STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

← Startseite STOLPERSTEINE

„Was keiner geglaubt haben wird, was keiner gewusst haben konnte, was keiner geahnt haben durfte, das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte.“ (Erich Fried)

Aktuelles & Termine

Auf dieser Seite veröffentlichen wir 'Aktuelles' rund um das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.

------------------------------------------- Newsticker ----------------------------------------------

+ + Nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen ist im Mai 2019 geplant.
Ab sofort können weitere Patenschaften übernommen werden. + +

+ + + Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen + + +

+ + + Buchprojekt Stolperstein-Geschchten Gelsenkirchen sucht Sponsoren. + + +

 


Stolpersteine: Vergangenheit wird mit Gegenwart konfrontiert 

An vier weiteren Orten wird in Gelsenkirchen seit gestern Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert. Bildhauer Gunter Demnig verlegte am Mittwoch (23.5.) im Rahmen seines europaweiten Erinnerungs- projektes Stolpersteine zwölf weitere der kleinen Denkmale im Stadtgebiet. Damit wächst die die Anzahl der im öffentlichen Raum Gelsenkirchens verlegten Stolpersteine auf 198 an. Weitere sollen nach den Plänen der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative im nächsten Jahr folgen.

Ein Stolperstein erinnert in Gelsenkirchen-Horst nun an Lothar Keiner

In der Regel werden die Stolpersteine vor dem letzten, selbstgewählten Wohnort der von den Nazis zwischen 1933-1945 verfolgten und in den allermeisten Fällen ermordeten Menschen ver- legt. Das Haus an der Koststraße 13, in dem Lothar Keiner zuletzt wohnte, existiert jedoch nicht mehr. Einge Meter weiter, vor einem Ver- waltungsgebäude der BP Gelsenkirchen GmbH (Im NS Hydrierwerk der Gelsenberg Bezin AG) hat der Stolperstein für Lothar Keiner seinen Platz gefunden. Im Gelsenkirchen ist es nach den Stolpersteinen zur Würdigung und Erinne- rung von Arthur Herrmann (Verlegung 2012) und Ernst Papies (2015) und Josef Wesener (2016) der vierte Stein für einen Menschen, der als homo- sexueller Mann stigmatisiert wurde. Lothar Keiner wurde am 27. November 1942 im KZ Neuengamme bei Hamburg ermordet.

Die zweite Station an diesem denkwürdigen Tag führte die Initiatoren zum Heinrichplatz 1. Hier lebte die Familie Siegfried Rosenbaum. Selma Rosenbaum starb nach langer schwerer Krankheit 1941 im Gelsen- kirchener Marienhospital, ihre Mutter Esther Lippers, die benfalls in dem Haus wohnte, wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet. Siegfried und seine beiden Kinder Ilse und Werner wurden in das Ghetto Warschau deportiert, danach verlieren sich ihre Lebensspuren.

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Bulmke nun an Familie Siegfried Rosenbaum und Esther Lippers

Die Patenschaften für diese Stolpersteine hat Klaus Brandt übernommen. Er war es auch, der uns auf die Menschen aufmerksam gemacht hat, die aus dem Haus Heinrichplatz 1 in Bulmke von deutschen Faschisten den Tod verschleppt wurden. Die Kulturwissenschaftlerin Dora Os- borne über Gunter Demnigs Kunstprojekt gegen das Vergessen: "Die Verlegung der Stolperstei- ne ist ein Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die zumeist nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen."

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Resse nun an das Ehepaar Otto und Paula Lieber

In Resse wurden an der Ewaldstraße 29 zwei Stolpersteine im Gedenken an das von dort vertreibene Ehepaar Otto und Paula Lieber verlegt. Das Ehepaar gehörte ebenfalls zu den "Ver- schwundenen" - Menschen, die während der Herrschaft des NS-Gewaltregimes plötzlich von einem auf dem anderen Tag aus dem nachbar- schaftlichen Umfeld verschwanden. Liebers konnten ihr nacktes Leben retten, ihnen gelang die rechtzeitige Flucht nach England. Auch an diesem Ort sorgten die begleitenden Polizeibe- amten für einen ungestörten Ablauf.

Gleich fünfzehn Nachfahren der Familie Löwenstein waren aus den USA, Niederlanden und München angereist, um in Gelsenkirchen-Buer an der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Vorfahren teilzuneh- men. Dichtgedrängt standen die Menschen auf dem Bürgersteig vor dem Haus Horster Straße 17, das einst dem Kaufmann David Löwenstein gehörte, bevor ein Arisierungsgewinnler 1939 neuer "Eigentü- mer" wurde. Am Seitenflügel des Hauses in der Maloestraße prangt an den Fenstern noch sein Nach- nahme. Hatten die Eltern Löwenstein zunächst nur die beiden Söhne in das rettende Ausland schicken können, folgten sie jedoch 1941 - buchstäblich in allerletzter Minute.

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Buer nun an Familie David Löwenstein

Vor dem Eingang des Hauses erinnern nunmehr vier Stolpersteine an Verfolgung und Vertreibung der Familie Löwenstein. "Für uns hat dieser Tag eine große Bedeutung, wir feiern heute letztlich unser Leben." sagte Miriam Zimmermann, Toch- ter von Dr. Werner Löwenstein, und weiter: "Ge- meinsam mit meinem Vater habe ich Gelsenkir- chen in der Vergangenheit besucht, Vater begab sich mit mir auf Spurensuche, zeigte mir Orte seiner Kindheit und Jugend. Wir standen eben- falls vor diesem Haus, Vater hat sich jedoch ge- weigert, es jemals wieder zu betreten".

Stolpersteine erinnern in  Gelsenkirchen-Buer an Familie David Löwenstein

Ihren Abschluß fand die Verlegung auch in Buer an der Horster Straße mit jüdischen Gebeten. Der aus- gebildete Opernsänger und freie Kantor Juri Zemski sang das El male Rachamim. Ein Kaddisch, das Gebet zum Totengedenken, wurde von den Nachfahren der Familie Löwenstein gesprochen.

Alle am Projekt "Stolpersteine" direkt oder indirekt Beteiligten tragen ihren Teil dazu bei, der Erinnerung an Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind, den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der Gesellschaft. Die Projektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" des gemein- nützigen Vereins Gelsenzentrum bedankt sich auch auf diesem Wege bei diesen Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen unterstützt und damit erst möglich gemacht haben.


Todesmarsch von Gelsenkirchen-Buer - Initiative plant Stolperschwelle 

Stolperschwelle soll an ermordete Zwangsarbeiter erinnern

Abb.: Blumen erinnern am damaligen Tatort an die vor 73 Jahren ermordeten Menschen. Am Sonntag fand ein Gedenkgang auf den Spuren ermordeter Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen-Buer statt. Der Todesmarsch führte 1945 vom Polizeipräsidium Buer über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald.

Die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative will die Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium in Buer durch Bildhauer Gunter Demnig in die Wege leiten. Von dort wurden am Karfreitag 1945 wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Gelsenkirchen-Buer 25 rus- sische Mädchen und Männern im Alter von 19 bis 25 Jahren in den frühen Morgenstunden von Gestapo und Kripo aus dem Polizeigefängnis Buer geholt, barfuß über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald getrieben und dort durch Genickschuß ermordet. Da die Kosten für eine Stolperschwelle um ein vielfaches höher sind als für einen Stolperstein, bitten wir um Spenden auf das Konto Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort "Stolperschwelle".


Stolperstein-Geschichten: Buchprojekt sucht Sponsoren - Gastbeiträge willkommen 

Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen

Abb.: Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“.

Die Arbeit am Buchprojekt hat Fahrt aufgenom- men. Der Weimarer Eckhaus-Verlag druckt in einer Editionsreihe regional Biografien von NS-Opfern vor allem für den Schulgebrauch. Das Gelsenkirchener Stolperstein-Buch soll im näch- sten Jahr erscheinen. Zur Finanzierung des Pro- jektes rufen wir zu Spenden auf. Auf Wunsch kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden. Die Bankverbindung lautet: Stolper- steine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27. Als Verwendungszweck bitte angeben: "Buchprojekt". Mehr erfahren

Gastbeiträge willkommen

Das Buchprojekt bietet auch Stolperstein-Paten die Gelegenheit, einen Text bzw. Beitrag im Rahmen der übernommen Patenschaft zu verfassen. Aus den eingesandten Texten wird eine Auswahl von Beiträgen getroffen, die dann im Buch erscheinen. Senden sie ihre Beiträge per Mail an: Andreas Jordan (Projektleitung Stolpersteine Gelsenkirchen) (info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de)

Der Eckhaus-Verlag teilt uns jüngst mit: „Es ist vorgesehen“, schreibt der OB, der unser Vorhaben aus- drücklich begrüßt, „die Bücher in die Präsenzbibliothek der Dokumentationsstelle Gelsenkirchen im Nationalsozialismus aufzunehmen.“ Der Förderverein für Stadt- und Verwaltungsgeschichte hat bereits 90 Exemplare geordert, lässt uns Herr Baranowski wissen.


UPDATE: Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (II)  

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.: Heute steht diese Vitrine aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Gelsenkirchen in einer Wohnung in Braunschweig.

Anneliese Scheibner geb. Schott ist heute 91 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen lebte sie mit ihrem Vater, dem Gesenkschmiedemeister Emil Schott und ihrer Mutter 1939/40 rund ein Jahr an der Bergmannstraße 43. In dem Haus lebten zu dieser Zeit zwei jüdische Familien, beiden stand der Zwangsumzug in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens bevor, in diesem Fall in das Nebenhaus Bergmannstr. 41. Eine dieser somit freiwerdenden Wohnungen bezog Emil Schott im März 1939 mit Frau und Tochter.

In der Familie Schott/Scheibner wurde jahrzehn- telang folgende Schilderung überliefert: "Emil Schott war allein bei der Wohnungsübergabe und hatte dabei mit der jüdischen Familie ge- sprochen und dabei auch einige Möbelstücke der Familie 'abgekauft': einen großen Schrank, eine Vitrine und einen Tisch mit 6 Stühlen. Es gibt nur noch die Vitrine und die hat heute ein Familienmitglied in seinem Haus. Die Juden seien dann später einfach "ausgreist". So habe es ihre Mutter immer erzählt, schildert Uta Mey- höfer, die Tochter von Anneliese Scheibner.

Zunächst wollten sie anonym bleiben, nun ha- ben sich Mutter und Tochter dazu entschlossen, dass ihre Familienamen veröffentlicht werden sollen. Auch ein → Brief, den Anneliese Scheibner im Februar diesen Jahres an uns gerichtet hat, soll nun- mehr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb, damit Licht in die dunkle Familienvergangenheit kommt und großes Unrecht nicht dem Vergessen anheim fällt.

Wie bereits im ersten → Artikel geschildert, sollen bald Stolpersteine für die beiden jüdischen Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus Bergmannstraße 43 verlegt werden. Die Paten- schaft für vier Stolpersteine hat Uta Meyhöfer übernommen.


Stolpersteinverlegung 2018: Denkanstöße für den Alltag 

Stolpersteine Gelsenkirchen: Verlegung weiterer Stolpersteine am 23. Mai 2018

Abb.: Diese Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen seit 2012 vor dem Haus Kirchstrasse 65 an Familie Benjamin Spiegel

Mit Gunter Demnigs Stolpersteinen, die am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern der Nazidiktatur verlegt werden – und das sind bei weitem nicht nur jüdische Mitbürger, sondern auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, kritische Christen, Zeugen Jeho- vas und Personen mit psychischen oder physi- schen Erkrankungen – gedenken wir dauerhaft Menschen, die früher hier gelebt haben und wegen ihren Auffassungen, ihren Neigungen, Veranlagungen und Erkrankungen verfolgt, gequält und getötet wurden. Einbezogen werden dabei auch Menschen, denen die Flucht gelang und jene, die als letzte autonome Handlung ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Die kleinen Denkmale sollen nicht zuletzt auch darauf aufmerksam machen, wozu Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Dehumanisierung letztendlich führen können.

