STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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„Was keiner geglaubt haben wird, was keiner gewusst haben konnte, was keiner geahnt haben durfte, das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte.“ (Erich Fried)

Aktuelles & Termine

In loser Folge veröffentlichen wir in dieser Rubrik Aktuelles rund um das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen.

+ + + Nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen im Sept./Okt. 2016 + + +

 


Stolpersteine sollen an Familie eines jüdischen Schalke-Sponsors erinnern  

Stolpersteine sollen an Familie eines jüdischen Schalke-Sponsor erinnern

Werner Sauer hat seine blau-weiß gestreifte KZ-Häftlingsmütze durch die Zeit gerettet. Sie befindet sich seit 1994 im United States Holocaust Memorial Museum

Kurz vor seiner Deportation, gegen Ende des Jahres 1941 arbeitete Werner Sauer als Maurer im Katholi- schen Krankenhaus in Gelsenkirchen. “Ich werde nicht mehr wiederkommen.” sagte er eines Tages zur Schwester Oberin. “Warum nicht?” fragte die Ordens- schwester. “Ich bin Jude.” sagte Werner Sauer leise. Die Oberin antwortete traurig: “Wenn die jüdischen Menschen Deutschland verlassen müssen, wird es sehr dunkel. Denn sie nehmen die Sterne, den Mond und die Sonne mit”. – Sie konnte ja nicht wissen, wie recht sie damit hatte.

An der Schalker Str. 184 sollen schon bald Stolpersteine an Leopold "Leo" Sauer, seine Frau Auguste und Sohn Werner erinnern. Dort betrieb der frühe Schalke-Sponsor Leopold Sauer seine gutgehende Metzgerei. Leo, wie der allseits bekannte und beliebte Metzgermeister meist genannt wurde, unterstützte neben dem Verein auch viele Spieler des Schalke 04 privat. So bezahlte er dem Schalker Spieler Ernst Kuzorra den Führerschein und stellte ihn als Fahrer an. Anlässlich einer Meisterfeier des FC Schalke präsentierte Leopold Sauer ein Schwein, das er zuvor in den Vereinsfarben blau-weiß angestrichen hatte und trieb es beim Triumphzug durch die Straßen. Von den Nazis enteignet und aus ihrem Haus vertrieben, wurde Familie Sauer im Januar 1942 zunächst in das Ghetto Riga deportiert. Das Ehepaar Sauer wurde im KZ Stutthof ermordet, Sohn Werner konnte mit viel Glück den Holocaust überleben. Nach seiner Befreiung lebte er in Berlin und emigrierte 1949 in die USA. Mehr erfahren: Dokumentation Für die drei Stolpersteine, die Familie Sauer gewidmet werden, können Patenschaften übernom- men werden. Info: (0209) 9994676 oder per Email: Email an die Projektleitung senden Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen


Israel Yaoz: Warum habe ich überlebt?  

Israel Yaoz spricht über seine Gefangenschaft im KZ Bergen-Belsen. Als Israel Häusler am 14. November 1928 in Gelsenkirchen geboren, ist der heute in Israel lebende Israel Yaoz der einzige Überlebende seiner Familie. Vater Mordechai, Mutter Sima und seine Geschwister Recha, Esther, Meier und Mali wurden von den Nazis ermordet. Am 15. April 1945 wurde Israel Yaoz (damals noch Israel Häusler) von briti- schen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. Seither plagt ihn eine Frage: Warum grade ich? Warum habe ich überlebt?


Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen wird 10 Jahre alt 

Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen wird 10 Jahre alt

Zahlreiche Lebens- und Leidenswege von Men- schen, die der Rassenideologie der selbsternann- ten Herrenmenschen zwischen 1933-1945 zum Opfer gefallen sind, hat die Projektgruppe Stolper- steine des Gelsenkirchener Vereins Gelsenzentrum in den letzten 10 Jahren recherchiert und auf dieser Internetpräsenz dokumentiert. 2009 konnten dann erste Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden, mittlerweile sind bereits 139 Stolpersteine in das Gehwegpflaster eingelassen worden.

Weitere 19 Stolpersteine sollen im Herbst diesen Jahres hinzukommen. Das von bürgerschaftlichem Engagement und Spenden getragene Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen - Gemeinsam gegen das Vergessen wird laufend fortgesetzt.

Unterstützen sie mit einer Spende die Erinnerungs- arbeit der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Helfen Sie mit, den Menschen Ihre Namen zurück zu geben, dort wo sie einmal gewohnt haben – vor den Türen der Häuser. Der Preis für einen Stolperstein ein- schließlich Installation beträgt € 120,-. Spenden unter Stichwort “Stolpersteine”, Konto: Gelsenzentrum e. V. bei der Sparkasse Gelsenkirchen, IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27, SWIFT-BIC: WELADED1GEK. Ihre Spenden sind steuerlich abzugsfähig, sie erhalten auf Wunsch eine Zuwendungsbestätigung.


Trauer um Herman Cohn: Überlebender und Befreier stirbt mit 94 Jahren 

Trauer um Herman Cohn: Überlebender und Befreier stirbt mit 94 Jahren

Herman Cohn starb am 21. März 2016 in Hyde Park, Chicago, USA.

Herman Cohn wurde am 8. September 1921 in Essen geboren. Als er gerade fünf Jahre alt war, starb seine Mutter. Großmutter Rosa Cohn kümmerte sich fortan um Herman und Bruder Walter. In den frühen 1930er Jahren zog die Familie ins benachbarte Gelsenkirchen. Mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 sahen sich auch die Cohns mit einem zunehmend aggressiven Antisemitismus konfrontiert.

Im Jahr 1937 brachte die Familie Sohn Walter in Sicherheit, sie schickten ihn zu Verwandten in die USA. Nur ein Jahr später wurden die Cohns enteignet, auch das Familienunternehmen in Gelsenkirchen wurde "arisiert". In der Pogrom- nacht wurde Siegfried Cohn von einem Nazi-Mob verprügelt, während Herman Cohn in der Gestapo-Zentrale in Gelsenkirchen gefoltert wurde.

Im Dezember 1939 erhielten die Cohns schließlich das erforderliche Visum für die Einwanderung in die USA. Umgehend floh die Familie von Deut- schland nach Holland. Gemeinsam mit ihrem Sohn Herman gingen sie in Rotterdam an Bord eines niederländischen Schiffes, dass Sie endgültig in die USA in Sicherheit brachte.

Die hochbetagte Rosa Cohn wollte in Holland bleiben, sie wurde 1943 von den Nazis im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Herman Cohn kehrte im Zuge der Invasion in der Normandie (D-Day, 6. Juni 1944) als Soldat der US-Army nach Europa zurück und war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt. Weiterlesen >>


Aktives Gedenken: Stolperstein-Putzaktion in Gelsenkirchen 

139 Stolpersteine erinnern bisher in Gelsenkirchen an Opfer des NS-Gewaltregimes

Auch in diesem Jahr werden wir unsere jährliche Putzaktion der Gelsenkirchener Stolpersteine fort- setzen. Die Aktion soll symbolisch die Lebens- und Leidenswege ehemaliger Mitbürgerinnen und Mitbürger in Erinnerung rufen. In der letzten April- woche 2016 werden alle 139 in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine poliert, an jeder der Verlegestellen sollen Blumen niedergelegt werden. Unterstützer*innen und Sponsoren für die zwischen dem 25.-28. April 2016 stattfindenden Putzaktion sind herzlich willkommen. Menschen, die sich beteiligen wollen, wendet sich direkt an die Projektgruppe Stolpersteine, Tel.: (0209) 9994676, Email: Email an die Projektleitung senden Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen


Verlegeaktion 2016: Weitere Stolperstein-Paten gesucht 

139 Stolpersteine erinnern bisher in Gelsenkirchen an Opfer des NS-Gewaltregimes

Abb.: 139 Stolpersteine erinnern bisher in Gelsenkirchen an Opfer des NS-Gewaltregimes

Im Herbst diesen Jahres wird Gunter Demnig wieder in Gelsenkirchen zu Gast sein, um mit der Verlegung weiterer Stolpersteine im öffentlichen Raum an neunzehn Menschen zu erinnern, die zwischen 1933-1945 Opfer von Rassenwahn und Herrenmenschenideologie geworden sind - Wider- ständler, Angehörige der jüdischen Religion und ein Mann, der wegen seiner Homosexualität verfolgt worden ist.

