Als Verwendungszweck bitte angeben: "Buchprojekt". Mehr erfahren

Gastbeiträge willkommen

Das Buchprojekt bietet auch Stolperstein-Paten die Gelegenheit, einen Text bzw. Beitrag im Rahmen der übernommen Patenschaft zu verfassen. Sen- den sie ihren Beitrag per Mail bis zum 15. Juli 2018: Andreas Jordan (Projektleitung Stolpersteine Gel- senkirchen) (info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de) Aus den eingesandten Texten wird eine Auswahl von Beiträgen getroffen, die dann im Buch erscheinen.

Der Eckhaus-Verlag teilt uns jüngst mit: „Es ist vorgesehen“, schreibt der OB, der unser Vorhaben aus- drücklich begrüßt, „die Bücher in die Präsenzbibliothek der Dokumentationsstelle Gelsenkirchen im Nationalsozialismus aufzunehmen.“ Der Förderverein für Stadt- und Verwaltungsgeschichte hat bereits 90 Exemplare geordert, lässt uns Herr Baranowski wissen.


UPDATE: Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (II)  

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.: Heute steht diese Vitrine aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Gelsenkirchen in einer Wohnung in Braunschweig.

Anneliese Scheibner geb. Schott ist heute 91 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen lebte sie mit ihrem Vater, dem Gesenkschmiedemeister Emil Schott und ihrer Mutter 1939/40 rund ein Jahr an der Bergmannstraße 43. In dem Haus lebten zu dieser Zeit zwei jüdische Familien, beiden stand der Zwangsumzug in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens bevor, in diesem Fall in das Nebenhaus Bergmannstr. 41. Eine dieser somit freiwerdenden Wohnungen bezog Emil Schott im März 1939 mit Frau und Tochter.

In der Familie Schott/Scheibner wurde jahrzehn- telang folgende Schilderung überliefert: "Emil Schott war allein bei der Wohnungsübergabe und hatte dabei mit der jüdischen Familie ge- sprochen und dabei auch einige Möbelstücke der Familie 'abgekauft': einen großen Schrank, eine Vitrine und einen Tisch mit 6 Stühlen. Es gibt nur noch die Vitrine und die hat heute ein Familienmitglied in seinem Haus. Die Juden seien dann später einfach "ausgreist". So habe es ihre Mutter immer erzählt, schildert Uta Mey- höfer, die Tochter von Anneliese Scheibner.

Zunächst wollten sie anonym bleiben, nun ha- ben sich Mutter und Tochter dazu entschlossen, dass ihre Familienamen veröffentlicht werden sollen. Auch ein → Brief, den Anneliese Scheibner im Februar diesen Jahres an uns gerichtet hat, soll nun- mehr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb, damit Licht in die dunkle Familienvergangenheit kommt und großes Unrecht nicht dem Vergessen anheim fällt.

Wie bereits im ersten → Artikel geschildert, sollen bald Stolpersteine für die beiden jüdischen Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus Bergmannstraße 43 verlegt werden. Die Paten- schaft für vier Stolpersteine hat Uta Meyhöfer übernommen.


Stolpersteinverlegung 2018: Denkanstöße für den Alltag 

Stolpersteine Gelsenkirchen: Verlegung weiterer Stolpersteine am 23. Mai 2018

Abb.: Diese Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen seit 2012 vor dem Haus Kirchstrasse 65 an Familie Benjamin Spiegel

Mit Gunter Demnigs Stolpersteinen, die am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern der Nazidiktatur verlegt werden – und das sind bei weitem nicht nur jüdische Mitbürger, sondern auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, kritische Christen, Zeugen Jeho- vas und Personen mit psychischen oder physi- schen Erkrankungen – gedenken wir dauerhaft Menschen, die früher hier gelebt haben und wegen ihren Auffassungen, ihren Neigungen, Veranlagungen und Erkrankungen verfolgt, gequält und getötet wurden. Einbezogen werden dabei auch Menschen, denen die Flucht gelang und jene, die als letzte autonome Handlung ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Die kleinen Denkmale sollen nicht zuletzt auch darauf aufmerksam machen, wozu Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Dehumanisierung letztendlich führen können.