Zur Teilnahme an den Verlegungen am 23. Mai 2018 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 4 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 12 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen:

Stolperstein → Lothar Keiner 9.00 Uhr, Koststraße 13

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Siegfried Rosenbaum 9.30 Uhr, Heinrichplatz 1

Stolperstein → Esther Lippers 9.30 Uhr, Heinrichplatz 1

Stolperstein Stolperstein → Ehepaar Otto u. Paula Lieber 10.00 Uhr, Ewaldstraße 29

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie David Löwenstein 10.30 Uhr, Horster Straße 17

Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf der Verlegeaktionen Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den genannten Uhrzeiten ein.


Kurt Rosendahl - Zeitzeugenbericht in der AHS 

Der Zeitzeuge und Holocaustüberlebende aus Gelsenkirchen berichtet in einer Schulklasse* über seine Deportation ins Ghetto nach Riga. Kurt Rosendahl Jahrgang 1928 kam kurze Zeit später ins Lager Kai- serwald bei Riga. Nach dessen Schließung wurde der jüdische Teenager dann über Stutthof (Bei Dan- zig) in das KZ Buchenwald (bei Weimar) und dort in das berüchtigte "Kleine Lager" verbracht. Es war als der "Sterbeort" bekannt denn dort waren primär die Kranken und Sterbenden einquartiert. Bei der Be- freiung durch die US Armee unter General George S. Patton war Rosendahl 16 Jahre alt. Heute lebt Kurt Rosendahl in Karlsruhe. * Der Zeitzeugenbericht wurde 03/2017 in der G9 der Aloys-Henhöfer-Schule in Pfinztal (Kleinsteinbach) aufgenommen.


"Ich lebe auf geborgte Zeit" - Zum Tod von Israel Yaoz 

Israel Yaoz, geboren als Isarel Häusler 1928 in Gelsenkirchen, starb am 16. März 2018 in Israel

Abb.: Israel Yaoz (früher Häusler), 1928 in Gelsenkirchen gebo- ren, starb am 16. März 2018 in seiner Wahlheimat Israel

Als Israel Häusler am 14. November 1928 in Gelsenkirchen geboren, war er der einzige Überlebende seiner Familie. Vater Markus, Mutter Sima und die Geschwister Recha, Esther, Meier und Mali und weitere Angehörige wurden von den Nazis ermordet. Am 15. April 1945 wurde er von britischen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. In Israel baute er sich dann ein neues Leben auf, gründete eine Fa- milie. 2001 besuchte er letztmals seine Geburts- stadt Gelsenkirchen. Gemeinsam mit ihm haben wir in den letzten zwei Jahren die Verlegung von Stolpersteinen für seine ermordeten Angehöri- gen in Gelsenkirchen geplant. Wir werden seine Botschaft weitertragen und ihre Namen dorthin zurückbringen, wo diese von den Nazis ermor- deten Menschen einst gelebt haben - vor die Türen ihrer Häuser.

Ein außergewöhnlicher Brückenbauer - Nachruf auf Israel Yaoz

An die Brüder Sacher und Markus Häusler und deren Familien sollen schon seit längerem insgesamt 14 Stolpersteine verlegt werden. Eine erste Patenschaft für Israel Yaoz (Früher Israel Häusler) ist jetzt übernommen worden. Zur Finanzierung der übrigen Stolpersteine rufen wir zu Spenden auf. (Verwen- dungszweck: Stolpersteine Häusler) Auf Wunsch stellen wir eine Spendenbescheinigung aus. Unsere Bankverbindung und weitere Infos zur Übernahme von Patenschaften finden sie → hier.


Vor 75 Jahren: Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz 

Virtuelle Gedenktafel erinnert an Gelsenkirchener Sinti und Roma

Abb.: Virtuelle Gedenktafel erinnert an Gelsenkirchener Sinti und Roma

Porajmos, so wird der Völkermord der Nazis an Sinti und Roma genannt. Am 9. März jährt sich zum 75. Mal die Deportation der Gelsenkirche- ner Sinti und Roma 1943 in das Konzentra- tions- und Vernichtunglager Auschwitz.

83 Verfolgte jeden Alters wurden von Gelsen- kirchen nach Auschwitz verschleppt, nur drei von ihnen erlebten ihre Befreiung. Ein öffent- liches Erinnerungszeichen für deportierte und ermordete Sinti sucht man in Gelsenkirchen (noch immer) vergeblich. Anlässlich des 75. Jahrestages der Verschleppung Gelsenkirche- ner Sinti nach Auschwitz haben wir eine virtuelle Gedenktafel online gestellt. Nichts und niemand ist vergessen. Gedenktafel lesen: "Eure Leiden, Euer Schmerz sind die Narben im Fleisch der Welt"


Wanderausstellung: "Warum schreibst du mir nicht" 

Wolfgang und Thea

Abb.: Wolfgang und Thea

Die niederländisch-deutsche Wanderausstellung "Warum schreibst Du mir nicht" beschäftigt sich mit dem Leben von fünf Menschen in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Einer davon ist Wolfgang Maas aus Gelsenkirchen.

Der jüdische Junge Wolfgang Maas und seine Familie leben in Gelsenkirchen, Deutschland. Wolfgang ist 16 Jahre alt, als er 1936 aus Nazi-Deutschland flüchtet. Er landet in den Nieder- landen, in Winterswijk, wo er durch die Jüdische Gemeinde aufgefangen wird und eine Ausbil- dung machen kann. Wolfgang verliebt sich heftig in Thea Windmuller. Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Jetzt brechen auch in den Niederlanden schwere Zeiten für die Juden an. Wolfgang und Thea tauchen unter, fern von- einander. Von diesem Zeitpunkt an besteht ihr Leben nur noch aus der letzlich erfolglosen Flucht vor den Nazis. Beide werden in das Ver- nichtungslager Auschwitz verschleppt. Thea wird am 28. Januar in Auschwitz 1944 vergast, Wolfgangs "Entlassung" aus der Krankenba- racke von Auschwitz-Monowitz/Buna, doku- mentiert von der Bürokratie einer monströsen Mordmaschinerie ist seine letzte Lebensspur. Die Verlegung von Stolpersteinen im Gedenken an Wolfgang Maas und seine Familie am letzten selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen ist in Planung. Mehr erfahren: Die Geschichte von Wolfgang Maas und Thea Windmuller


Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (I) 

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.: Heute steht diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigen- tum in einer Wohnung in Braunschweig.

Der Anruf aus Hamburg kam eines Morgens im Januar. Es gehe um eine sich noch heute im Familienbesitz befindliche alte Vitrine, die ur- sprünglich aus Gelsenkirchen stammt. Der An- ruferin fiel es nicht leicht, den Einstieg in das Gespräch zu finden. Deutlich war aus ihrer Stim- me herauszuhören, das sie emotional sehr auf- gewühlt war.

Ihr Opa, von Beruf Gesenkschmiedemeister, sollte 1939 in Gelsenkirchen eine neue Arbeits- stelle antreten und war zunächst allein nach Gelsenkirchen gereist, um eine Wohnung für die Familie vorzubereiten. Die Wohnung, die er dann fand, wurde noch von einer jüdischen Familie bewohnt, die jedoch "im Auszug" begrif- fen war. So kaufte der Opa nach seiner Darstel- lung bei der Wohnungsübergabe der Familie einige Möbelstücke ab, darunter einen großen Schrank, ein Tisch mit sechs Stühlen und eben diese Vitrine. Den aus ihren Wohnungen vertrie- benen Menschen war bekannt, das sie fortan unter beengten Verhältnissen leben müssen und das sie daher einen Teil ihrer Einrichtung nicht mitnehmen können.

In der Familie der Anruferin war bekannt, das diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum stammt. Die Anruferin beschrieb es so: "Nach den Erzählungen meiner Mutter hörte es sich über die Jahrzehnte immer so an, als ob die jüdische Familie einfach ausgereist sei und das bis zum heutigen Tag. Meine 91-jährige Mutter, deren Kopf sehr klar ist, sagte mir heute, dass sie die Hausnummer nicht mehr weiß, dass es aber wohl die Bergmannstrasse gewesen sei. Sie konnte ihr Zuhause leicht zu Fuß von der Rhein-Elbe-Schule aus, die sie zu dieser Zeit besuchte erreichen und man konnte von der Wohnung aus sehr schön auf den Fußballplatz des Vereins Gelsenguß schauen. Es war das Jahr, indem Schalke Meister oder so wurde und das Jahr des Anfang des Krieges."

Bergmannstrasse und Rhein-Elbe-Schule in Gelsenkirchen

Abb.: Bergmannstraße und Rhein-Elbe-Schule in Gelsenkirchen

Die Dame am Telefon sagte weiter, das sie seit ihrer Jugend nicht an die Geschichte der "ein- fachen Ausreise" geglaubt habe und nun endlich Klarheit über die Lebenswege dieser Familie haben will und Stolpersteine zur Erinnerung stiften möchte. Also begann ich zu recher- chieren. Adressbücher, Datenbanken, altes Kartenmaterial wurden gesichtet, schon bald stand fest, es kann sich nur um die Häuser Bergmannstr. 41 u. 43 gehandelt haben. Dort haben um 1939 jüdische Familien gewohnt, von dort hatte man den beschriebenen Blick auf einen Sportplatz.

Das Haus Bergmannstr. 41 aus dem Eigentum des jüdischen Malermeisters Hartog Heymann wurde 1939 zum so genannten "Judenhaus" deklariert. In dieses "Judenhaus" wurden 1939 auch jüdische Bewohner des Hauses Berg- mannstr. 43 zwangsweise einquartiert, die Fami- lien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein. Einige Tage später erhielt ich Antwort auf die zwischenzeitlich an das Institut für Stadtge- schichte gerichtete Frage, wo der Opa der Anru- ferin auf der Bergmannstraße gewohnt hat: Laut Einwohnermelderegister "vom 25.3.1939 bis zum 29.11.1939 an der Bergmannstraße 43" teilte Stefan Goch vom ISG mit. Somit war offensichtlich, das die Vitrine nur aus dem Besitz dieser beiden Familien stammen konnte. Von wem genau lässt sich wohl nicht mehr klären. Was mit den 1939 aus ihren Wohnungen an der Bergmannstr. 43 vertriebenen jüdischen Männern und Frauen weiter geschah, ist weithin aufgeklärt: Beide Familien wurden am 31. März 1942 in das Ghetto Warschau deportiert, seither fehlt jedes Lebenszeichen von ihnen. Von einer "einfachen Ausreise" kann nun nicht mehr die Rede sein. Im nächsten Jahr sollen Stolpersteine im Gedenken an die Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus an der Bergmannstraße 43 verlegt werden.


Familie Leopold Plaut: Flucht aus Nazi-Deutschland gelang mit falschen Papieren  

Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Abb.: Ein altes Foto führte auf die Lebensspuren der Familie Leopold Plaut aus Gelsenkirchen

Ein altes Foto aus einem Nachlass, wie es un- zählige gibt. Bekannt war uns bisher nur, das um 1925/35 in Gelsenkirchen aufgenommen worden ist. Bekannt war auch, das es aus dem Nachlass eines jüdischen Bürgers stammt, der rechtzeitg vor den Nazis aus Gelsenkirchen fliehen konnte: Heinz Katzenstein. Die Recherche in alten Gel- senkirchener Adressbüchern brachte des Rätsels Lösung, in der 1934er Ausgabe fand sich der entscheidene Hinweis auf Familie Plaut.