Die europaweite Aktion Stolpersteine wurde von dem Bildhauer Gunter Demnig vor mehr als 20 Jahren ins Leben gerufen, Demnig hat seither rund 57.000 Stolpersteine in 20 Ländern Europas verlegt. Stolpersteine sind mit einer Messingtafel versehene 10x10 Zentimeter große Betonsteine, die vor bestimmten Gebäuden in das Pflaster des Gehwegs eingebaut werden. Die Messingtafeln nennen unter der Überschrift "Hier wohnte" Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und den Todesort der vom Nazi-Terrorregime verfolgten Menschen, die in den Häusern früher einmal gewohnt haben und dort bis zu ihrer Flucht, Vertrei- bung, Zwangsumsiedlung oder Ermordung den letzten frei gewählten Wohnsitz hatten. Derart unauslösch- lich gemacht, erinnern die Inschriften dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexu- ellen Orientierung oder politischen Gesinnung von Nazis verfolgt bzw. ermordet worden sind.

Die Aktion Stolpersteine wird nicht mit öffentlichen Geldern, sondern mit Beiträgen von Einzelpersonen oder Gruppen finanziert. Dazu werden Paten gesucht, die bereit sind, jeweils mit 120 Euro die Herstellung und Verlegung von Stolpersteinen zu unterstützen. Für einzelne Stolpersteine (Verlegung im Herbst 2016) werden noch Paten gesucht. Wer Interesse hat, eine Patenschaft zu übernehmen, meldet sich bitte per Mail oder unter Telefon (0209) 9994676 bei Andreas Jordan, Initiator der Gelsenkirchener Stolpersteine.


Videos geben Einblicke in Stolpersteinverlegungen 

Stolpersteine erinnern an Familie Höchster

Abb.: Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Feldmark an Familie Bernhard Höchster

Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleichermaßen. Genau dort, wo die Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegen- heitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Die allermeisten Lebens- und Leidensgeschichten der verfolgten Menschen endet mit deren Ermordung in den Unrechtstätten und Vernichtungslagern der Nazis, nur ganz wenige überlebten das NS-Lager-system. Einem kleinen Teil der Verfolgten gelang es, das nacktes Leben durch rechtzeitige Flucht aus Deutschland zu retten. Auch aus dem öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen sind die mittlerweile 139 hier verlegten Stolpersteine vor den letzten Wohnorten von Menschen, die den deutschen Faschisten zwischen 1933-1945 zum Opfer fielen, nicht mehr wegzudenken. Jesse Krauß begleitete Bildhauer Gunter Demnig mit der Kamera bei der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen. Die so entstandenen Videos geben Einblicke in die Verlegungen vom August 2015.


Rundgang: Stolperstein-AG "Emma" auf Spurensuche 

Stolpersteine erinnern an Familie Broch

Abb.: Stolpersteine als außerschulische Lernorte. An der Von-Der-Recke-Str. 9 vor der Begegnungsstätte Alter Jüdischer Betsaal erinnern Stolpersteine an Demütigung, Entrechtung und Ermordung des jüdischen Ehepaars Hirsch, dass dort seinen Lebensmittelpunkt hatte. Am 31. Juli 1942 wurde das Ehepaar Hirsch zusammen mit anderen Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Adolf und Johanna Hirsch wurden von Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort am 23. September 1942 - dem Tag ihrer Ankunft- in der Gaskammer ermordet.

Mehr über die Menschen hinter den Stolpersteinen wollten die Jungen und Mädchen der Stolperstein -AG der Hauptschule Emmastraße erfahren. Ein Rundgang führte am Mittwoch Nachmittag zu 17 der inzwischen 139 in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine. Entlang einer individuell für die AG zusammengestellten Route bewegte sich die Gruppe durch die Gelsenkirchener Altstadt. Das gemeinsame Ziel von Lehrer Ulrich Oderwald und Andreas Jordan von der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative war es, durch Stolpersteine markierten Orte zu außerschulische Lernorten werden zu lassen, an denen Geschichte für die Jugendlichen erfahrbar wird.

Hinter den knappen biografischen Daten auf den Stolpersteinen verbergen sich individuelle Lebens- und Leidensgeschichten, die Andreas Jordan den interessierten Jugendlichen erläuterte. "Grade junge Menschen müssen um unsere Geschichte wissen. Sie müssen erfahren, wie es zur Herrschaft des deutschen Faschis- mus kommen konnte und welche Verbrechen begangen worden sind. Wir wollen, dass die Menschen nicht vergessen werden, die den Nazis aufgrund von Rassenwahn, Herrenmenschenideologie oder weil sie der Diktatur im Wege standen, verschleppt und ermordet wurden. Wir tragen keine Schuld für das, was damals geschah. Jedoch haben wir eine gemeinsame Verantwortung dafür, dass die Verbrechen der deutschen Faschisten und das Leid ihrer Opfer nicht vergessen und Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. Gunter Demnigs Stolpersteine sind Mahnmale für Demokratie und Frieden, sie sollen zur Wachsamkeit mahnen und zum Engagement gegen heutige braune Umtriebe ermutigen, damit gegen Minderheiten gerich- teter Hass, Gewalt und Intoleranz keine Chance haben", sagte Projektleiter Andreas Jordan abschließend an der letzten Station des Rundgangs vor der Begegnungsstätte Alter Jüdischer Betsaal.

Geführte Stolperstein-Rundgänge werden in Gelsenkirchen auch im kommenden Jahr wieder kostenlos ange- boten, Info unter (0209) 9994676 oder per Mail Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de.


9. November in Gelsenkirchen: 77. Jahrestag der Pogromnacht - Wir gingen nicht zum Nazischwert 

Erinnerungskultur in Gelsenkirchen - Zwei Seiten einer Medaille

Abb.: Stolpersteine an der Wanner Straße in Gelsenkirchen. Montage/Repro: Gelsenzentrum

Ursprünglich sollte die Abschlusskundgebung der "Demokratischen Initiative" im Gedenken an die Pogrome vom 9. auf den 10. November 1938 am jüngst vom ehemaligen Betriebsgelände des Schal- ker Vereins in den öffentlichen Raum umgesetzten Nazi-Schwert stattfinden, nach Protesten des Gel- senkirchener Bündnis gegen Krieg und Faschis- mus nahmen die Verantwortlichen der "Demokra- tischen Initiative" unter Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Frank Baranowski stillschwei- gend davon Abstand und verlegten ihre Abschluss-kundgebung auf den alten Jüdischen Friedhof.

Der Weg des "Schweigezuges", der wie jedes Jahr eher ein 'Marsch des mehr oder weniger lautstarken Austauschens von vermeintlichen Neuigkeiten' war, führte vom Sammelpunkt am Gauß-Gymnasium vorbei an einem der Tatorte, an dem in der Pogromnacht 1938 jüdische Menschen gedemütigt, gequält und ihr Eigentum zerstört worden ist, hin zum Nazischwert und von dort zurück zum alten Jüdischen Friedhof.