Zur Teilnahme an den Verlegungen am 23. Mai 2018 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 4 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 12 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen:

Stolperstein → Lothar Keiner 9.00 Uhr, Koststraße 13

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Siegfried Rosenbaum 9.30 Uhr, Heinrichplatz 1

Stolperstein → Esther Lippers 9.30 Uhr, Heinrichplatz 1

Stolperstein Stolperstein → Ehepaar Otto u. Paula Lieber 10.00 Uhr, Ewaldstraße 29

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie David Löwenstein 10.30 Uhr, Horster Straße 17

Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf der Verlegeaktionen Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den genannten Uhrzeiten ein.


Kurt Rosendahl - Zeitzeugenbericht in der AHS 

Der Zeitzeuge und Holocaustüberlebende aus Gelsenkirchen berichtet in einer Schulklasse* über seine Deportation ins Ghetto nach Riga. Kurt Rosendahl Jahrgang 1928 kam kurze Zeit später ins Lager Kai- serwald bei Riga. Nach dessen Schließung wurde der jüdische Teenager dann über Stutthof (Bei Dan- zig) in das KZ Buchenwald (bei Weimar) und dort in das berüchtigte "Kleine Lager" verbracht. Es war als der "Sterbeort" bekannt denn dort waren primär die Kranken und Sterbenden einquartiert. Bei der Be- freiung durch die US Armee unter General George S. Patton war Rosendahl 16 Jahre alt. Heute lebt Kurt Rosendahl in Karlsruhe. * Der Zeitzeugenbericht wurde 03/2017 in der G9 der Aloys-Henhöfer-Schule in Pfinztal (Kleinsteinbach) aufgenommen.


"Ich lebe auf geborgte Zeit" - Zum Tod von Israel Yaoz 

Israel Yaoz, geboren als Isarel Häusler 1928 in Gelsenkirchen, starb am 16. März 2018 in Israel

Abb.: Israel Yaoz (früher Häusler), 1928 in Gelsenkirchen gebo- ren, starb am 16. März 2018 in seiner Wahlheimat Israel

Als Israel Häusler am 14. November 1928 in Gelsenkirchen geboren, war er der einzige Überlebende seiner Familie. Vater Markus, Mutter Sima und die Geschwister Recha, Esther, Meier und Mali und weitere Angehörige wurden von den Nazis ermordet. Am 15. April 1945 wurde er von britischen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. In Israel baute er sich dann ein neues Leben auf, gründete eine Fa- milie. 2001 besuchte er letztmals seine Geburts- stadt Gelsenkirchen. Gemeinsam mit ihm haben wir in den letzten zwei Jahren die Verlegung von Stolpersteinen für seine ermordeten Angehöri- gen in Gelsenkirchen geplant. Wir werden seine Botschaft weitertragen und ihre Namen dorthin zurückbringen, wo diese von den Nazis ermor- deten Menschen einst gelebt haben - vor die Türen ihrer Häuser.

Ein außergewöhnlicher Brückenbauer - Nachruf auf Israel Yaoz

An die Brüder Sacher und Markus Häusler und deren Familien sollen schon seit längerem insgesamt 14 Stolpersteine verlegt werden. Eine erste Patenschaft für Israel Yaoz (Früher Israel Häusler) ist jetzt übernommen worden. Zur Finanzierung der übrigen Stolpersteine rufen wir zu Spenden auf. (Verwen- dungszweck: Stolpersteine Häusler) Auf Wunsch stellen wir eine Spendenbescheinigung aus. Unsere Bankverbindung und weitere Infos zur Übernahme von Patenschaften finden sie → hier.


Vor 75 Jahren: Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz 

Virtuelle Gedenktafel erinnert an Gelsenkirchener Sinti und Roma

Abb.: Virtuelle Gedenktafel erinnert an Gelsenkirchener Sinti und Roma

Porajmos, so wird der Völkermord der Nazis an Sinti und Roma genannt. Am 9. März jährt sich zum 75. Mal die Deportation der Gelsenkirche- ner Sinti und Roma 1943 in das Konzentra- tions- und Vernichtunglager Auschwitz.