Leopold Plaut und seine Frau Helene (Beide Jahrgang 1887) hatten zwei Kinder, den am 14 April 1915 geborenen Hans (später Juan) und die am 15. Juni 1921 in Gelsenkirchen geborene Grete. Im so genannten "Dritten Reich" beteiligte sich Hans Plaut aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In einem Verfahren des Oberlandesgerichts Hamm gegen die trotzkis- tische Widerstandsgruppe aus Gelsenkirchen wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 24. Juli 1936 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Kontakt zum Ausland wirkte straf- verschärfend auf das Urteil der NS-Richter. Während seiner Haft bemühte sich die Familie um Ausreisepapiere, was aber offensichtlich auf Schwierigkeiten stieß.

Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Abb.: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23

Nach der Haftverbüßung gelang Hans Plaut, seinen Eltern und seiner Schwester 1939 mit gefälschten Papieren die Flucht auf ein Emigrantenschiff mit dem Ziel Lateinamerika. Mit Hilfe des Kapitäns und der jüdischen Gemeinde Caracas konnte die Familie Plaut in Venezuela einreisen und sich hier eine neue Existenz aufbauen. Hans Juan Plaut starb am 22. Februar 1978 in New York, seine Schwester Grete Olschki, geborene Plaut, verheiratete Nussbaum starb am 7. Dezember 2002 in Cara- cas, Venezuela. An Familie Leopold Plaut sollen an der Bochumer Str. 23 schon bald Stolpersteine erinnern, hierfür suchen wir zur Finanzierung der kleinen Denkmale noch Stolpersteinpat*innen bzw. Spender*innen.


27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag  

27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag

Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und ande- ren Verfolgten. Auschwitz ist Ausdruck des Ras- senwahns und das Kainsmal der deutschen Ge- schichte. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist daher kein Feiertag im üb- lichen Sinn. Er ist ein "DenkTag": Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft. Die beste Versiche- rung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschis- mus und Nationalsozialismus ist und bleibt die Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, außerdem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime mit Hilfe der örtlichen Stadt- verwaltung durchgeführt wurde.


Paten gesucht für weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen-Buer  

Grabstein Brüder Alpern auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf

Abb.: Grabstein der Brüder Alpern auf dem Friedhof in Gelsen- kirchen-Ückendorf. (Foto: M. Golenser)

Die Brüder Max und Aaron Alpern kehrten nach ihrer Befreiung aus der Hölle der Lager 1945 zurück nach Gelsenkirchen-Buer und bauten ihr Wäsche- und Textilhaus an der Hochstraße 30 wieder auf. Stolpersteine sollen schon bald an die Brüder Alpern erinnern.

Zudem sollen weitere Stolpersteine in ehrendem Andenken an Menschen, die Opfer national- sozialistischer Verfolgung wurden, schon bald in Buer verlegt werden. Dafür werden Stolperstein-Paten gesucht, die bereit sind, die Kosten zu übernehmen. Das können beispielsweise Einzel- personen, Schulklassen, Vereine oder ähnliche Einrichtungen sein. Ein Stolperstein kostet derzeit incl. Herstellung und Verlegung 120 Euro, auch Teilspenden sind willkommen.


Gelsenkirchen-Buer: Wer erinnert sich an Dr. Caro? 

Reisepass von Dr. Erich Caro, Gelsenkirchen 1939

Abb.: Ausschnitt aus dem Reisepass von Dr. Erich Caro, ausge- stellt am 8. Februar 1939 vom Polizeipräsidenten Recklinghau- sen, Polizeiamt Gelsenkirchen.

Auf Druck der Gestapo floh die Familie Caro schließlich am 9. Mai 1940 von Gelsenkirchen in die Niederlande, um sich von Rotterdam aus in die USA einzuschiffen. Die in Loosdrecht (NL) nur sporadisch durchgeführten Kontrollen haben eine Festnahme der Familie Caro bis 1945 ver- hindert, so dass Caros die Verfolgung, Depor- tation und Ermordung der Juden in Holland überlebten. Ende 1945 kehrte Dr. Caro nach Gelsenkirchen-Buer zurück und praktizierte hier auch wieder als Arzt. Seine Frau folgte im Januar 1946. Die Eheleute lebten bis in die 1970er Jahre in Buer, wie vor ihrer Flucht auf der Buer-Gladbecker Straße 12. Stolpersteine sollen an das Ehepaar und Sohn Klaus erinnern, es werden Stolperstein-Paten gesucht.


Stolpersteine öffnen Zugang zur Lokalgeschichte  

Stolpersteinverlegung am 24. November 2017 in Gelsenkirchen vor dem Grillo-Gymnasium

Abb.: Bei der Stolperstein-Verlegung vor dem Grillo-Gymnasium im November 2017, v.l.: Der Gelsenkirchener Stolperstein-Initia- tor Andreas Jordan, Bildhauer Gunter Demnig, der Urheber des vielfach ausgezeichneten Projekts Stolpersteine gegen das Vergessen und Ron Gompertz, der eigens mit Familie zur Verle- gung des Stolpersteins für seinen Vater Fritz Gompertz aus Frankreich anreiste.

Im Oktober letzen Jahres verlegte Bildhauer Gunter Demnig erstmals Stolpersteine vor dem Grillo-Gymnasium, die an von dieser Schule vertreibene jüdische Schüler erinnern. Jüngst kam ein weiterer Stolperstein hinzu, gewidmet ist dieser Stolperstein Fritz Gompertz. Die Stol- persteine genannten kleinen Denkmale des Bildhauers Gunter Demnig bieten Schüler*innen eine besondere Möglichkeit zur Auseinander- setzung mit der Erinnerung an Opfer national- sozialistischer Verfolgung, die Jugendlichen finden so einen ganz direkten Zugang zur loka- len NS-Geschichte. Auch am Grillo-Gymnasium führte die Verlegung von Stolpersteinen jetzt zu einer Kooperationsvereinbarung zwischen Schule und dem Institut für Stadtgeschichte. (Die WAZ berichtet.) Weitere 27 Stolpersteine sollen in naher Zukunft vor dieser Schule verlegt werden, hierfür werden zur Finanzierung der kleinen Denkmale noch Stolperstein-Paten gesucht. Interessierte wenden sich an: Gelsenzentrum e.V., Telefon: 0209-9994676 oder Email: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de


Gegen das Vergessen: Vor 25 Jahren verlegte Gunter Demnig den ersten Stolperstein  

Gunter Demnig am 24. November 2017 in Gelsenkirchen

Vor genau 25 Jahren verlegte Bildhauer Gunter Demnig seinen ersten Stolperstein in Köln. Mitt- lerweile sind es mehr als 63.000 Steine in 23 Ländern Europas, die an Menschen erinnern, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Die Menschen, deren Namen die Steine tragen, waren u.a. Juden, Sinti und Roma, hatten Behin- derungen oder waren politische Gegner des Nazi-Regimes.

Am 16. Dezember 1992 stemmte Gunter Dem- nig zum allerersten Mal einen Gehweg auf, um einen mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Stein in das Pflaster einzulassen. Das Datum war kein Zufall: Genau 50 Jahre zuvor hatte der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler im sogenannten "Auschwitz-Erlass" die Ermordung aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma angeordnet. Auf Demnigs Stein vor dem Historischen Rathaus in Köln waren die Anfangs- zeilen von Himmlers Erlass zu lesen, im Hohlkörper des Steines war der gesamte Text enthalten.

Der Kölner Künstler, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, hat seitdem mehr als 63.000 Stol- persteine verlegt, bis zu 500 im Monat. Die "Steine" sind kleine Würfel aus Beton, zehn mal zehn Zentimeter groß, auf denen oben eine Messingtafel eingelassen ist. Auf diesen Tafeln erinnert Demnig an Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

"In die Gemütlichkeit einbrechen"

"Mit der Verlegung bricht der Künstler geradezu anarchisch, man könnte nach über 20 Jahren sagen: noch immer, in die Gemütlichkeit und Ordnung eines Wohnviertels oder einer Geschäftsstraße ein", schreibt der Historiker Hans Hesse in seinem gerade erschienenen Buch über das Stolperstein-Projekt. Denn längst nicht alle Anwohner seien mit den Steinen einverstanden. Aber da die Gehwege Eigentum der Stadt sind, kann Demnig sie mit Genehmigung der Kommune trotzdem verlegen.

Seine prominenteste Kritikerin ist Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie wirft ihm vor, dass damit das Andenken der Menschen sprichwörtlich mit Füßen getreten werde. Demnig findet ihre Kritik aberwitzig. "Die Begründung, die dann immer angeführt wird, dass eine Zerstörung durch Nazis droht, ist absurd. Neonazis können ebenso gut ein Schild von der Wand nehmen", sagt er. Außerdem sei es verharm- losend, zu argumentieren, durch die Verlegung der Tafeln in den Boden werde symbolisch auf den Opfern des Nationalsozialismus herumgetrampelt: "Die Nazis haben sich nicht damit begnügt, auf ihren Opfern herumzutrampeln."


Stolperstein-Verlegungen 2017: Dank an alle Beteiligten  

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine wurden am 24. November 2017 verlegt

Alle am Projekt "Stolpersteine" Beteiligten tra- gen das Ihre dazu bei, der Erinnerung an Men- schen, die Opfer nationalsozialistischer Verfol- gung geworden sind, den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der Gesellschaft. Die Pro- jektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum bedankt sich bei den Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen unterstützt und damit ermöglicht haben.

Ihr Andreas Jordan


Angehörige zu Tränen gerührt: Reise zu den Wurzeln ihrer Vorfahren  

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine werden 2017 verlegt

An der Schalker Straße 75 erklang das Schubert-Lied "Auf dem Wasser zu Singen", intoniert von den Nachfahren der Familie Block auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. SAT1.NRW begleitete diese Stolperstein-Verlegung mit der Kamera.

Menschen aus den USA, Australien, Israel, Eng- land und Frankreich kamen am Freitag nach Gelsenkirchen. Etwas verbindet sie alle, das mit dieser Stadt zu tun hat und dem Wunsch, sich zu erinnern. Daran, das ihre Vorfahren einmal Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt waren, bis diese unter der Naziherrschaft enteignet und zur Flucht gezwungen wurden. Wenige haben so überleben können. An der Schalker Straße (Familie Block) und an der Bahnhofstraße (Familie Gompertz) konnten die Nachfahren die Häuser ihrer Vorfahren betreten, an der Wittekindstraße sogar die Wohnung ansehen, in der die Familie Cohn bis zu ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland gelebt hat. 25 neue Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig markieren nun an sieben Orten im öffentlichen Raum weitere Erinnerungsorte.

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine wurden am 24. November 2017 verlegt

Erste Station an diesem Tag war die Poststraße 20 in Horst, hier erwarteten bereits Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse der Michael-Ende-Schule mit ihrer Lehrerin den Spurenleger Gunter Demnig. Schweigend verlegte der Mann mit dem breitkrempigen Hut im strömenden Re- gen drei Stolpersteine vor dem Haus, dem letz- ten selbst gewählten Wohnort der Familie Güns- berg. Die Flucht in das vermeintlich sichere Holland konnte ihr Leben letztlich nicht retten, Vater Josef wurde in Auschwitz, seine beiden Kinder im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Weiter ging es zur Schalker Straße 75, dort waren es fünf Stolpersteine, die Gunter Demnig ins Pflaster einsetzte und die nun an Familie Block erinnern. Mutter Hedwig hatten die Nazis in Riga erschossen, ihr "Verbrechen": sie hatte versucht, Brot ins Lager zu geschmuggeln.