Rund 50 Teilnehmer*innen des "Schweigezuges" - überwiegend Mitglieder des Bündnis gegen Krieg und Faschismus und auch viele Stolpersteinaktivist*innen scherten als Zeichen ihres Protests gegen das Nazi- Schwert aus dem Zug aus und gedachten vor dem Haus an der Wanner Str. 119 den Opfern der Pogrome. An den dort verlegten Stolpersteinen wurden im Gedenken an alle Menschen, die in dieser Nacht vor 77 Jahren Opfer der Pogrome wurden, Lichter entzündet. Mit Redebeiträgen wurde auch an die jüdische Familie Schönenberg erinnert, die dort einmal ihr Zuhause hatte. Selma und Erna Schönenberg hatten in dem Haus die so genannte "Reichskristallnacht" miterleben müssen. Beide überlebten das Terrorregime der deutschen Faschisten nicht, sie wurden ermordet - nur weil sie Angehörige der jüdischen Religion waren. Günther Schönenberg, dem rechtzeitig die Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen war, konnte als einziges Familien- mitglied unter falscher Identität mit viel Glück in Frankreich überleben.

"Es bleibt mir unverständlich, dass Menschen, die einem großen Transparent mit der Botschaft "Wir geden- ken der Opfer der "Reichskristallnacht" - Demokratische Initiative" hinterherlaufen, mit stoischer Gleichgültig- keit an einem der Gelsenkirchener Tatorte der Pogromnacht vom 9. November '38 an der Wanner Str. 119 einfach vorbei gehen und damit den einst dort lebenden Opfern des Pogroms demonstrativ jede Form des ehrenden Gedenkens verweigern. "Selbst wenn man dem Projekt Stolpersteine skeptisch oder auch ableh- nend gegenüber steht, so ändert das nichts an den historischen Tatsachen. In diesem Haus ist in der Pogromnacht fürchterliches Unrecht geschehen. Bei einem Halt und einer Genkminute vor dem Haus wäre doch niemandem ein Zacken aus der Krone gefallen" kommentiert Andreas Jordan, Projektleiter der Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative, dass mehr als peinliche Verhalten der "Demokratischen Initiative".

Tief blicken lässt auch, dass eine Frau eine Gruppe junger Leute, die an den Stolpersteinen an der Wanner Str. 119 stehen blieben, hektisch gestikulierend aufforderte: "Hier nicht stehen bleiben, weitergehen, weiter- gehen." Das die Frau ein T-Shirt mit dem Logo der Falken trug, war möglicherweise dem Zufall geschuldet. Oder auch nicht, denn wie heißt es im "Volksmund": "Wessen Brot ich ess', dessen Lied ich sing'."


Interview mit Andreas Jordan: Stolpersteine und mehr 

Andreas Jordans Engagement begegnet man in Gelsenkirchen auf Schritt und Tritt

Abb.: Andreas Jordan im Gespräch mit ISSO, dem Stadtmaga- zin für Gelsenkirchen. Foto: Rolf Nattermann

Andreas Jordans Engagement begegnet man in Gelsenkirchen auf Schritt und Tritt. Die Stolper- steine sind dabei das augenfälligste Zeichen. Doch auch im Hintergrund sorgt Andreas Jordan dafür, dass Geschichte und Gegenwart dieser Stadt auf die Tagesordnung gelangen, dass Gesellschaft durch Hinschauen und Handeln gelingen kann.

Vor rund zehn Jahren wurde der Grundstein dafür gelegt, dass ein Resultat dieses Engagements nun überall im Stadtgebiet zu sehen ist – die Stolpersteine. Sie erinnern an ermordete, aber auch überlebende Opfer des Naziregimes: Homosexuelle, Sinti, Juden und politisch Aktive. Ihnen, aber immer noch nicht allen von ihnen, ist zum Gedenken ein Stein verlegt worden, seit der ersten Verlegung im Jahr 2009 genau 139 Steine für 139 Menschen. Fast wäre es dazu allerdings gar nicht gekommen: Als Andreas Jordan erstmals erwägt, einen Stolperstein zu spenden, teilt ihm Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine, mit, dass mangels Ansprechpartner in Gelsenkirchen leider kein Stein verlegt werden könne.

So beginnt das Kapitel der Stolpersteine in der Geschichte Gelsenkirchens: mit einer kleinen Anfrage und der Zusage Andreas Jordans, fortan als Koordinator einer mittlerweile zu einem großen Projekt angewachse- nen Aufgabe tätig zu sein, einer Aufgabe, die gleichermaßen von Widrigkeiten und dem Überwinden von Schwierigkeiten Zeugnis ablegt. Das Interview mit Andreas Jordan in ISSO, Stadtmagazin für Gelsenkirchen


Besuch bei der Stolperstein-AG "Emma" 

Stolperstein AG der Hauptschule Emmastraße mit Lehrer Ulrich Oderwald

Abb.: Die Stolperstein AG der Hauptschule Emmastraße mit Lehrer Ulrich Oderwald

Gestern Nachmittag war ich zu Gast bei der Stolperstein-AG der Hauptschule Emmastraße in Gelsenkirchen. Die Jugendlichen hatten mich eingeladen, um mehr über das Projekt Stolper-steine in Gelsenkirchen zu erfahren.

Zuvor hatten die Jugendlichen bereits mehrere der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine aufge- sucht und sich intensiv mit den Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen auseinander-gesetzt. Es zeigte sich wieder einmal, das die Form des Gedenkens und Erinnerns an NS-Verfolgte Menschen mittels Stolpersteine grade für die jüngere Generation einen ganz besonderen, direkten Zugang zur Stadtgeschichte zwischen 1933-1945 bietet. Deutlich wurde das auch an den gezielten Fragen, die mir die Jugendlichen stellten.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit in der AG Stolpersteine wollen die Schülerinnen und Schüler in einer Collage festhalten, auch ist angedacht, sich aktiv an der nächsten Stolpersteinverlegung zu beteiligen - vielleicht sogar in Form einer Patenschaft. Ich habe mich über das rege Interesse der Jungen und Mädchen an Gunter Demnigs Projekt Stolpersteine und die daraus resultierende Einladung sehr gefreut.


Zum Tod von Edmond Silverberg - Jugendfreund der Anne Frank überlebte im Versteck 

Edmond Silverberg, um 1940

Abb.: Edmond Silverberg, um 1940

Der in Gelsenkirchen unter dem Namen Helmut Silberberg geborene Edmond Silverberg starb am 26. Juni 2015 im Alter von 89 in Sag Harbor, USA.

Noch am Morgen nach den Pogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schickten seine Eltern den damals 12 Jahre alten Helmut von Gelsenkirchen zu den Großeltern nach Amster- dam. Den Eltern hatten die judenfeindlichen Über- griffe in dieser Nacht endgültig klar gemacht, dass sie ihr Kind und auch sich selber in Sicherheit bringen mussten.

Hulda Silberberg, die Schwester des Vaters von Helmut Silberberg, wurde von den Nazis in den Tod getrieben. Hulda Silberberg wollte als einziges Mitglied der Familie Silberberg Gelsenkirchen nicht verlassen. Angesichts der bevorstehenden Depor-tation wählte sie am 3. Januar 1942 im Alter von 58 Jahren die Flucht in den Tod.