83 Verfolgte jeden Alters wurden von Gelsen- kirchen nach Auschwitz verschleppt, nur drei von ihnen erlebten ihre Befreiung. Ein öffent- liches Erinnerungszeichen für deportierte und ermordete Sinti sucht man in Gelsenkirchen (noch immer) vergeblich. Anlässlich des 75. Jahrestages der Verschleppung Gelsenkirche- ner Sinti nach Auschwitz haben wir eine virtuelle Gedenktafel online gestellt. Nichts und niemand ist vergessen. Gedenktafel lesen: "Eure Leiden, Euer Schmerz sind die Narben im Fleisch der Welt"


Wanderausstellung: "Warum schreibst du mir nicht" 

Wolfgang und Thea

Abb.: Wolfgang und Thea

Die niederländisch-deutsche Wanderausstellung "Warum schreibst Du mir nicht" beschäftigt sich mit dem Leben von fünf Menschen in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Einer davon ist Wolfgang Maas aus Gelsenkirchen.

Der jüdische Junge Wolfgang Maas und seine Familie leben in Gelsenkirchen, Deutschland. Wolfgang ist 16 Jahre alt, als er 1936 aus Nazi-Deutschland flüchtet. Er landet in den Nieder- landen, in Winterswijk, wo er durch die Jüdische Gemeinde aufgefangen wird und eine Ausbil- dung machen kann. Wolfgang verliebt sich heftig in Thea Windmuller. Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Jetzt brechen auch in den Niederlanden schwere Zeiten für die Juden an. Wolfgang und Thea tauchen unter, fern von- einander. Von diesem Zeitpunkt an besteht ihr Leben nur noch aus der letzlich erfolglosen Flucht vor den Nazis. Beide werden in das Ver- nichtungslager Auschwitz verschleppt. Thea wird am 28. Januar in Auschwitz 1944 vergast, Wolfgangs "Entlassung" aus der Krankenba- racke von Auschwitz-Monowitz/Buna, doku- mentiert von der Bürokratie einer monströsen Mordmaschinerie ist seine letzte Lebensspur. Die Verlegung von Stolpersteinen im Gedenken an Wolfgang Maas und seine Familie am letzten selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen ist in Planung. Mehr erfahren: Die Geschichte von Wolfgang Maas und Thea Windmuller


Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (I) 

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.: Heute steht diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigen- tum in einer Wohnung in Braunschweig.

Der Anruf aus Hamburg kam eines Morgens im Januar. Es gehe um eine sich noch heute im Familienbesitz befindliche alte Vitrine, die ur- sprünglich aus Gelsenkirchen stammt. Der An- ruferin fiel es nicht leicht, den Einstieg in das Gespräch zu finden. Deutlich war aus ihrer Stim- me herauszuhören, das sie emotional sehr auf- gewühlt war.

Ihr Opa, von Beruf Gesenkschmiedemeister, sollte 1939 in Gelsenkirchen eine neue Arbeits- stelle antreten und war zunächst allein nach Gelsenkirchen gereist, um eine Wohnung für die Familie vorzubereiten. Die Wohnung, die er dann fand, wurde noch von einer jüdischen Familie bewohnt, die jedoch "im Auszug" begrif- fen war. So kaufte der Opa nach seiner Darstel- lung bei der Wohnungsübergabe der Familie einige Möbelstücke ab, darunter einen großen Schrank, ein Tisch mit sechs Stühlen und eben diese Vitrine. Den aus ihren Wohnungen vertrie- benen Menschen war bekannt, das sie fortan unter beengten Verhältnissen leben müssen und das sie daher einen Teil ihrer Einrichtung nicht mitnehmen können.