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine wurden am 24. November 2017 verlegt

Klaus Brandt erinnert an der Florastraße an das Unrecht, das dem Liebespaar wiederfuhr

Elisbeth Makowiak wurde denunziert und ernied- rigt - weil sie eine Liebesbeziehung mit dem jüdischen Möbelhändler Juda Rosenberg hatte. Bei einem so genannten "Prangermarsch" wur- den Elisabeth und Juda von einer johlenden Meute durch die Gelsenkirchener Straßen ge- trieben. Vor Elisabeth Makowiaks Elternhaus an der Florastraße 76 zeugt nun ein Stolperstein von der öffentlichen Demütigung, an der Gelsen- kircher aller Altersstufen teilnahmen.

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine wurden am 24. November 2017 verlegt

Knut Maßmann erinnerte in seinem Wortbeitrag an Lebens- und Leidenswege der Familie Nussbaum

Im Gedenken symbolisch wieder zusammenge- führt wurde auch die Familie Nussbaum vor dem Haus Hildegardstraße 21. Das Ehepaar David und Malka Nussbaum stammten aus Galzien, ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden in Gelsenkirchen geboren. David starb im Konzentrationslager Sachsenhausen - an- geblich an einer Lungenentzündung, Malka und ihre Kinder wurden bei Auflösung des Ghettos Riga ermordet.

Ein weiterer Stolperstein wurde vor dem Grillo-Gymnasium (im NS Städt. Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Strasse) an der heutigen Hauptstraße 60 verlegt, Fritz Gompertz war einer der von dieser Schule vertreibenen jüdischen Schülern. Sein Sohn Ron, der eigens zur Verlegung mit seiner Familie und Hund Floyd aus Frankreich anreiste, konnte nach der Verlegung das Abgangszeugnis seines Vaters im Schularchiv ansehen.

Nachfahren der Familie Cohn in Gelsenkirchen

Nachfahren der Familie Cohn in Gelsenkirchen

Dichtgedrängt standen die Nachfahren auch auf dem Gehweg vor dem Haus an der Wittekind- straße 21. Hier verlegte Gunter Demnig weitere fünf Stolpersteine im Gedenken an Familie Cohn. Möglich gemacht hatte das ein ehemaliger Be- wohner des Hauses, der eine Sammlung zur Finanzierung dieser Stolpersteine angestossen hatte. Spontan lud ein Mieter die Gruppe nach der Verlegung in seine Wohnung ein - darin hatten einst die Cohns gelebt.

Gelsenkirchen: Ron und Michelle Gompertz in der obersten Etage der Bahnhofstraße 22

Ron und Michelle Gompertz an der Bahnhofstraße 22

Deutliche Worte fand Ron Gompertz an der Bahnhofstraße 22: "Dieses Haus war unser Zu- hause, es wurde uns geraubt." Hier lebten seine Großeltern Leo und Betty Gompertz, sein Vater Fritz und dessen beiden Brüder Albert und Rolf. Nach der Stolpersteinverlegung ging einer von Rons Wünschen in Erfüllung: Einen Blick aus der obersten Etage über die Dächer der Gelsen- kirchener Altstadt zu werfen. Von dort hatte sein Vater Fritz als 14-jähriger im November 1938 die beiden Türme der in Brand gesetzten Synagoge gesehen. Es war ein denkwürdiger Tag, an dem ein weiteres Kapitel Gelsenkirchener Stadtge- schichte geschrieben wurde. Wer dabei war, er- lebte bewegende Momente voller Emotionen. Die Gegner des Kunstprojektes Stolpersteine hingegen blamierten sich von allein, denn eine symbolische Umarmung sieht anders aus.


Gelsenkirchen: Die Geschichte hinter den Stolpersteinen  

161 Stolpersteine gibt es schon in Gelsenkirchen, am 24. November 2017 sind 25 weitere dazu gekom- men. Sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Sie erinnern auch an die Menschen, die ihr Leben durch Flucht retten konnten, im Gedenken werden Familien sym- bolisch wieder zusammengeführt. So wie die jüdische Familie Block. Ihre Nachfahren sind heute aus aller Welt angereist und zum ersten Mal in Deutschland.


Stolperstein-Verlegung 2017: Diese Steine haben etwas zu erzählen 

Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine werden 2017 verlegt

Einmal mehr kommt Bildhauer Gunter Demnig am 24. November 2017 nach Gelsenkirchen. 25 Stolpersteine wird er dabei haben und diese in das Gelsenkirchener Pflaster einlassen.

Mit der Verlegung der Stolpersteine wird die Er- innerung an das Leben und Leiden verfolgter Menschen im so genannten "Dritten Reich" le-bendig. Stolpersteine erinnern auch an Wende- punkte in den individuellen Lebenswelten, an eine oftmals glückliche Zeit, bevor Angst, Aus- grenzung und Rassenwahn das Leben der Ver-folgten bestimmten. Namen kehren mit der Verlegung von Stolpersteinen zurück in unseren Alltag. Und zwar genau dort, wo die verfolgten Men- schen vor ihrer Verhaftung, Flucht, Verschleppung oder Ermordung ihre Lebensmittelpunkte hatten, in- mitten der Stadtgesellschaft – Vor den Türen ihrer Häuser.

In die Messingoberfläche der Stolpersteine werden von Hand Inschriften eingeprägt, die meist mit den Worten "Hier wohnte" beginnen, darunter Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und der Todesort. Derart unauslöschlich gemacht, erinnert die Inschrift dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung von den Nazis verfolgt be- ziehungsweise zumeist ermordet worden sind. Im Gedenken sollen Familien wieder symbolisch "zu- sammengeführt" werden, so werden auch Familienmitglieder einbezogen, die überleben konnten.

Zur Teilnahme an den Verlegungen am 24. November 2017 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 7 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 25 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen:

Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Josef Günsberg 9.00 Uhr, Poststraße 20

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Siegfried Block 9.30 Uhr, Schalker Straße 75

Stolperstein → Elisabeth Makowiak 10.15 Uhr, Florastraße 76

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie David Nussbaum 10.45 Uhr, Hildegardstr. 21

Stolperstein → Fritz Gompertz 11.30 Uhr, Grillo-Gymnasium, Hauptstraße 60

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Siegfried Cohn 12.00 Uhr, Wittekindstraße 21

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein → Familie Leo Gompertz 12.45 Uhr, Bahnhofstraße 22, Ecke Klosterstraße

Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den genannten Uhrzeiten ein.


Novemberpogrome: Die Nacht als die Synagoge brannte 

Das Jüdische Hilfskomite Gelsenkirchen bittet um Einleitung eines Verfahrens wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen, Neustraße.Abb.: Das Jüdische Hilfskomite Gelsenkirchen bittet 1946 um Einleitung eines Verfahrens wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen.

Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der „Polen-Aktion“ erschoß der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Das Attentat nahmen die Nationalsozia- listen bekanntermaßen zum Anlaß, um die Pogrome vom 7. bis 13. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.

Erste gegen die jüdische Minderheit gerichtete Ausschreitungen im Zuge der so genannten „Novemberpogrome“ gab es bereits am Abend des 7. November 1938 mit Bekanntwerden des Attentats. In Kassel konnte an diesem Abend letztlich nur durch das beherzte Vorgehen eines Feuerwehrmannes das vollständige Abbrennen der Synagoge verhindert werden. Bereits am 8. November wurde die Synagoge in Bad Hersfeld – als eine der ersten in Nazi-Deutschland – in Brand gesetzt. Am gleichen Abend brannte auch die Synagoge in der Gelsenkirchener Altstadt. 1949 fand ein Strafprozeß vor dem Essener Schwurgericht gegen den mutmaßlichen Brandstifter Werner Karl Montel statt. In der Strafprozeßakte wird in den Zeugenaus- sagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge am Abend des 8. November 1938 gesprochen, ebenso im Urteil. Auch in so genannten „Wiedergutmachungsakten“ aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre findet sich dieses Datum als Zeitpunkt der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt.

Der Höhepunkt der reichsweiten Ausschreitungen fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, im kollektiven Gedächnis auch „Reichskristallnacht“ oder „Reichspogromnacht“ genannt. In diese Nacht wurden Synagogen, Bet- und Versammlungsräume in ganzen Reichsgebiet in Brand gesetzt und Geschäfte jüdischer Eigentümer verwüstet. Die Zerstörungen wurden am 10. November in Gelsenkirchen teilweise noch fortgesetzt. ... Weiterlesen


Filmvorführung: "Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema"  

Dokumentarfilm: Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Den Dokumentarfilm "Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Staz- zema" zeigt der Gemeinnützige Verein Gelsen- zentrum e.V. in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen am Dienstag, 17. Oktober 2017 um 19.30 Uhr im Kulturraum "die flora", 45879 Gelsenkirchen, Florastr. 26. (Einlass ab 19.00 Uhr) Jürgen Weber, Autor des Films, wird zur Diskussion anwesend sein. Der Eintritt ist frei.

Im nordtoskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema töteten im Sommer 1944 Einheiten der Waffen-SS 400 bis 560 Zivilisten, darunter viele Frauen und etwa 130 Kinder. 2015 wurde das Verfahren gegen den letzten noch lebenden Teilnehmer dieses Massakers in Deutschland eingestellt. In seinem Film „Das zweite Trauma“ zeichnet der Journalist, Autor und Regisseur Jürgen Weber historische und juristische Sach- verhalte nach. Der Film lässt aber auch den Erinnerungen und Emotionen der Überlebenden Raum. Jürgen Weber arbeitet seit mehr als 20 Jahren zum Thema deutsche Besatzung in Ita- lien, Widerstand und Partisanenkampf. Die Vorführung im Kulturraum "die flora", Flora- straße 26, beginnt um 19.30 Uhr (Einlass ab 19.00 Uhr).

Veranstaltungsfoto: Querwege, Konstanz.
Veranstalter: Gelsenzentrum e.V., Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen
Veranstaltungsort: Kulturraum "die flora", 45879 Gelsenkirchen, Florastraße 26.
Die Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

Hier wohnte ...  

Stolpersteine in Gelsenkirchen - Paten gesucht

Drei Stolpersteine erinnern in Buer an der Horster Straße/Ecke Urbanusstraße an Familie Zwecher. Die Familien Löwenstein und Zwecher waren verschwägert, David Löwensteins Sohn Kurt war mit Guste Zwecher verheiratet.

Das Projekt Stolpersteine soll auch in Gelsenkir- chen kontinuierlich fortgeführt werden. Ab sofort können Patenschaften für die Verlegungen im nächsten Jahr übernommen werden. So sollen dann in Buer Stolpersteine in Erinnerung an die Familie Löwenstein verlegt werden. David Löwen- stein betrieb an der damaligen Ludwig-Knickmann-Straße 17 - der heutigen Horster Straße - ein Kon- fektionsgeschäft, bis die Familie mit staatlicher Legitimation wirtschaftlich ausgeplündert und zur Flucht gezwungen wurde. Für diese vier und weitere Stolpersteine muss das Geld noch aufgebracht werden. Mit 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen, Spendenquittungen können ausgestellt werden. Spendenkonto des Gelsenzentrum e.V. bei der Spar- kasse Gelsenkirchen - Vermerk: "Spende Stolpersteine". IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27


Gunter Demnig berichtet über die "Stolpersteine"

Sicher sind die kleinen quadratischen Steine mit der goldenen Platte schon vielen ins Auge gefallen. Auf einem Gehweg, in einer Fußgängerzone oder auf einem Platz. Was es mit den Stolpersteinen auf sich hat, erzählt der Urheber der Aktion, der Künstler Gunter Demnig im WDR bei daheim + unterwegs.