Ed Silverberg schrieb uns: "Tante Hulda war niemals verheiratet und wurde von ihren Brüdern unterstützt. Als Kind, und auch als Schuljunge habe ich sie oft auf der Bochumer Straße getroffen. Jedes mal bekam ich von ihr 10 Pfennige für Laugenbretzel, die ich mir dann am Bahnhof kaufte. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und Onkel Hermann Silberberg sie öfters besuchten. Mein Cousin Erich und seine Eltern bekamen Visa für Bolivien und wollten Tante Hulda mitnehmen, sie aber hat sich geweigert und wollte in Gelsenkirchen bleiben". An ihrem letzten Wohnort an der Bochumer Str. 45 erinnert ein Stolperstein an Hulda Silberberg. Nach der Verlegung des Stolpersteins für Hulda Silberberg im Sommer 2010 starb ihr Neffe Rudi Simmonds (Silberberg), noch kurz vor seinem Tod schrieb er: "(...) Als Neffe von Hulda Silberberg, jetzt in meinem 93. Jahr war ich sehr dankbar, die Bilder von der Setzung des Stolpersteines fuer meine Tante Hulda Silberberg zu erhalten, die auch für meine Kinder von Interesse sind. Ihre Arbeit wird von mir hoch anerkannt."

Opa Silberberg mochte den deutschen Namen Helmut nicht und nannte ihn nur "Hello". In Amsterdam lernt Hello Anne Frank kennen, sie erwähnt die Begegnungen mit “Hello” in ihrem Tagebuch. Bald aber trennten sich die Wege von Anne und Hello. Die Familie Frank tauchte am 9. Juli 1942 in der Prinsengracht 236 im Hinterhaus unter. Hello verließ Amsterdam und gelangte unter großen Schwierigkeiten nach Belgien zu seinen Eltern, die von Gelsenkirchen dorthin geflüchtet waren. Familie Silberberg musste 25 Monate in ihrem Versteck in einem Haus in der Nähe von Brüssel ausharren. Sie lebten in der ständigen Angst von den Nazis entdeckt oder von Kollaborateuren verraten zu werden. Hello Silberbergs Jugendfreundin Anne Frank und die anderen Untergetauchten im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht werden jedoch verraten und verhaftet. Nur Otto Frank überlebte, alle anderen Menschen aus dem Versteck im Hinterhaus wurden von den Nazis ermordet.

Am 3. September 1944 wurden Silberbergs in Belgien von britischen Truppen befreit – genau an dem Tag, an dem Anne Frank mit dem letzten Deportationstransport von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde. Helmut “Hello” Silberberg emigrierte 1948 in die USA. Dort wird der Name Edmond aus seinen belgischen Identitätspapieren übernommen, aus Silberberg wird Silverberg.

Bei weiteren Telefongesprächen mit Ed Silverberg erfuhren wir auch von Max Krämer: "Max war genauso alt wie ich, 12 Jahre, als ich in zum letzten Male sah. Eines Morgens, kurz vor der "Kristallnacht", waren die Kinder polnischer Juden plötzlich verschwunden, ebenso wie ihre Eltern. Später erfuhr ich, dass die Nazis die jüdischen Menschen nach Polen (Zbaszyn) verschleppt haben. Ich habe meinen Freund Max nie mehr wiedergesehen. (...) Um so mehr danke ich Ihnen, dass Sie mit den Stolpersteinen die Erinnerung an Max Krämer und seine Familie bewahren."

Edmond Silverberg hinterlässt seine Frau Marylise, Tochter Jacqueline Marks mit Ehemann Rick, Sohn Robert Silverberg und zwei Enkelinnen, Michele Marks and Nina Silverberg.


Ernst Papies: Stationen eines Lebensweges 

Ernst Papies: Stationen eines Lebensweges

Abb.: Ein Stolperstein erinnert jetzt an Ernst Papies

Ernst Papies war einer von Zehntausenden Männer liebenden Männern, die während der NS-Zeit verfolgt wurden und die Verhöre, Folterungen, Zwangskastrationen, Gefängnis, Zuchthaus, KZ-Deportation oder Verbringung in Euthanasie-Anstalten oder den sozialen Tod im beruflichen und privaten Umfeld durch die juristische Verfolgung erlitten. Viele starben im KZ. Diejenigen, die über- lebten, wurden nach dem 8. Mai 1945 weiter verfolgt - wie Ernst Papies.

Neben der kompakten Kurzfassung steht den Interessent*innen jetzt auch eine umfangreichere Langfassung der Dokumentation zur Verfügung. Zahlreiche Schriftstücke aus dem Nachlass von Ernst Papies an Verwaltungsbehörden, Gerichte und an die höchsten politischen Vertreter der Bundesrepublik, ergänzt mit persönlichen Fotos zeichnen seinen Lebens, -Leidens- und Verfolgungsweg nach. Ernst Papies: Stationen eines Lebensweges


Antikriegstag 2015: Zwischenkundgebungen an Stolpersteinen 

Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg

Abb.: Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg

Integraler Bestandteil der diesjährigen Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen war nach der Hauptkundgebung auf dem Preuteplatz ein Demon-strationszug entlang in der Altstadt verlegter Stolper-steine. An den Verlegeorten fanden Zwischenkund-gebungen statt. Das Gelsenkirchener "Bündnis gegen Krieg und Faschismus" erinnerte damit auch an Menschen, die vor mehr als 70 Jahren von den Nazis gewaltsam vertrieben wurden, fliehen mussten oder von ihnen ermordet worden sind.

An der Von-der-Recke-Straße 10 erinnerte Knut Maßmann (VVN-BdA) an die Zwangsausweisung der polnisch-stämmigen Familie Krämer aus Deutschland und schilderte einige Hintergründe der sogenannten "Polenaktion": Tausende polnischer Juden im Deutschen Reich erhielten ab dem 27. Oktober 1938 einen Ausweisungsbefehl, wurden verhaftet und mit größter Eile entweder zu Fuß oder in Sammeltransporten über die polnische Grenze abgeschoben. Die meisten der abgeschobenen Menschen wurden später weiter ins Landesinnere transportiert, für eine große Zahl von ihnen wurde das Warschauer Getto zur Endstation. So verlieren sich auch die Lebens-spuren der jüdischen Familie Krämer in Polen. An der Ecke Am Rundhöfchen/ Heinrich-König-Platz erinnerte Ulla Möllenberg (VVN-BdA/DKP) an die Ermordung des Widerständlers Erich Lange durch seine früheren Kameraden und zog daraus Schlüsse für die Gegenwart.

Inmitten der Baustelle an der Ecke Ebertstraße 1/Robert-Koch-Straße erinnerte Heike Jordan (Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen) an die Familie Back, deren Kinder mit so genannten "Kindertransporten" nach Schweden gerettet und so überleben konnten. Den Eltern Moritz und Paula Back gelang es nicht mehr, Nazi- Deutschland rechtzeitig zu verlassen, sie gehörten nicht zu den Überlebenden. Insgesamt flüchteten in der Zeit des NS-Gewaltregimes rund 300.000 jüdische Menschen aus Nazi-Deutschland. Nach Kriegsbeginn war eine Flucht kaum noch möglich und im Oktober 1941 wurden Auswanderungen gänzlich verboten.

Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Krämer Stolpersteine Gelsenkirchen - Erich Lange Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Back

Heike Jordan erinnerte in dem Redebeitrag auch an die Konferenz von Evian: Im Juli 1938 entschied die inter- nationale Staatengemeinschaft in der Schweiz über das Schicksal Tausender Juden, die aus Nazi-Deutsch- land fliehen wollten. Ursprünglich sollten bei dieser Zusammenkunft freiwillige Aufnahmequoten für die Verfolg- ten des Nazi-Regimes festgelegt werden. Das Ergebnis war beschämend: Kein einziger der 32 teilnehmenden Staaten fand sich zur Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen bereit. Die spätere israelische Premierministerin Golda Meir, die in Evian dabei war, schrieb über die Konferenz:

"Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. [...] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst Dir denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn Ihr sie nicht aufnehmt?"