In der Familie der Anruferin war bekannt, das diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum stammt. Die Anruferin beschrieb es so: "Nach den Erzählungen meiner Mutter hörte es sich über die Jahrzehnte immer so an, als ob die jüdische Familie einfach ausgereist sei und das bis zum heutigen Tag. Meine 91-jährige Mutter, deren Kopf sehr klar ist, sagte mir heute, dass sie die Hausnummer nicht mehr weiß, dass es aber wohl die Bergmannstrasse gewesen sei. Sie konnte ihr Zuhause leicht zu Fuß von der Rhein-Elbe-Schule aus, die sie zu dieser Zeit besuchte erreichen und man konnte von der Wohnung aus sehr schön auf den Fußballplatz des Vereins Gelsenguß schauen. Es war das Jahr, indem Schalke Meister oder so wurde und das Jahr des Anfang des Krieges."

Bergmannstrasse und Rhein-Elbe-Schule in Gelsenkirchen

Abb.: Bergmannstraße und Rhein-Elbe-Schule in Gelsenkirchen

Die Dame am Telefon sagte weiter, das sie seit ihrer Jugend nicht an die Geschichte der "ein- fachen Ausreise" geglaubt habe und nun endlich Klarheit über die Lebenswege dieser Familie haben will und Stolpersteine zur Erinnerung stiften möchte. Also begann ich zu recher- chieren. Adressbücher, Datenbanken, altes Kartenmaterial wurden gesichtet, schon bald stand fest, es kann sich nur um die Häuser Bergmannstr. 41 u. 43 gehandelt haben. Dort haben um 1939 jüdische Familien gewohnt, von dort hatte man den beschriebenen Blick auf einen Sportplatz.

Das Haus Bergmannstr. 41 aus dem Eigentum des jüdischen Malermeisters Hartog Heymann wurde 1939 zum so genannten "Judenhaus" deklariert. In dieses "Judenhaus" wurden 1939 auch jüdische Bewohner des Hauses Berg- mannstr. 43 zwangsweise einquartiert, die Fami- lien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein. Einige Tage später erhielt ich Antwort auf die zwischenzeitlich an das Institut für Stadtge- schichte gerichtete Frage, wo der Opa der Anru- ferin auf der Bergmannstraße gewohnt hat: Laut Einwohnermelderegister "vom 25.3.1939 bis zum 29.11.1939 an der Bergmannstraße 43" teilte Stefan Goch vom ISG mit. Somit war offensichtlich, das die Vitrine nur aus dem Besitz dieser beiden Familien stammen konnte. Von wem genau lässt sich wohl nicht mehr klären. Was mit den 1939 aus ihren Wohnungen an der Bergmannstr. 43 vertriebenen jüdischen Männern und Frauen weiter geschah, ist weithin aufgeklärt: Beide Familien wurden am 31. März 1942 in das Ghetto Warschau deportiert, seither fehlt jedes Lebenszeichen von ihnen. Von einer "einfachen Ausreise" kann nun nicht mehr die Rede sein. Im nächsten Jahr sollen Stolpersteine im Gedenken an die Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus an der Bergmannstraße 43 verlegt werden.


Familie Leopold Plaut: Flucht aus Nazi-Deutschland gelang mit falschen Papieren  

Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Abb.: Ein altes Foto führte auf die Lebensspuren der Familie Leopold Plaut aus Gelsenkirchen

Ein altes Foto aus einem Nachlass, wie es un- zählige gibt. Bekannt war uns bisher nur, das um 1925/35 in Gelsenkirchen aufgenommen worden ist. Bekannt war auch, das es aus dem Nachlass eines jüdischen Bürgers stammt, der rechtzeitg vor den Nazis aus Gelsenkirchen fliehen konnte: Heinz Katzenstein. Die Recherche in alten Gel- senkirchener Adressbüchern brachte des Rätsels Lösung, in der 1934er Ausgabe fand sich der entscheidene Hinweis auf Familie Plaut.

Leopold Plaut und seine Frau Helene (Beide Jahrgang 1887) hatten zwei Kinder, den am 14 April 1915 geborenen Hans (später Juan) und die am 15. Juni 1921 in Gelsenkirchen geborene Grete. Im so genannten "Dritten Reich" beteiligte sich Hans Plaut aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In einem Verfahren des Oberlandesgerichts Hamm gegen die trotzkis- tische Widerstandsgruppe aus Gelsenkirchen wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 24. Juli 1936 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Kontakt zum Ausland wirkte straf- verschärfend auf das Urteil der NS-Richter. Während seiner Haft bemühte sich die Familie um Ausreisepapiere, was aber offensichtlich auf Schwierigkeiten stieß.

Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Abb.: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Nach der Haftverbüßung gelang Hans Plaut, seinen Eltern und seiner Schwester 1939 mit gefälschten Papieren die Flucht auf ein Emigrantenschiff mit dem Ziel Lateinamerika. Mit Hilfe des Kapitäns und der jüdischen Gemeinde Caracas konnte die Familie Plaut in Venezuela einreisen und sich hier eine neue Existenz aufbauen. Hans Juan Plaut starb am 22. Februar 1978 in New York, seine Schwester Grete Olschki, geborene Plaut, verheiratete Nussbaum starb am 7. Dezember 2002 in Cara- cas, Venezuela. An Familie Leopold Plaut sollen an der Bochumer Str. 23 schon bald Stolpersteine erinnern, hierfür suchen wir zur Finanzierung der kleinen Denkmale noch Stolpersteinpat*innen bzw. Spender*innen.


27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag  

27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag

Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und ande- ren Verfolgten. Auschwitz ist Ausdruck des Ras- senwahns und das Kainsmal der deutschen Ge- schichte. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist daher kein Feiertag im üb- lichen Sinn. Er ist ein "DenkTag": Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft. Die beste Versiche- rung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschis- mus und Nationalsozialismus ist und bleibt die Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, außerdem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime mit Hilfe der örtlichen Stadt- verwaltung durchgeführt wurde.


Paten gesucht für weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen-Buer  

Grabstein Brüder Alpern auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf

Abb.: Grabstein der Brüder Alpern auf dem Friedhof in Gelsen- kirchen-Ückendorf. (Foto: M. Golenser)

Die Brüder Max und Aaron Alpern kehrten nach ihrer Befreiung aus der Hölle der Lager 1945 zurück nach Gelsenkirchen-Buer und bauten ihr Wäsche- und Textilhaus an der Hochstraße 30 wieder auf. Stolpersteine sollen schon bald an die Brüder Alpern erinnern.

Zudem sollen weitere Stolpersteine in ehrendem Andenken an Menschen, die Opfer national- sozialistischer Verfolgung wurden, schon bald in Buer verlegt werden. Dafür werden Stolperstein-Paten gesucht, die bereit sind, die Kosten zu übernehmen. Das können beispielsweise Einzel- personen, Schulklassen, Vereine oder ähnliche Einrichtungen sein. Ein Stolperstein kostet derzeit incl. Herstellung und Verlegung 120 Euro, auch Teilspenden sind willkommen.


Gelsenkirchen-Buer: Wer erinnert sich an Dr. Caro? 

Reisepass von Dr. Erich Caro, Gelsenkirchen 1939

Abb.: Ausschnitt aus dem Reisepass von Dr. Erich Caro, ausge- stellt am 8. Februar 1939 vom Polizeipräsidenten Recklinghau- sen, Polizeiamt Gelsenkirchen.

Auf Druck der Gestapo floh die Familie Caro schließlich am 9. Mai 1940 von Gelsenkirchen in die Niederlande, um sich von Rotterdam aus in die USA einzuschiffen. Die in Loosdrecht (NL) nur sporadisch durchgeführten Kontrollen haben eine Festnahme der Familie Caro bis 1945 ver- hindert, so dass Caros die Verfolgung, Depor- tation und Ermordung der Juden in Holland überlebten. Ende 1945 kehrte Dr. Caro nach Gelsenkirchen-Buer zurück und praktizierte hier auch wieder als Arzt. Seine Frau folgte im Januar 1946. Die Eheleute lebten bis in die 1970er Jahre in Buer, wie vor ihrer Flucht auf der Buer-Gladbecker Straße 12. Stolpersteine sollen an das Ehepaar und Sohn Klaus erinnern, es werden Stolperstein-Paten gesucht.

 

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Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.

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