Die Dabeigewesenen  

Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen

Abb.: NSDAP und angeschlossene Verbände Gelsenkirchen im Adressbuch 1939. Namentlich aufgeführt sind Kreisamtsleiter, Ortsgruppenleiter usw. (Zum Vergrößern anklicken)

In Hamburg ging kürzlich eine Datenbank on- line, die analog und ergänzend zur bereits für die in der Hansestadt vorhanden Stolperstein- datenbank die Dabeigewesenen in Kurzbio- grafien skizziert. Mit dieser Datenbank möchte die Landeszentrale für politische Bildung den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System gestützt und mitgemacht haben. Die Datenbank enthält eine Sammlung von Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedliche Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, sei es als Karrieristen, Profiteur*innen, Befehlsempfänger*innen, Denunziant*innen, Täter*innen und auch so genannte sogenannte Mitläufer*innen.

"Verbrecherische Systeme funktionieren nur dann, wenn Menschen an ihnen mitwirken, wenn Menschen sich entscheiden dabei zu sein, nahe dran zu sein, davon zu profitieren oder gar mit zu gestalten. Die Durchsetzung von Gewalt- herrschaft benötigt Handelnde: Täterinnen und Täter; und sie benötigt Wegsehende und dadurch stumm Zustimmende oder nicht Wider- sprechende, sagt Dr. Sabine Bamberger-Stemmann (Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg), und weiter sagt sie:" Dabeigewesenen waren Nachbarn, Arbeitskolleginnen und -kollegen, Bekannte, Freundinnen und Freunde der Kinder. Sie waren keine Fremden, sondern sie gehörten zum vertrauten Umfeld. Zumindest waren sie ebenso wie viele Opfer ihrer Taten Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Oder sie maßten sich an, als Menschen dieser Stadt im sog. "Tausendjährigen Reich" hierher verschleppte Menschen auszubeuten, zu erniedrigen oder gar zu töten."

Es reicht nicht, mit Stolpersteinen der Opfer zu gedenken

Dr. Rita Bake, die für die Hamburger Datenbank verantortlich zeichnet, geht es mit der neuen Daten- bank "nicht um eine Anklage, nicht darum, mit dem Finger auf diese Menschen zu zeigen.“ Sie sei vielmehr eine nötige Voraussetzung, um überhaupt aus der Geschichte lernen zu können. Das wiede- rum setzt ein umfassendes Verständnis für die historischen Zusammenhänge voraus. Bake: „Wir können die Geschichte in ihrer Komplexität nur verstehen, wenn wir nicht nur die Opfer betrachten, sondern auch die Dabeigewesenen. Denn ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben.“

Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen

Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen

Abb.: Aufmarsch von Dabeigewesenen in Gelsenkirchen. Ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben.

Vor diesem Hintergrund werden wir auf unserer Internetpräsenz eine Rubrik unter dem Titel "Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen" - ähnlich der Hamburger Datenbank - anlegen und damit den Blick auf Gelsenkirchener*innen lenken, die das NS-System stützten, sich bereicherten und mit- machten. Denn auch in Gelsenkirchen wohnten Nazis oftmals Tür an Tür mit jüdischen Nach- barn oder Menschen aus anderen Verfolgten- gruppen, die denunziert, ausgeraubt, vertrieben, deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Vom Raubgut, zum Beispiel dem Mobiliar der verfolgten Menschen, profi- tierten nicht nur Parteigenossen und bspw. Mitglieder von SA, Polizei und SS, sondern auch "einfache Volksgenossen" fast jeden Alters. Grundlage für die Gelsenkirchen betreffende Datensammlung sind bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. vom Institut für Stadtgeschichte Gelsen- kirchen, ISG), verschiedene andere Veröffentlichungen zu Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die in den Archiven zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt greifen wir dabei auch auf Ergebnisse unserer bereits getätigten Recherchen zurück.


Bahnhofstraße: Über die Vergangenheit stolpern 

Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen, Familie leo Gompertz

Abb.: Betty (geb.Isacson) und Leo Gompertz mit Albert, Rolf und Fritz (später Fred) in Gelsenkirchen, 1930.

Noch in diesem Jahr wird Bildhauer Gunter Demnig erste Stolpersteine auf der Bahnhof- straße verlegen. Die beliebte Einkaufsmeile im Herzen der Gelsenkirchener Innenstadt wurde in den 1930er Jahren im Volksmund 'Jerusa- lemer Straße' genannt, weil sich dort auch viele Geschäfte jüdischer Inhaber befanden. An der Bahnhofstraße 22, Ecke Klosterstraße war das alteingessene und bekannte Pelzhaus Gom- pertz beheimatet. Dort werden fünf Stolper- steine in Erinnerung an die im so genannten "Dritten Reich" vetriebene jüdische Familie Gompertz verlegt.

An sechs weiteren Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet wird Gunter Demnig am diesjährigen Verlege- tag weitere 22 Stolpersteine einsetzen, der Termin und die Uhrzeiten der einzelnen Verlegungen werden rechtzeitig bekannt gegeben.


Stolperstein-Geschichten: Buchprojekt sucht Sponsoren 

Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen

Abb.: Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“.

In Gelsenkirchen erinnern bisher 161 Stolper-steine an Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer von Verfolgung, Vertreibung und Mord in der Zeit des Nationalsozialismus geworden sind. Weitere 25 der kleinen Denkmale kommen noch in diesem Jahr hinzu. Die Lebens- und Leidens- wege der in Gelsenkirchen mit Stolpersteinen geehrten Menschen sollen jetzt auch in einem Buch dokumentiert werden.

Dazu haben die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen und der Weimarer Eckhaus-Verlag eine Projektpartnerschaft vereinbart. Der Verlag hat dazu ein Finanzierungskonzept ent- wickelt: Sponsoren können die Druckkosten für Klassensätze von jeweils dreißig Büchern über- nehmen, die Bücher werden dann kostenlos an Schulen abgegeben. Die Sponsoren können sich auch mit einem Begleitwort am Buchtext beteiligen und werden im Buch mit Firmenlogo im Anhang erwähnt. Interessierte können sich für weitere Informationen bzzgl. der Gelsenkirchener Ausgabe an Andreas Jordan wenden: (info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de)

Ulrich Völkel (Hrsg.): "Helfen Sie mit, diese Buchreihe zu verwirklichen. Über 25 deutsche Städte haben bereits Interesse bekundet, sich mit Lebensgeschichten zu den Stolpersteinen ihrer Stadt in unsere Buchreihe einzubringen. Der Eckhaus Verlag sieht sich also einer großen Aufgabe für die kommenden Jahre gegenüber. Unser Engagement bei der Herstellung der Bücher ist dabei ehrenamtlich. Deshalb sind wir jederzeit dankbar für Sponsoren, die sich mit der Finanzierung eines Klassensatzes für die Schüler ihrer oder einer anderen Stadt engagieren. Auch einzelne Bücherspenden sind willkommen, diese fassen wir jeweils zu Sammel-Klassensätzen zusammen."

Buchprojekt Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen: Bestellformular für Sponsoren

Pressemitteilung des Eckhaus-Verlag vom 12. Juni 2017:

Stolpersteine und Gedenken in Gelsenkirchen

Der Eckhaus Verlag Weimar hat die Idee des Kölner Bildhauers Gunter Demnig aufgegriffen, Opfern nationalsozialistischen Terrors, die zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben, indem ihre Lebens- und Leidensgeschichte erforscht und für die Nachwelt erhalten werden soll. In der Buch- reihe „Stolperstein-Geschichten in …“ erzählen engagierte Bürger, was sie in mühseliger Forschungs- arbeit über die Opfer des Holocausts ihrer Stadt herausgefunden und des Gedenkens für wert befun- den haben. Es ist im Sinne des Wortes notwendig, Vergangenes und Bewältigtes ins heutige Bewusst- sein zu heben, um einer Wiederholung des Grauens rechtzeitig zu begegnen, ehe die warnenden Spuren gänzlich im Orkus des Vergessens versinken.

Die Nazis haben nicht nur Menschenleben ausgelöscht, sie haben auch die Biografien ihrer Opfer auslöschen wollen. Gunter Demnigs weltweit verlegte Stolpersteine – es sind inzwischen knapp 60.000 – und die Buchreihe des Eckhaus Verlages Weimar sind dieser Erinnerung und diesem Gedenken nicht aus nostalgischen Gründen geschuldet. Es geht um die Spuren heutigen Lebens in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermaßen.

Im September 2016 ist der erste Band „Stolperstein-Geschichten in Weimar“ erschienen. Mitglieder regionaler Vereine und Forschungsgruppen in mehr als 25 Städten haben um Aufnahme in die Buchreihe nachgefragt. Unter ihnen befand sich auch die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsen- kirchen. Sie wurde 2005 gegründet und ist organisatorisch Teil des Gelsenzentrum e.V., eines als gemeinnützig anerkannten Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte in Gelsenkirchen. Alle Mitglieder dieser Gruppe arbeiten ehrenamtlich. Ihre oft nur einem kleinen Kreis bekannte Tätigkeit hat öffentliche Anerkennung verdient. Auch das ist eine Absicht dieser Buchreihe. Der Verlag verfolgt mit dieser Buchreihe keine wirtschaftlichen Absichten. Alle Leistungen wie z. B. Lektorat, Layout und Öffentlichkeitsarbeit erfolgen kostenfrei.

Ganz besonders wendet sich das Buchprojekt an die jüngere Generation. Zahlreiche Spenden von Firmen, Institutionen und Einzelpersonen machen es möglich, die Bücher in Klassensätzen (jeweils 30 Stück) kostenlos an die Schulen abzugeben, wo sie, wie die Erfahrungen aus Weimar inzwischen überzeugend belegen, als wichtige Ergänzung zum Geschichtsunterricht verwendet werden. Schon in die Vorbereitung auf das Buch, während der vom Ministerpräsidenten Thüringens erfolgten Buchpre- miere, und mit der als Tradition begründeten jährlichen Reinigung der Stolpersteine am 9. November wurden Schüler einbezogen. Geschichte wurde für sie auf diese Weise Erleben.

Die Gelsenkirchener Projektgruppe und der Verlag haben die Arbeit an dem Buch aufgenommen. Es soll 2018 in einer festlichen Premiere vorgestellt und an die Schulen übergeben werden. Schon jetzt können sich potenzielle Sponsoren einbringen, um Klassensätze zu stiften und damit die Realisierung des Buchprojektes zu gewährleisten.


Völkermord: 74. Jahrestag der Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma  

Internierungslager Reginenstraße in Gelsenkirchen

Abb.: Internierungslager Reginenstraße in Gelsenkirchen, ca. 1938/39. Das Foto stammt aus einer Serie der so genannten "Rassehygienischen Forschungstelle" (RHF) und zeigt eine vorgebliche Lebenssituation Sinti und Roma, in Szene gesetzt von den "Rassebiologen" der RHF. Das die Aufnahme in einem Internierungslager entstand, ist für den Betrachter nicht ersicht- lich. Diese Art von Fotos sollte die menschenverachtende NS-Darstellung des "Zigeunerlebens" unterstreichen.