Heiko Kauffmann (Pro Asyl) sagte 2010 in einem Interview: "Missbrauch des Asylrechts" - dies sei auch den NS-Verfolgten vorgehalten worden. In Evian habe die Zivilisation ihre Prüfung nicht bestanden." Die an den antifaschistischen Demonstrationszug anschließende Abschlusskundgebung fand in diesem Jahr symbolträch- tig vor dem Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus statt - damals wie heute Sitz der Stadtverwaltung. (aj)


Zeitzeugin: "Die waren auf einmal weg ..." 

Jeder Stolperstein ein Leben

Abb.: Jeder Stolperstein ein Leben

Die "soziale Skulptur" Stolpersteine wächst beständig. Rund 54.000 bisher verlegte Stolper-steine in 19 Ländern Europas bilden zusammen genommen das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Am Freitag kam Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen, um hier weitere 20 seiner Stolpersteine zu verlegen.

Auch aus unserem Stadtbild sind die mittlerweile 139 Stolpersteine vor den letzten Wohnorten von Menschen, die den Nazis zum Opfer fielen, nicht mehr wegzudenken. Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleicher-maßen. Genau dort, wo die Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegenheitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Die allermeisten Lebens- und Leidensge-schichten der NS-verfolgten Menschen endeten mit deren Ermordung.

In vielen Fällen haben Eltern noch versucht, wenigstens ihre Kinder über die so genannten "Kindertransporte" ins Ausland zu retten. Ernst Alexander konnte so in Sicherheit gebracht werden, eine jüdische Familie in Nebraska/USA nahm den Jungen auf. Manche der Verfolgten gelang eine Flucht in Länder wie Holland, wurden jedoch dort schon bald nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland von der Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie eingeholt. Ernsts Schwester Dorothea Julia Alexander floh nach Holland, wurde verhaftet, interniert und schließlich in Auschwitz ermordet. Ihre Schwester Margot konnte in Holland versteckt überleben. Mutter Frieda wurde von Gelsenkirchen nach Riga verschleppt und dort bei einer der Mordak-tionen erschossen. Verlegt wurden die Stolpersteine für Familie Alexander an der Ringstraße 67.

Werner Goldschmidts Schwester Else gelang 1937 die Flucht in die USA. Werner, der sich bereits vor der Machtübergabe dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen hatte, wurde 1935 verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat", wie es die NS-Unrechtsjustiz den Widerstand gegen das Gewaltregime nannte, zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz vor Verbüßung der "Strafe" wurde Werner Goldschmidt nach Haft in Münster und Herford am 19. Dezember 1941 aus dem Zuchthaus Siegburg in das Gelsenkirchener Polizeigefängnis überstellt. Seine Eltern Moritz und Hedwig Goldschmidt, die Gelsenkirchen nicht ohne ihren Sohn hatten verlassen wollen, wurden gemeinsam mit Werner in das Ghetto Riga Riga deportiert. Dort starb Moritz Goldschmidt an Typhus. Hedwig Goldschmidt wurde bei der Auflösung des Ghettos Riga ermordet. Der von der SS als "noch arbeitsfähig" eingestufte Werner Goldschmidt wurde bei der Ghetto-Auflösung ins KZ Kaiserwald und bei dessen Auflösung weiter in das KZ Stutthof bei Danzig und von dort in das KZ Buchenwald bei Weimar verschleppt.

Im September 1944 wurde er weiter in ein Außenlager von Buchenwald beim Bochumer Verein transportiert, dort musste er Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion verrichten. Im März 1945 wurde das Außenlager in Bochum aufgelöst und die Häftlinge wieder zurück nach Buchenwald transportiert. Werner Goldschmidt wurde am 11. April 1945 in Buchenwald befreit und kehrte im Mai 1945 zunächst nach Gelsenkirchen zurück. Hier heiratet ier im August 1946 Charlotte Perl. Die aus Sighet/Rumänien stammende Charlotte Perl war aus ihrer Heimat zunächst nach Auschwitz deportiert und von dort mit 2000 anderen Jüdinnen weiter nach Gelsenkirchen in ein Außenlager des KZ Buchenwald bei der Gelsenberg Benzin AG verschleppt worden. Das Ehepaar verließ Gelsenkirchen und wanderte mit der Hilfe von Werner Goldschmidts Schwester Else im August 1947 in die USA aus. Familie Goldschmidt wurde mit der Verlegung von vier Stolpersteinen an der Augustastr. 4 für Moritz, Hedwig, Else und Werner im Gedenken symbolisch wieder vereint.

 Dr. Siegfried Galliner war der letzte amtierende Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde in Gelsen-kirchen, bevor mit der gewaltsamen Zerstörung der Synagoge und des Gemeindehauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Betsaales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete.

Abb.: Dr. Siegfried Galliner war der letzte amtierende Gemein-derabbiner der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, bevor mit der gewaltsamen Zerstörung der Synagoge und des Gemeinde-hauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Betsaales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete.

So lange es noch möglich war, bot die Flucht beispielsweise in die USA oder nach Großbri-tannien oftmals die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Viele Länder weigerten sich jedoch, die meist jüdischen Flüchtlinge unkompliziert aufzu-nehmen. Nach Kriegsbeginn war eine Flucht dann kaum noch möglich. Erst im Frühjahr 1939, buch- stäblich in letzter Minute, entschloss sich der Gemeinderabbiner Dr. Siegfried Galliner nach 25jähriger Berufsarbeit im Dienste des Judentums angesichts des zerstörten Jüdisches Lebens mit seinen kulturellen und religiösen Infrastrukturen zur Flucht nach England. Am Platz der alten Synagoge/Georgstr. 2, an einer der Stätten seines vielfältigen Wirkens, erinnert nun ein Stolperstein an eine großartige Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Gelsenkirchen.

Familie Jeckel konnte nicht fliehen. Der Fuhrunternehmer Markus Jeckel, seine Frau Cilla und Sohn Isidor wurden von der Verhaftungswelle im Zuge der so genannten "Polenaktion" völlig überrascht. Im Oktober 1938 wurde die Familie verhaftet und nach Bentschen/Polen abgeschoben. Seither fehlt von ihnen jedes weitere Lebenszeichen. Mit der Verlegung der Stolpersteine an der Hauptstraße 63 kehrten ihre Namen zurück an den Ort, an dem sie lebten und an dem sie ihre Heimat hatten.

Bis zu ihrer Deportation am 27. Januar 1942 nach Riga lebten Hugo Broch und seine Frau Theresa an der Von-Der-Recke-Straße 11 in der Gelsenkirchener Altstadt. Dort erinnern jetzt Stolpersteine an Familie Broch. Hugo Broch hatte sein Möbelgeschäft bereits 1936 zwangsweise an den "arischen" Möbelhändler Albert Heiland "verkauft". Das Leben des Ehepaars Broch endete mit ihrem gewaltsamen Tod bei Auflösung des Ghettos Riga, Sohn Josefs Spuren verlieren sich im Ghetto Zamosc.

Auch die Familie Höchster konnte der Mordmaschinerie der Nazis nicht entkommen. Familienvater Bernhard starb 1938, Max, Therese und Klara Höchster wurden von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Klara Höchster, die in den Augen der SS als "nicht mehr arbeitsfähig" galt, sie war zu diesem Zeitpunkt bereits 68 Jahre alt, wurde bei einer Mordaktionen im März 1942 in Riga ermordet. Max und Therese Höchster wurde nach Auflösung des Ghettos Riga in das KZ Kaiserwald in Riga überstellt. Dort wurde Therese Höchster im Juli 1944 ermordet. Max wurde dann im Herbst 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Mit einem der berüchtigten Todesmärsche kam auch Max Höchster im Februar 1945 in ein so genanntes "Auffanglager" bei Rybno (Rieben). Noch vor der Befreiung des Lagers am 10. März 1945 ist Max Höchster dort umgekommen, die genauen Umstände seines Todes sind nicht mehr feststellbar. Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Höchster an der Feldmarkstraße 119 verlegte Gunter Demnig die Stolpersteine, die daran erinnern das dort einmal Menschen wohnten, die vom NS-Regime ermordet worden sind - nur weil Sie Angehörige der jüdischen Religion waren. Eine Zeitzeugin erinnerte sich an die Familie Höchster: "Nette, freundliche und hilfsbereite Menschen waren das. Die waren auf einmal weg ..."

 Erneut holen ihn die Qualen und das begangene Unrecht der Vergangenheit ein, als er in den 70er Jahren einen Rentenantrag stellt: die Zeiten der Moorlagerhaft und die 6jährige KZ-Internierungszeit werden nicht für die Rentenberechnung anerkannt.

Abb.: Erneut holen Ernst Papies die Qualen und das begangene Unrecht der Vergangenheit ein, als er in den 70er Jahren einen Rentenantrag stellt: die KZ-Internierungszeit wird nicht für die Rentenberechnung anerkannt.

Begonnen hatte die diesjährige Stolpersteinver-legung bereits am Morgen in Erle. An der Cranger Straße verlegte Gunter Demnig einen Stolperstein für den als homosexuellen Mann verfolgten Ernst Papies. Die Nazis verschärften ab 1933 díe Verfolgung schwuler Männer. Ernst Papies wurde von der NS-Unrechtsjustiz vor diesem Hintergrund 1934 zu einem Jahr Gefängnis verutteilt. 1936 folgte eine weitere Verurteilung zu 3 Jahren Gefängnis, die jedoch im Moorlager Papenburg (Emsland) vollstreckt wurde. Papies mußte dort bis zum Tag der Entassung schwerste Zwangsarbeit leisten. Als kranker Mann kam er nach Buer zurück. Ohne jedwede Begründung verhaftete ihn die Kripo in Buer 1939 jedoch erneut und deportierte den damals 30jährigen, misshandelt und gefoltert, im Juli 1939 in das KZ Buchenwald, wo er als so genannter „Berufsverbrecher“ und als „175er“ stigmatisiert unter mörderischen Bedingungen schuften musste.

Papies wurde im April 1940 weiter in das KZ Mauthausen (Österreich) deportiert. In einem Arbeitskommando so genannter „Rosa Winkel-Häftlinge“ wurde er im Steinbruch wiederum zu schwerster körperlicher Arbeit gezwungen. Er litt unter den Schikanen, der Willkür der SS-Wachmannschaften und war ständig mit einem gewaltsamen Tod bedroht. Im Dezember 1944 wurde Ernst Papies mit über 1000 weiteren Leidensgenossen in ein Außenlager des KZ Auschwitz deportiert. Kurz vor der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz Ende Januar 1945 erfolgte der Rücktransport nach Mauthausen.

Weitere Monate der schwersten Zwangsarbeit folgten. Befreit wurde Ernst Papies schließlich am 5. Mai 1945 durch amerikanische Soldaten aus dem KZ Mauthausen. Jedoch erst 4 Monate später konnte er, halbwegs ernährt, als kranker Mann die weite, mehrmonatige Reise nach Buer zu den Eltern antreten. Ernst Papies hatte die Hölle der Lager überlebt. Die Zeit der Verfolgung fand jedoch kein Ende. Denn nun begann sein Kampf um Anerkennung des erlittenen Unrechts, der Kampf um die so genannte "Wiedergutmachung", der 30 Jahre andauern sollte. Vergeblich. Ernst Papies starb 1997 in Konstanz im Alter von 88 Jahren. Eine irgendwie geartete Entschädigung für die erlittenen Schäden an Leib und Seele hat er nie erhalten. Auch daran erinnert der Stolperstein an der Cranger Straße 398.

Das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird fortgesetzt, die nächste Verlegung ist im Oktober 2016 geplant. Interessierte finden weitere Informationen, beispielsweise zur Übernahme einer Patenschaft für einen oder mehrere Stolpersteine hier.

Im Namen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen danke ich allen Menschen, die uns bei der Stolper-steinverlegung 2015 wohlwollend, hilfreich und unterstützend zur Seite gestanden haben.

Andreas Jordan (Projektleiter)


Der Legendenbildung entgegenwirken 

Albert Heiland stirbt 1971

Abb.: Die "Ruhr-Nachrichten" meldet 1971: "Albert Heiland starb nach reichem Schaffen". Die "Übernahme" der Möbelhandlung Hugo Broch im Jahre 1936 durch Albert Heiland findet in dem Zeitungsartikel keine Erwähnung.

Auch an der Von-Der-Recke- Str. 11 wird Gunter Demnig am 14. August Stolpersteine verlegen. Dort wohnte die jüdische Kaufmannsfamilie Hugo Broch.

Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an das Ehepaar Hugo und Theresa Broch erinnern werden, hat Margarete Reißig übernommen. Sie ist eine Enkelin von Albert Heiland, dem Möbelhändler, dessen unternehmerisches Schaffen mit der "Übernahme" eines Möbelgeschäftes aus jüdischem Besitz in Gelsenkirchen begann. "Nicht zuletzt möchte ich damit der Legendenbildung in der Familie entgegenwirken" sagt Margarete Reißig. Viele Jahre habe ihr Großvater Albert auf Nachfragen ausweichend geantwortet: "Wir haben dem Juden einen guten Preis gemacht, der ist dann nach Amerika gegangen". Ein Zeitzeuge aus der Familie Heiland erinnert sich:" Familie Broch hat das Geld für das Möbelgeschäft garnicht erst bekommen, das ist direkt eingezogen worden." Mit erstaunlicher Leichtigkeit hat Albert Heiland Zeit seines Lebens bitterböses Unrecht aus der Unternehmensgeschichte verdrängt. Riga und Zamosc, die letzten Stationen auf dem Leidensweg von Hugo, Theresa und Josef Broch liegen gewiss nicht in Amerika, das wird auch Albert Heiland gewusst haben.


Verlegung 2015: Jeder Stolperstein ein Leben 

Stolpersteine in GelsenkirchenAbb.: Stolpersteine regen nachhaltig und sichtbar die Ausein-andersetzung mit der Diktatur der NS-Zeit an.

Still. Leise. Unaufdringlich. So liegen sie im Geh- wegpflaster, die Stolpersteine des Bildhauer Gunter Demnig. Erinnern an zerstörte Leben, an Demüti- gung, Ausgrenzung, Verfolgung und Mord unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.

Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleichermaßen. Genau dort, wo diese Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegenheitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Mehr als 53.000 Stolpersteine in 19 Ländern Europas bilden zusammen genommen das größte, dezentrale Mahnmal der Welt. An sieben Orten im Stadtgebiet von Gelsenkirchen wird Gunter Demnig am Freitag, den 14. August 2015 weitere 20 Stolpersteine in das Pflaster der Gehwege einlassen.