Am 9. März 1943 wurden die noch in Gelsen- kirchen in einem Internierungslager an der damaligen Reginenstraße lebenden deutschen Sinti und Roma festgenommen und in das so genannte "Zigeunerfamilienlager" Auschwitz-Birkenau verschleppt. In den Lagerbüchern des KZ ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen verschleppten Menschen am 13. März 1943 festgehalten. Die Lebenswege von 164 Menschen endeten mit der Ermordung im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau und die von 48 mit einem unbekannten Schicksal in Auschwitz. 31 als "Zigeuner" verfolgte Menschen mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen konnte eine Deportation nach Polen im Mai 1940 nachgewiesen werden, fünf weitere Menschen, ebenfalls Angehörige dieser Minderheit, wurden in anderen Lagern des so genannten "Dritten Reiches" ermordet.

Im Schlußwort der bisher einizigen in Buchform erschienen Dokumentation zu den Lebens- und Leidens- spuren Gelsenkirchener Sinti und Roma im so genannten "Dritten Reich" von Stefan Goch aus dem Jahr 1999 schreibt der Autor zusammenfassend:

"Die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma wurde bürokratisch korrekt überwiegend vom Verwaltungsapparat der Stadt Gelsenkirchen und einigen weiteren Verwaltungs- und Verfolgungsbehörden des "Dritten Reiches" abgewickelt. (...) Im Gesamtprozeß kann festgestellt werden, daß die Gelsenkirchener Akteure keineswegs nur übergreifende Regelungen anwendeten und gewissermaßen "von oben" geführt und angewiesen handelten, sondern ein beträchtliches Maß an Eigeninitiative bei der Verfolgung von Sinti und Roma entwickelten. An der Verfolgung und Ermordung dieser Menschen nahmen zahlreiche "ganz normale" Gelsenkirchener teil. Wie deren schriftliche Hinterlassenschaften widerspiegeln, wußten diese, was sie taten, und sie hatten keinerlei nachweisbare Gewissensbisse. Keiner der an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen Beteiligten wurde für die Beteiligung an der Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen zur Rechenschaft gezogen.

Diejenigen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg mit der "Bekämpfung der Zigeunerplage" in Gelsenkirchen mit den hier dargestellten Ergebnissen befaßten, kamen aus der Mitte der lokalen Gesellschaft Gelsenkirchens und Deutschlands und spiegelten in ihrem Verhalten, ihren Denk- und Verhaltensweisen die lokale und die deutsche Gesellschaft wider. Am Beispiel Gelsenkirchens zeigt sich auch die zentrale Rolle der Zweige des Polizeiapparates, die gewissermaßen "im Schatten der Gestapo" an den Verbrechen während des "Dritten Reichs" beteiligt waren. Auch wird die umfassende Beteiligung von Teilen der Stadtverwaltung an den Verbrechen während des "Dritten Reiches" sichtbar.

Terror und Mord waren nicht das Werk einiger weniger Unterdrücker, sondern an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen waren viele Gelsenkirchener und vor allem Gelsenkirchener Beamte beteiligt, die keineswegs allesamt überzeugte Nationalsozialisten waren. Weiterhin ist für die ganze deutsche ebenso wie für die lokale Gesellschaft festzustellen: Die hier dargestellten Ereignisse fanden mitten in der Gesellschaft statt. Die Ausgrenzung, Diskriminierung und offensichtliche Verfolgung von Sinti und Roma in Deutschland und in den besetzten Gebieten rief keine Proteste hervor."

(Schlußwort in: Stefan Goch, „Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen“ – Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des "Dritten Reiches" im Raum Gelsenkirchen; 1. Auflage 1999, Klartext, Essen. ISBN: 3-88474-785-1.)


Sohn übernimmt Patenschaft für Stolperstein - Angehörige wollen selbst zahlen  

Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen

Abb.: Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen

Sein Vater Fritz Gompertz gehörte ebenso zu den vom heutigen Grillo-Gymnasium unter der NS-Gewaltherrschaft vertriebenen jüdischen Schülern wie sein Onkel Albert Gompertz. Am Freitag begab sich Ron Gompertz gemeinsam mit Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) auf Spurensuche zu seinen familiären Wurzeln in Gelsenkirchen. Einer der ersten Wege führte zum Grillo-Gymnasium, dem damaligen "Städt. Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Straße". Vor dem Schulgebäude an der Hauptstraße erinnern seit Anfang Oktober letzten Jahres die ersten sechs von insgesamt vierunddreißig zu verlegenden Stolpersteinen an von dieser Schule vertriebene jüdischen Schüler. Eines der kleinen Mahnmale ist Albert Gompertz gewidmet, einer der drei Söhne von Leo und Betty Gompertz. Von den Nazis in die Flucht getrieben, gelangte Familie Gompertz Ende der 1930er Jahre über Holland in die rettende USA.

Aus einem Bericht von Leo Gompertz:

"Am Mittag des 10. November (1938) kam dann Herr Hohnroth, der einige Jahre vorher Lehrer meines Sohnes Albert gewesen war, mit einer Gruppe von Gymnasiasten in unser Geschäft und zerstörte die Inneneinrichtung vollständig und alles, was noch nicht in der vorherigen Nacht verwüstet worden war. Meine jüdischen Angestellten wurden gezwungen, alles zu reinigen und die Glassplitter mit bloßen Händen aufzuheben. Mein zweiter Sohn Fritz, der zu dieser Zeit 14 Jahre alt war und als Lehrling in unserer Werkstatt gearbeitet hatte, wurde ebenso gezwungen, beim Aufräumen zu helfen. Für diese Zeit muss ich unseren jüdischen Frauen, die in dieser Zeit, ohne eine Träne zu vergießen und sich durch die Männer, die ihre Männer blutig geschlagen hatten, einschüchtern zu lassen, Haltung bewiesen, großes Lob aussprechen. Sie taten alles, um ihre Männer so schnell wie möglich zu befreien." Unvergessen - Leo Gompertz, jüdischer Aktivist

Im Spätsommer diesen Jahres sollen vor dem Grillo weitere Stolpersteine verlegt werden, darunter dann auch ein Stolperstein für Fritz Gompertz. "Der Stolperstein für meinen Vater Fred (der früher den Vornamen Fritz trug) soll neben dem seines Bruders Albert liegen." wünscht sich Ron Gompertz, und weiter: "Es tut gut zu wissen, dass die Namen meiner Vorfahren in Gelsenkirchen nicht vergessen sind." In Absprache mit den Nachfahren werden schon bald an der Bahnhofstraße22/Ecke Kloster- straße Stolpersteine für die damals dort lebende Familie Gompertz verlegt. Im Gedenken wird die Familie so symbolisch wieder zusammengeführt - genau dort, wo sie einst ihren Lebensmittelpunkt hatten, bevor sie dem NS-Rassenwahn nur knapp entrinnen konnten.

An diesem Ort betrieb die Familie auch ein alteingesessenes und weit über Gelsenkirchen hinaus bekanntes Pelzgeschäft - bis das Geschäft staatlich legitimiert enteignet wurde - bei den Nazis "Arisierung" genannt. Für Montag steht noch das Institut für Stadtgeschichte und der Besuch des Jüdischen Friedhofs an der Wanner Straße/Oskarstraße auf Ron Gompertz Agenda. "Zur Verlegung der Stolpersteine komme ich wieder nach Gelsenkirchen, wenn es mir zeitlich möglich ist." sagt Ron, der seit kurzem neben der amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, die seinen Vorfahren während des "Dritten Reiches" entzogen worden war. "Ich habe meinen deutschen Reisepass erst vor zwei Wochen bekommen, damit hat sich jetzt für mich mit meinem dritten Besuch Gelsenkirchens ein Kreis geschlossen." so Ron Gompertz. Die Stolpersteine, die für Leo, Betty, Albert, Fritz (später Fred) und Rolf Gompertz an der Bahnhofstraße 22 verlegt werden, wollen die Nachfahren aus verschiedenen Gründen selbst bezahlen.


Holocaust-Gedenktag 2017: Jugendorganisationen putzen Stolpersteine vor dem MIR 

Feiga Jeckel, Gelsenkirchen

Abb.: Von li. n. re.: Salomon Tepper, Hanna Ramer, Sara Tepper und Leib Steuer. Die kleine Hanna Ramer konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden.

Am Freitag, den 27. Januar findet am Kennedy-platz/Florastraße (Bushaltestelle vor dem MIR) eine Gedenkveranstaltung statt. DGB-Jugend Emscher-Lippe, Jusos und Falken Gelsenkir- chen wollen um 14.30 Uhr die dort verlegten Stolpersteine putzen, eine Schweigeminute ist geplant. Acht Stolpersteine erinnern an dieser Stelle an die Lebens- und Leidenswege der jüdischen Familien Ramer und Tepper. Hanna Ramer konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden, ihr Vater Jakob Ramer wurde 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen, Mutter Lisa Ramer in Riga ermordet. Max Tepper überlebte versteckt in Holland, seine Schwester Anna wurde in Sobibor, Schwester Dora in Auschwitz ermordet. Die Spur seines Vaters Salomon verliert sich im so genannten " Durchgangsghetto" Izbica bei Lublin, Mutter Sara wurde in Riga ermordet.

Im Anschluss findet dann im Foyer des Großen Hauses im MIR ab 15.30 Uhr eine Veranstaltung in Koope- ration mit dem Institut für Stadtgeschichte (ISG) und der Jüdischen Gemeine Gelsenkirchen im Rahmen des Internationalen Gedenktages der Opfer des Holocaust statt. Der Einritt ist frei.


Briefe an einen geretteten Sohn 

Unter Mitwirkung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland konnte Ernst Alexander nach Amerika in Sicherheit gebracht werden

Abb.: Unter Mitwirkung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland konnte Ernst Alexander nach Amerika in Sicherheit gebracht werden. Zum Vergrößern anklicken

Der Gelsenkirchener Ernst Alexander konnte 1938 mit einem Kindertransport in die USA in Sicherheit gebracht werden. Eine jüdische Familie in Nebraska adoptierte den Jungen. Aus dieser Zeit ist ein Konvolut von Briefen und Postkarten erhalten, die Frieda Alexander zwischen September 1938 und November 1941 u.a. an ihren geliebten Sohn schrieb, darunter ist auch der Briefwechsel zwischen den Freunden Ernest Alexander (Er änderte in den USA seinen Vornamen "Ernst" in "Ernest") und Isidor Jeckel. Die in Israel lebenden Söhne von Ernest Alexander hatten uns diese Briefe als digitale Kopien nebst von Ernest Alexander gefertigten Abschriften vor geraumer Zeit zu lokalgeschicht- lichen Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Es sind bewegende Zeugnisse, die tiefe Einblicke in das jüdische Leben unter der NS-Gewaltherrschaft in Gelsenkirchen geben.

Frieda Alexander beschreibt darin Warten und Bangen, ob eine Flucht aus Nazi-Deutschland doch noch gelingen kann. Sie beschreibt, wie sich Freude über Alltäglichkeiten und Hoffnungs- losigkeit im Alltag der jüdischen Menschen gegen Ende der Dreißiger Jahre abwechseln. Sie berichtet in ihren Briefen auch von der Vertreibung aus ihrer der Wohnung an der Ringstraße und den zwangs- weisen "Umzug" in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens an der Wanner Str. 4. Im letzten Brief deutet Frieda Alexander an, dass sie von der anstehenden Deportation erfahren hat. Am 27. Januar 1942 wird sie von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Bei einer der Mordaktionen im Ghetto, bei denen die als gesund und "arbeitsfähig" geltenden Menschen von der SS selektiert und zunächst weiterleben "durften", wurde Frieda Alexander am 26. März 1942 ermordet.