Zur Teilnahme an den Verlegungen sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den angegebenen Uhrzeiten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter Tel. 0174-5463829 zu erreichen. Stolpersteine werden verlegt für:

Stolperstein Ernst Papies
10.00 Uhr, Cranger Str. 398

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Familie Jeckel
10.20 Uhr, Hauptstr. 63,

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Familie Alexander
10.40 Uhr Ringstrasse 67

Stolperstein Rabbiner Dr. Siegfried Galliner
11.00 Uhr, Platz der Alten Synagoge/Georgstraße 2

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Familie Goldschmidt
11.20 Uhr, Augustastrasse 4

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Familie Broch
11.40 Uhr, Von-Der-Recke-Strasse 11

Stolperstein Stolperstein Stolperstein Stolperstein Familie Höchster
12.00 Uhr, Feldmarkstrasse 119


Eine Verneigung vor den Opfern - Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Deinnig 

Josef Schuster: Eine Verneigung vor den Opfern


Ein Essay von Josef Schuster,
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Eine kleinere Form des Gedenkens als diese knapp zehn mal zehn Zentimeter messende Messingplatte lässt sich kaum vorstellen. Und doch haben diese kleinen, bescheidenen Platten in den Gehwegen bereits eine große Wirkung entfaltet. Seit 1990 verlegt der Kölner Künstl er Gunter Demnig die Stolpersteine. Inzwischen sind es in 1.300 Orten in Europa insgesamt 50.000. Sie erinnern an all jene Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden und ihre Wohnungen verlassen mussten: weil sie deportiert wurden, aus Deutsch- land fliehen mussten oder verhaftet wurden. Wenn wir bedenken, dass in er Shoah sechs Millionen Juden ihr Leben verloren, wird uns bewusst, dass 50.000 Stolpersteine eigentlich nur eine verschwindend kleine Menge darstellen Und dennoch geht es uns so, dass wir immer häufiger die kleinen glänzenden Gedenksteine registrieren, wenn wir unterwegs sind. In manchen Bezirken Berlins befindet sich - gefühlt - vor jedem dritten Hauseingang ein Stolperstein, oft mehrere.

Die Stolpersteine leisten einen sehr kostbaren und sehr eigenen Beitrag zu einer modernen Gedenkkultur. In einer Situation, in der die Zahl der Zeitzeugen zurück geht, geben sie den Opfern ihre Namen zurück. Die abstrakten Zahlen werden individualisiert und damit greifbarer. Um die Namen auf den Stolpersteinen entziffern zu können, müssen wir uns hinunterbeugen. Damit verneigen wir uns vor den Opfern. Wir bewegen uns zu ihnen und bezeugen ihnen unseren Respekt. (...) Weiterlesen

Quelle: Politik & Kultur, Nr. 4/15, Juli-August 2015


Kampf gegen Krieg und Faschismus: Rudolf Littek und Johann Eichenauer 

Stolpersteine in GelsenkirchenAbb.: Das "Urteil" des so genannten "Volksgerichtshofes"

Die Lebensgeschichten von Rudolf Littek und Johann Eichenauer weisen viele Gemeinsamkeiten auf, so gehörten beide Männer der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an. Ab 1943 begann Zielasko, im Ruhrgebiet die Gruppe aufzubauen. Der Gestapo blieben die Aktivitäten der Widerstandskämpfer jedoch nicht lange verborgen. Im August 1943 wurde Zielasko und mit ihm 44 weitere Widerständler verhaftet. Unter den Festgenommenen waren auch Littek und Eichenauer.

Bei dem nachfolgenden in Amberg/ Bayern stattfin- denden "Prozess" wurden die Beiden zwar "freige-sprochen", jedoch nicht aus der Haft entlassen. Nach Rückverlegung in das Gefängnis Gelsenkir- chen kamen sie in das so genannte "Arbeitserzie-hungslager" (AEL) Lahde bei Petershagen und dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg.

Als britischen Truppen im April 1945 näher rückten, wurde das KZ Neuengamme von der SS "evakuiert". Ein Großteil der Häftlinge wurde auf drei in der Neustädter Bucht (Lübeck) liegende Schiffe getrieben. Die "Cap Arcona", die "Thielbeck" und die "Athen" fungierten als schwimmende KZ. Die SS legte es vermutlich darauf an, dass die KZ-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten. Am 3. Mai 1945 greifen britische Kampfflugzeuge die Schiffe tatsächlich an, rund 7000 der sich an Bord befindlichen KZ-Häftlinge kommen dabei zu Tode. Rudolf Littek und Johann Eichenauer, die sich den Nazis nicht beugen wollten, starben mit ihnen.

Die Stolpersteine, die bald für die beiden Widerstandskämpfer in Gelsenkirchen verlegt werden, sollen nicht nur Anlass für stilles Gedenken sein, sondern auch eine Mahnung, den lautstarken Widerstand gegen Krieg und Faschismus nicht aufzugeben.


München soll Stolpern 

Mehr als 80.000 Menschen haben bisher mit ihrer Unterschrift dokumentiert, dass sie für Stolpersteine in München sind. Initiiert hat die Petition Terry Swartzberg. Der gebürtiger New Yorker, der seit 1984 in München lebt, kämpft für die Stolpersteine in der bayrischen Metropole. Denn dort will man die kleinen Erinnerungszeichen bisher nicht haben. So hatte es der Münchener Stadtrat 2004 beschlossen.

Mit in die Entscheidung eingeflossen ist seinerzeit auch die Haltung von Charlotte Knobloch, die sich gegen die Stolpersteine ausspricht. "Menschen treten auf die Stolpersteine, so wird das Andenken an die Ermordeten mit Füßen getreten" ist Knoblochs Hauptargument. Charlotte Knobloch leitet seit fast 30 Jahren die Israelitische Kultusgemeinde in München, der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung". Sie will keine Stolpersteine.

Terry Swartzberg und seine Unterstützer*innen kämpfen seit nunmehr 11 Jahren für die Umsetzung des Projektes Stolpersteine auch auf Münchens öffentlichen Grund. Noch vor der Sommerpause will der Stadtrat jetzt über Terry Swartzbergs Initiative entscheiden. Bleibt abzuwarten, wie weit der Arm einer der erbittersten Stolperstein-Gegnerinnen reichen wird. Charlotte Knoblochs Wort scheint in München Gesetz zu sein, ihr Wort wiegt bisher schwerer als die Wünsche von Angehörigen, die ihrer ermordeten Vorfahren mit Stolpersteinen gedenken wollen.

Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ist für die Aufhebung des Verbots der Stolpersteine in München und hat die Petition bereits mitgezeichnet. Petition unterschreiben: München soll Stolpern!

Einer der Unterstützer der Initiative Stolpersteine für München um Terry Swartzberg, der Hamburger Christoph Jürgens, hat jetzt einen offenen Brieft an Charlotte Knoblauch formuliert, den wir hier ungekürzt wiedergeben:

Offener Brief an Charlotte Knobloch,

Sehr geehrte Frau Knobloch,

Ich habe nie verstanden warum München die Stolpersteine zum Gedenken an die Holocaustopfer ablehnt. Erst seit Neuestem ist mir bekannt, dass sie diese Ablehnung teilen, weil ein Gedenken Ihrer Meinung nach nur auf Augenhöhe stattfinden kann. Soweit bin ich bei ihnen. Auch sehen sie Erniedrigung oder Demütigung in dieser Form Anbringung. Ich bin nicht in Ihrer Position, nicht so wichtig wie sie. Meine Stimme hat wenig Gewicht und vielleicht fehlen mir als Deutscher dessen Eltern im Krieg geboren wurden Sichtweisen und Informationen, um Ihre Ansichten zu teilen. Dennoch, ohne verletzend seine zu wollen, finde ich diese Argumentation sehr eng gedacht.

Was ist ein Dialog, ein Gedenken in Augenhöhe? Ich glaube nicht das man die Augenhöhe, mehr in einer Stehle oder an einer Häuserwand wiederfindet, als an einem Stein aus Metall auf dem Boden. Augenhöhe wird nicht gewährleistet indem man mit einem Maßband eine Linie zieht. Augenhöhe findet im Kopf statt und dann auch nur wenn man gewillt ist ihr Raum zu geben.