Unserer Anregung folgend, ist das Briefkonvolut zwischenzeitlich von der Familie an Yad Vashem übergeben worden. Aufgenommen in die digitale Kollektion der Gedenkstätte Yad Vashem sind diese Briefe jetzt online verfügbar. Auf der verlinkten Seite "2-Scanned File" anklicken, es öffnet sich ein Viewer, in dem die Briefe einzelnd in hoher Auslösung gelesen werden können.


Familiengeschichte: Tochter bringt Licht ins Dunkel  

Feiga Jeckel, Gelsenkirchen

Abb.: Feiga Jeckel entkam den Nazis, ein evangelischer Pfarrer rettete ihr Leben

Am Samstag traf ich mich mit Cindy in Gelsen-kirchen, die mit ihrem Mann David eigens aus England anreiste, um die für die Familie ihrer Mutter Feiga verlegten Stolpersteine zu besuchen. David hatte bei Recherchen im Internet mehr zufällig ein Foto von Cindys Großmutter entdeckt. Seine Verwunderung war groß, hing doch genau dieses Foto seit vielen Jahren zuhause an der Wand. Doch wie kam es ins Internet?

Die Auflösung des Rätsels war nur einige wenige Mausklicks entfernt. Stolpersteine für Markus, Cilla und Isidor Jeckel, verlegt an der Hauptstraße 63, dokomentiert im Web auf unserer Internetpräsenz. Dort fand David genau das Foto, dass die bereits verstorbene Rosa Jeckel 1977 als Abzug an Yad Vashem gegeben hatte - niemand in der Familie hatte davon gewusst.

Unsere Recherchen hatten zwar auf die Spuren der drei Schwestern Else, Rosa und Feiga Jeckel geführt, auch stand fest, das diese ihr nacktes Leben Ende der Dreißiger durch die Flucht nach England retten konnten. Doch die schlechte Quellenlage ließ bisher keine Stolpersteinverlegung für die Tanten und die Mutter von Cindy zu, zu vage waren unsere Rechercheergebnisse. Erst Cindy brachte durch mitgebrachte Dokumente und Fotos sowie weiteren biografischen Details aus der Familiengeschichte Licht ins Dunkel. Wir konnten so die Dokumentation der Lebens- und Leidenswege der Familie Jeckel auf unserer Internetpräsenz ergänzen. Die drei Stolpersteine sollen nachverlegt werden, so wird Familie Jeckel im Gedenken symbolisch wieder zusammengeführt. Nun ist die Bürgerschaft gefordert: Zur Finanzierung der Stolpersteine für Else, Rosa und Feiga Jeckel werden Stolperstein-Paten gesucht. Info: (0209) 9994676 oder per Email: Email an die Projektleitung senden Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen


Hans-Sachs-Haus im Dritten Reich: Hier regierten die Diener Hitlers  

Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Zwischen 1933-1945 Unrechtsort und Sitz der Stadtverwaltung

Abb.: Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Zwischen 1933-1945 Unrechtsort und Sitz der Stadtverwaltung. Foto:ISG, Fotosam-mlung, Bild-Nr. 409

Die Rolle der Kommunen bei der NS-Verfol-gungspolitik werden noch immer unterschätzt. Dabei führten die Rathäuser nicht nur Weisun- gen aus, sondern gingen immer wieder über zentrale Vorgaben hinaus. Städte und Gemein- den spielten im Dritten Reich eine wichtige Rolle, hatten sie doch als untere Verwaltungs- behörden die NS-Politik auf kommunaler Ebene umzusetzen. Die Kommunalverwaltungen stan- den in engem Kontakt mit der Bevölkerung und erfuhren deren Reaktionen - zustimmender wie ablehnender Art - unmittelbarer als jede andere Behörde. Aus Sicht des Regimes erfüllten sie eine wichtige Funktion: Für den Durchhaltewillen und die Moral der Bevölkerung ist zum Beispiel die Bedeutung des kommunalen Krisenmanage- ments nach Bombenangriffen kaum zu über- schätzen. Aufgrund ihrer integrativen Funktion waren die Kommunen auch in die NS-Verfol- gungspolitik involviert - sonst wäre diese nicht so "effektiv" durchzusetzen gewesen. Es gibt wohl kaum eine Verfolgungsmaßnahme, bei der kommunale Stellen nicht einbezogen oder wenigstens darüber unterrichtet gewesen wären. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass die Mitwirkung der Kommunen an der NS-Verfol-gungspolitik lange Zeit wenig beachtet wurde. Lokalgeschichtliche Abhandlungen beschränken sich häufig auf die "Gleichschaltung" der Rathäuser und brechen danach ab. Die NS-Verfolgungspolitik durch die Kommunen ist weithin noch immer nur unzureichend erforscht.

Die Städte und Gemeinden waren stärker in die NS-Verfolgungspolitik einbezogen als bislang ange- nommen. Sie entließen Mitarbeiter aus rassischen und politischen Gründen. Sie wirkten an der Juden- verfolgung und an Deportationen mit, "arisierten" Kunstgegenstände, private Bibliotheken, Gold- und Silbergegenstände sowie Immobilien. Die kommunalen Gesundheitsämter sorgten für die massenhafte Sterilisierung von "Erbkranken". Die Stadtverwaltungen vertrieben Sinti und Roma aus ihren Wohnun- gen und verfolgten sie. Die städtischen Bauämter beschäftigten in großer Zahl Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Besonders bemerkenswert ist, dass die kommunalen Beamten und Angestellten ihre Handlungsspielräume häufig nicht im Sinne der Opfer nutzten, sondern immer wieder über Direktiven "von oben" hinausgingen bzw. sogar Verfolgungsmaßnahmen aus eigenem Antrieb ersannen. Auf dem Gebiet der Verfolgungspolitik lassen sich keine nennenswerten Gegensätze zwischen den Kommunen und den örtlichen Parteistellen ausmachen, die sich ansonsten heftige Konflikte lieferten. Daher muss das Bild von einem Gegensatz zwischen der "alten Bürokratie" und der neuen NSDAP-Bürokratie, wie es in der älteren Literatur entwickelt wurde, in Frage gestellt werden.

Für die Lokalgeschichtsschreibung tut sich hier ein weites Forschungsfeld auf, wie sich am Beispiel der Edelmetallabgabe zeigen lässt, die Juden 1939 aufgezwungen worden war. Binnen zweier Wochen hatten sie alle Gegenstände aus Silber und anderen Wertmetallen in den städtischen Pfandleihhäusern abzuliefern. Der Ankauf war ein verkappter Raub, denn gezahlt wurden lediglich zwei Pfennig pro Gramm Silber. Diese zentrale, organisatorisch aufwändige Verfolgungsmaßnahme wurde nicht von der Partei oder der Gestapo, sondern von den Kommunen ausgeführt. In rund 60 kommunalen Pfandleih- anstalten im Reich wurden so genannte öffentliche Ankaufstellen eingerichtet, in denen Verwaltungs- mitarbeiter die abgegebenen Gegenstände registrierten, ihren Wert abschätzten, den Juden eine geringe Entschädigung dafür auszahlten, die Gegenstände einschmelzen ließen, versteigerten oder an eine zentrale Stelle nach Berlin weiterleiteten. Die Leihämter schickten insgesamt 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold an die Schmelzanstalten. Die Gesamteinnahmen der öffentlichen Ankaufstellen für Wertsachen von Juden werden mit reichsweit mit rund 54 Millionen RM beziffert.

Andere Verfolgungsfelder in der lokalgeschichtlichen Darstellung

Auch andere Verfolgungsfelder fehlen in vielen lokalgeschichtlichen Darstellungen. Letztlich ließe sich über die erwähnten Beispiele hinaus anhand jedes beliebigen kommunalen Amtes die Mitwirkung der Städte an der NS-Verfolgungspolitik dokumentieren:

Die Personalämter entließen nach dem Berufsbeamtengesetz Mitarbeiter aus politischen und rassischen Gründen.
Die Sportämter beschlagnahmten die Sportanlagen von jüdischen Vereinen und der Arbeiterbewegung.
Die Gartenverwaltungen vertrieben Juden aus den öffentlichen Grünanlagen.
Die Statistischen Ämter ermittelten die Anzahl von Juden und "Mischlingen" im Stadtgebiet in Zusammenarbeit mit der Geheimen Staatspolizei.
Die Einwohnerämter führten Suchkarten des Gesundheitsamtes für Geschlechtskranke.
Die Wohlfahrtsämter lieferten Informationen in Sterilisations- sowie Ehegesetzgebungsverfahren und waren an der Verfolgung von "Asozialen" beteiligt.
Die Standesämter arbeiteten bei der Umsetzung der Ehegesetzgebung mit den Gesundheitsämtern Hand in Hand.
Die Stadtarchive lieferten Material zur "Sippenforschung".
Die Schulämter gaben Beurteilungen von Hilfsschülern zur Verwendung in Sterilisationsverfahren weiter und schlossen jüdische Kinder vom Unterricht aus.
Die Wohnungsämter vertrieben Juden, Sinti und Roma aus ihren Wohnungen und bereiteten Deportationen vor.
Die Fürsorgebehörden schlossen Juden von Sozialleistungen aus.
Die Oberbürgermeister genehmigten in vielen Kommunen die "Arisierungen" von Einzelhandelsgeschäften.
Die Grundstücksämter kauften Immobilien von jüdischen Eigentümern, die auswandern mussten oder deportiert wurden.
Die Kämmereien verbuchten das "arisierte" Vermögen in den städtischen Haushalten.
Die Bauämter organisierten die städtischen Kriegsgefangeneneinsätze.
Die Wirtschafts- und Ernährungsämter waren für die Lebensmittelrationierung für sämtliche Einwohner zuständig - inklusive der Juden sowie der Insassen in Gefängnissen, Gefangenen- und Konzentrationslagern. Kaum eine Behörde verfügte über einen solch umfassenden Überblick über das NS-Lagersystem.

Die Liste ließe sich fortsetzen. War es in Gelsenkirchen anders? Davon ist nicht auszugehen. Im Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939 sind beispielsweise die jeweiligen Leiter der einzelnen Ämter innerhalb der Stadtverwaltung namentlich aufgeführt - Wer war wann in welche Entrechtungs- und Verfolgungsmaßnahme involviert? Den Kommunen bleibt viel Arbeit, wenn sie ihre Mitwirkung an der NS-Verfolgungspolitik aufar-beiten wollen. Dabei darf der Blick sich nicht nur auf das antidemokratische und rassistische Verwaltungs-handeln vor 1945 beschränken, dazu gehören auch erste Formen des Umgangs mit der eigenen Vergan-genheit, etwa Fragen der Entnazifizierung, die Entschädigung Betroffener oder auch die Wiedereinglie-derung "belasteter" Beamter.