Schauen sie, ich habe 8 Jahre in Hamburg auf der Langen Reihe gewohnt. Am Haus Nr. 71 befindet sich eine Tafel die Vorbeilaufenden sagt, dass Hans Albers in diesem Haus geboren wurde. Ich habe diese Tafel in dieser ganzen Zeit vielleicht 3 mal bewusst wahrgenommen. Die Stolpersteine, auf der selben Straße, nehme ich jedes mal aufs Neue wahr, wenn ich dort entlang gehe. Ich halte inne, voller Respekt, Demut und Mitgefühl für die Opfer und voller Scham für die Verbrechen meiner Väter.

In einer Tafel sehe ich dazu keine Alternative. Sie verschwinden zu schnell aus den Augenwinkeln. Klar sie wäre vielleicht chic oder ansehnlicher aber Tafeln gibt es so viele! Die Steine hingegen sind einzigartig und für jedes Opfer gibt es einen Eigenen. Und vielleicht sind sie auch im positiven Sinne etwas unbequem. Eine unsichtbare Barriere scheint sie zu umgeben. In einer Zeit wo die Gesellschaft gesenkten Hauptes durch die Stadt geht, der Blick nach unten zeigt, alleine für sich, man seinen Gegenüber kaum noch in die Augen schauen mag, ist es eine perfekte Position, um bewusst wahrgenommen zu werden. Selbst wenn sie diesen Platz am Boden als minderwertig erachten, kann er so viel mehr bedeuten. Vaterland und Mutter Erde, der Ort der Entwurzelung.

Ich sehe weder Schmutz noch eine Erniedrigung am Grund. Er ist die Basis auf der wir stehen. Ich sehe auch keine würdelose Begegnung auf verschiedenen „Höhen“ oder gar ein Betrachten von oben herab. „Ich sehe eine Verbeugung vor den Opfern.“ Man wagt nicht auf diese Steine zu treten und dieser Grund symbolisieren noch viel mehr. Straßen gehören allen, Häuser nicht! Ein Haus ist Privatsache und was dort passiert oder passiert ist, ist gedanklich unerreichbar oder zumindest ganz weit weg.

Aber wenn man auf dem selben Boden steht wo einst diese Opfer gestanden sind, wenn man den selben Weg geht, wie sie damals, die Füße den selben Grund berühren, wo einst die Deportation begann, dann geht man ein Stück mit Ihnen. Sie begleiten dich oder du begleitest sie und dann ist es eine körperliche Erfahrung! Man spürt sie mit allen Sinnen. Mir zumindest geht es so und ich glaube nicht das ich der Einzige bin der dies so empfindet.

Ich bitte sie Ihre Ansichten noch einmal zu überdenken und eine positive Empfehlung für dieses Europaweite Mahnmal zu gehen. Ein Mahnmal das stetig wächst und hoffentlich ewig leben wird!

Christoph Jürgens – Hamburg! (Juni 2015) In der Hoffnung das sie dieser Brief erreicht!


25 Jahre im Dienst der Gemeinde: Stolperstein soll an Rabbiner Galliner erinnern 

Dr. Siegfried Galliner inmitten einer jüdischen SchülergruppeAbb.: Ausflug einer jüdischen Schülergruppe mit Dr. Siegfried Galliner, vor 1938

Dr. Siegfried Galliner war der letzte amtierende Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, bevor mit der gewaltsamen Zer- störung der Synagoge und des Gemeindehauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Bet- saales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete.

Bereits 1914 hatte der aus Zinten/Ostpreußen stammende Gelehrte seine vielfältigen Tätigkeiten zum Wohle der Jüdischen Minderheit in Gelsen-kirchen begonnen. Mit Rabbiner Galliner wird an eine großartige Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Gelsenkirchen erinnert. Der ehemalige Gelsenkirchener Bürger und Holocaust-Überlebende Fred Diament schrieb nach seiner Befreiung: "(...) Wir in der ostjüdischen Gemeinschaft hatten interessanterweise keinen Rabbi, wohingegen die deutsch-jüdische Gemeinschaft einen sehr berühmten Rabbi hatte - sein Name war Dr. Galliner -, der von den Ostjuden sehr respektiert wurde. Und nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft sondern auch in der christlichen Gemeinschaft, weil er ein Gelehrter, ein hervorragender Linguist war. Ich erinnere mich, er sprach Chinesisch und er schrieb Chinesisch. Ein außergewöhnlicher Mensch! (...)"

Nachruf auf Dr. Siegfried Galliner in AJR Informations' April, 1960Abb.: Nachruf auf Dr. Siegfried Galliner in 'AJR Informations', April 1960

Im Dezember 1938 starb Galliners Frau Rose. Erst im Frühjahr 1939 entschloss sich der allseits geachtete und hoch geschätzte Rabbiner Dr. Galliner in letzter Minute zur Flucht aus Nazi- Deutschland. Er starb im Alter von 85 Jahren 1960 in London und wurde auf dem Friedhof der United Synagogue in Bushey, England beigesetzt.

Sowohl an der Stätte seines langjährigen Wirkens am Platz der alten Synagoge, Ecke Gilden-/Georg-straße und auch am letzten selbstgewählten Wohnort an der Munckelstraße sollen schon bald Stolpersteine an den jüdischen Theologen Dr. Siegfried Galliner und seine Frau Rose erinnern. Für die beiden Stolper-steine, die an der Munckelstr. an das Ehepaar Galliner erinnnern sollen, können noch Patenschaften über- nommen werden. Info: (0209) 9994676 oder Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de


Neue Stolpersteine im August 

Von-der-Recke-Strasse 11: Stolpersteine erinnern hier schon bald an Familie BrochAbb.: Von-der-Recke-Straße 11 in der Gelsenkirchener Altstadt. Eigentümer dieses Hauses war bis in die zweite Hälfte der 1930er Jahre der jüdische Kaufmann Hugo Broch. Schon bald werden hier Stolpersteine an Vertreibung und Ermordung der Familie Broch erinnern.

Für den 14. August 2015 ist die nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen geplant. An sieben Orten wird Bildhauer Gunter Demnig dann weitere 20 Stolpersteine flächenbündig in das Geh- wegpflaster einlassen.

Stolpersteine sind 10x10 Zentimeter große Beton-quader, auf der Oberseite mit einem Messingblech versehen. In die metallerne Oberfläche werden unter der obersten Zeile HIER WOHNTE biogra-fische Eckdaten eingeschlagen, die so den indivi-duellen Lebens- und Leidensweg eines Menschen skizzieren. Demnigs Stolpersteine erinnern am letzten bekannten und selbst gewählten Wohnsitz an Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und an Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen. Stolpersteine erinnern auch an die Menschen, denen noch rechtzeitig eine Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen ist, "Im Gedenken sollen Familien symbolisch wieder vereint werden" sagt Gunter Demnig.

Verlegt werden im August Stolpersteine für Ernst Papies an der Cranger Strasse 398, für Familie Markus Jeckel an der Hauptstrasse 63, für Familie Frieda Alexander an der Ringstrasse 67, für Rabbiner Dr. Siegfried Galliner an am Platz der Alten Synagoge/Georgstrasse 2, für Familie Moritz Goldschmidt an der Augustastrasse 4, für Familie Hugo Broch an der Von-Der-Recke-Strasse 11 und an der Feldmarkstrasse 119 für Familie Bernhard Höchster.

Die Stolpersteine werden ausschließlich durch Patenschaften, die Arbeit der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen durch Spenden finanziert. Info: (0209) 9994676 oder Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de

 

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Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.

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