Anregung findet keine Mehrheit - Gedenktafel abgelehnt

Die von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) jüngst angeregte Errichtung einer Gedenktafel am Haupteingang des Hans-Sachs-Hauses, die expliziet auf die Beteiligung der Gelsenkirchener Stadt- verwaltung an Verfolgungs- und Vernichtungspolitik im so genannten "Dritten Reich" verweisen sollte, wurde vom zustän- digen Kulturausschuss in der Sitzung vom 1. Februar 2017 mehrheitlich abgelehnt. Begründet wurde die Ablehnung u.a. mit dem Hinweis auf eine im Foyer des HSH angebrachte Tafel, die jedoch lediglich die Baugeschichte des Hans-Sachs-Hauses beleuchtet und zudem "verdeckt" angebracht worden ist. Erinnerungs- und Geschichtspolitik erfordert auch Mut, mit der Ablehnung einer Gedenktafel wurde eine Chance vertan, jenseits von fragwürdigen Entlastungstrategien eine Deutung der Lokalgeschichte wach zu halten, die nichts abschwächt oder verharmlost. Das es auch anders geht, hat vor einiger Zeit das Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer gezeigt. Am Gebäude erinnert nun eine öffentlich zugängliche Erinnerungs- orte-Tafel u.a. an die Beteiligung Gelsenkirchener Polizei- beamter während der NS-Gewaltherrschaft in den Polizeibataillonen 65 und 316 an Massenmord und Verbrechen hinter der Front.


Am 20. Januar jährt sich zum 75. Mal der Tag der so genannten Wannseekonferenz 

Gauleiter Meyer an erster Stelle auf der Teilnehmerliste der Wannseekonferenz

Abb.: Gauleiter Meyer an erster Stelle auf der Teilnehmerliste der Wannseekonferenz. Alfred Meyer war von 1923 bis 1930 zunächst Zechenbeamter auf der Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen. Am 1. April 1928 trat er der NSDAP bei und wurde sogleich Ortsgruppenleiter der Partei in Gelsenkirchen. 1929/30 stieg er zum Leiter des Bezirks Emscher-Lippe auf. Im November 1929 wurde er als einziges NSDAP-Mitglied in den Rat der Stadt Gelsenkirchen gewählt. Im September 1930 zog er als Abgeordneter in den Reichstag für den Wahlkreis Westfalen- Nord ein. Klick: Besprechungsprotokoll lesen.

Der Massenmord an Juden sowie an Sinti und Roma war längst beschlossene Sache und schon im Gange. Die ersten Züge mit ihrer Menschenfracht rollten bereits Richtung Osten, als die berüchtigte Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee bei Berlin stattfand. Hauptzweck der Konferenz - in den Einladungen als "Besprechung mit Frühstück" bezeichnet - war die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten zu organisieren und zu koordinieren. Einziger Tagesordnungspunkt: "Die Endlösung der Juden- frage". Die Teilnehmer, 15 führende Nazis, darunter Vertreter der SS und aller betroffenen Staatsbehör- den, legten den zeitlichen Ablauf für die weiteren Massentötungen fest, grenzten die dafür vorge- sehenen Opfergruppen genauer ein und einigten sich auf eine Zusammenarbeit unter Leitung von Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Adolf Eichmann, der "Judenreferent" Heydrichs, war für das Protokoll zuständig.

Heydrichs Plan sah die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen vor. Er nannte ihn "Endlösung der europäischen Judenfrage", das bedeutet nichts anderes als die Koordination des Massenmordes, geplant war die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen jüdischer Menschen. Vorgesehen war der Einsatz der Verschleppten zum Straßenbau im Osten, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Der "verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, ent- sprechend behandelt werden". Hunderttausende der deutschen "Volksgenossen" halfen dabei mit, allein 6 Millionen jüdische Menschen fielen der Massenvernichtung zum Opfer - eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Weiterlesen: Koordination des Massenmordes


75. Jahrestag der Riga-Deportation: Ausstellungshalle in Gelsenkirchen war "Juden-Sammellager" 

Symbolfoto: Juden in Coesfeld werden am 10. Dezember 1941 für den Abtransport in das Ghetto Riga 'gesammelt'

Abb.: Symbolfoto, Juden in Coesfeld werden am 10. Dezember 1941 für den Abtransport in das Ghetto Riga "gesammelt". Foto: YIVO Institute for Jewish Research, New York

Am 27. Januar 1942 vollzog sich mit der Depor-tation in das Ghetto Riga einer der letzte Schritte zur Vernichtung der jüdischen Gemeinde Gelsen- kirchens. Der 27. Januar sollte nach meinem Dafürhalten zum zentralen Gedenktag für die örtliche Geschichte des Holocaust werden. Nicht zuletzt symbolisiert dieser Tag exemplarisch auch die kommunale Mitwirkung an der NS-Politik, denn die Stadt Gelsenkirchen hatte als untere Verwal-tungsbehörde die NS-Vernichtungspolitik auf kommunaler Ebene umzusetzen. Zeitgleich wird am 27. Januar der Internationale Holocaust-Gedenktag begangen: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr am 27. Januar in vielen Städten Europas an den industriellen, millionenfachen Massenmord der Nazis erinnert.

Einige Tage vor dem Abtransport in das Ghetto Riga wurden die von der Deportation Betroffenen zur Aus- stellungshalle am Wildenbruchplatz verschleppt. In dieser Halle, von den Nazis zum temporären “Juden-sammellager“ umfunktioniert, wurden rund 360 jüdische Frauen, Männer und Kinder jeden Alters aus Gelsenkirchen eingepfercht, etwa 150 weitere jüdische Menschen wurden aus umliegenden Städten nach Gelsenkirchen transportiert. Die NS-Verfolgungsbehörden stellten in diesen Tagen ab Gelsenkirchen einen der so genannten „Judensammeltransport“ zusammen. Die Menschen wurden im Sammellager ihrer Wertsachen beraubt, Frauen und Mädchen wurden gynäkologisch untersucht, um so jedes mögliche Versteck für Schmuck oder Geld aufzuspüren.

Vor 75 Jahren sahen an diesem 27. Januar die in der Ausstellungshalle 506 eingesperrte Menschen einer schrecklichen, von den Nazis bereits vorbestimmten Zukunft entgegen. Die Menschen wussten nicht, was sie am Bestimmungsort erwarten sollte. Einige Wochen vor der Deportation hatten die Betroffenen bereits Briefe erhalten, darin wurde dem Empfänger mitgeteilt, dass er zur „Evakuierung in den Osten“ eingeteilt ist und sich an einem bestimmten Tag für den Transport bereit zu halten habe.

Die Menschen glaubten zu diesem Zeitpunkt noch an einen "Arbeitseinsatz" im Osten, wurde doch in dem Brief detailliert aufgelistet, welche Ausrüstungsgegenstände mitzunehmen sind: Schlafanzüge, Nachthemden, Socken, Pullover, Hosen, Hemden, Krawatten, warme Kleidung, Näh- und Rasierzeug, Bettzeug, Medikamente und Verpflegung. Arbeit im Osten, daran glaubte man. Denn Arbeit bedeutet Brot, und Brot bedeutet Leben, bedeutet Überleben, so dachte man. Niemand konnte sich vorstellen, dass das alles nur Lug und Trug war, perfider Teil eines Mordplans, den die Nazis „Endlösung“ nannten. In den frühen Morgenstunden des 27. Januar 1942 wurden die Menschen dann zum alten Güterbahnhof getrieben, ihr weniges Gepäck wurde verladen. Der Zug verließ schließlich Gelsenkirchen in Richtung Riga. Dieser Menschentransport war der erste aus Gelsenkirchen, weitere in das Ghetto Warschau und in das Ghetto und "Durchgangslager" Theresienstadt sollten in den nächsten Monaten folgen.

Die von der Deportation betroffene jüdische Bevölkerung Gelsenkirchens musste den Transport in das Ghetto Riga, der für die meisten eine Reise in den Tod war, selbst bezahlen. Aus dem Nachlass von Lewis R. Schloss aus Gelsenkirchen-Horst sind Benachrichtigungen im Zusammenhang mit der Deportation erhalten. Die staatlich legalisierte Ausplünderung jüdischer Menschen setzte sich auch bei der Deportation fort: Für drei Familienmitglieder mussten 150,- RM als „Gebühr Evakuierung“ und 120,- RM „Transportkosten“ für die Mitnahme der beweglichen Habe gezahlt werden – gegen Quittung. Die Waggons mit den wenigen Habseligkeiten der Verschleppten wurden jedoch bereits in Hannover abgehängt, ihren Besitz haben die Menschen nie wiedergesehen. Diese Dokumente weisen wie kaum andere auf die perfide und zynische Handlungsweise der Nazis, mit der diese die Deportation vorbereiteten und organisierten. Die so genannte „Endlösung“ war zu diesem Zeitpunkt längst beschlossene Sache.

Die Deportationsrichtlinien erließ das so genannte "Judenreferat" des Reichssicherheitshauptamtes. Die örtlichen Stapoleitstellen fassten sie für den lokalen Bereich zusammen und organisierten für ihren Zuständigkeitsbereich den gesamten Abtransport. So waren der Dienstsitz der Stapoleitstellen das Zentrum, zu dem die Judentransporte der umliegenden Städte und Gemeinden zumeist zusammengeführt wurden, um dann den Transport gemäß den Absprachen mit der Deutschen Reichsbahn auf seinen verhängnisvollen Weg zu schicken. Die lokale Schutzpolizei begleitete die Transporte bis nach Riga. Diese Männer waren natürlich in Besitz einer Rückfahrkarte.

Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und die noch bestehenden jüdischen Gemeinden, die unter dem Kuratel der Gestapo standen, wurden gleichermaßen mit einbezogen. Sie waren gezwungen, die Deportationslisten nach den Richtlinien der Gestapo zusammenzustellen, die dann von der Staatspolizei überarbeitet und genehmigt wurden. Sie „betreuten“ die Menschen bis zum Abtransport. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten – u.a. in Dortmund, Bielefeld und Hannover – in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 das Ghetto Riga in Lettland.

Plan des Rigaer Ghettos mit den verschiedenen Zonen nach dem 8. Dezember 1941

Plan des Rigaer Ghettos mit den verschiedenen Zonen nach dem 8. Dezember 1941. (Erstellt von Peter Palm, Berlin.) Die Juden aus Gelsenkirchen und Umgebung, die so genannte "Dortmunder Gruppe" war in der Ludzas iela 36 (Nähe Prager Tor) untergebracht.

Die allermeisten der am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga verschleppten jüdischen Menschen wurden von den Nazis ermordet. Die oftmals einzigen Spuren ihres Lebens finden sich heute meist nur noch in den alten Meldeunterlagen der Stadtverwaltung. Es sind verschleiernde bürokratischen Vermerke wie „amtlich abgemeldet“, „nach dem Osten abgeschoben“ oder „unbekannt verzogen“. Es blieben von den Verschleppten nur wenige Menschen am Leben, die zurückkehrten und Zeugnis ablegen konnten.

Heute erinnert an diesem Gelsenkirchener Tatort am Wildenbruchplatz (fast) nichts mehr an das „Juden-sammellager“ und die Deportation vom 27. Januar 1942. Im Gehweg vor der Polizeiwache liegt ein Stolperstein. Das kleine Denkmal erinnert an die Jüdin Helene Lewek, die sich in der Ausstellungshalle der bevor-stehenden Deportation durch Flucht in den Tod entzog. Derzeit erinnert nur dieser Stolperstein symbolisch auch an die jüdischen Menschen aus Gelsenkirchen und Umgebung, die in der Aus-stellungshalle "gesammelt" und am 27. Januar 1942 nach Riga in Lettland verschleppt worden sind. Die von mir im Frühjahr 2014 an den Rat der Stadt Gelsenkirchen gerichtete Anregung, am damaligen Standort des Sammellagers einen Gedenk- und Erinnerungsort zu errichten, ist bisher nicht realisiert worden. (aj)

Detaillierter Bericht von Jeanette Wolff aus dem Jahre 1947: "Ich habe Riga überlebt."

 

Ältere Beiträge

Hier finden Sie Beiträge von April 2009 - Dezember 2016 aus der Rubrik → Aktuelles & Termine


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.

↑ Seitenanfang